Ulm Professor Steinacker über Leistungsdiagnostik, Doping und Ernährung

Leistungsdiagnostik an der Ulmer Sportmedizin: Professor Jürgen Steinacker und Läufer Jürgen Thom im Jahr 2011.
Leistungsdiagnostik an der Ulmer Sportmedizin: Professor Jürgen Steinacker und Läufer Jürgen Thom im Jahr 2011. © Foto: Maria Müssig
Ulm / UTE GALLBRONNER 16.09.2016
Laufen ist gesund, so lange man sich an ein paar Grundregeln hält. Fragen an Professor Jürgen Steinacker, Leiter der Sportmedizin an den Ulmer Universitätskliniken.

Muss man sich als Laufanfänger eigentlich vom Arzt untersuchen lasse, ehe man mit dem Training beginnt?
JÜRGEN STEINACKER: Wer älter als 35 Jahre ist und noch nie Sport gemacht hat oder auch nach einer längeren Pause wieder einsteigt, der sollte sich durchchecken lassen. Das gilt natürlich ebenso für jeden, der momentan schon Beschwerden hat.

Ab welchem Trainingsumfang sollte man sich den Rat eines Arztes unbedingt einholen?
STEINACKER: Wer einen Marathon oder einen Halbmarathon laufen will, der sollte gesund sein. Es kommt auch immer auf die Ziele an, die man hat. Wem es darum geht, seine Leistung zu verbessern, für den stellt sich natürlich die Frage, ob er zum Gesundheitscheck geht oder eine weitreichendere Beratung beim Sportmediziner sucht. Eventuell kann dann die Leistungsdiagnostik weiterhelfen.

Was versteht man darunter eigentlich?
STEINACKER: Es geht darum festzustellen, wie der ganze Mensch trainiert ist und welche Grundleistungsfähigkeit er hat. Ein leistungsfähiger Mensch lebt länger, er kann besser mit extremen Belastungen umgehen, übersteht etwa Operationen oder eine Chemotherapie besser. Dem Sportler geht es natürlich um seine Leistung, die er in seiner Sportart erbringen und wie er sie verbessern kann. Die einfachste Methode ist ein Laktatfeldtest, den wir ja auch im Rahmen der Einstein-Vorbereitung immer anbieten. Das ist ein Einstieg. Man bekommt mit wenig Aufwand schon relativ viel Infos.

An Ihrem Institut gibt es aber auch weitergehende, individuelle Angebote...
STEINACKER: Wer tiefer einsteigen will, kann eine Laufbandanalyse mit Laktat machen lassen, die Sauerstoffaufnahme analysieren oder auch eine zusätzliche Blutuntersuchung oder eine biomechanische Analyse. Das machen wir natürlich für Profi- und Kadersportler, aber auch für ambitionierte Freizeitsportler. Wobei es natürlich immer auf die Sportart und die Problemstellung ankommt, was gemacht wird.

Was bringt das einem Läufer?
STEINACKER: Er erhält Auskunft über seine Leistungsfähigkeit. Er erfährt auch, wie er sein Training steuern kann, etwa in welchen Herzfrequenzbereichen er sein Grundlagentraining machen kann, wie Trainingsreize setzen kann.

Kann man eigentlich auch zu viel trainieren?
STEINACKER: Das kommt durchaus im Leistungssport vor. Wer gesundheitsorientiert trainiert mit zu zehn Stunden in der Woche, der braucht sich da keine Sorgen zu machen. Hier ist eher das Problem, dass zu gleichförmig trainiert wird.

Also sollte man nicht immer nur darauf aus sein länger und mehr zu laufen?
STEINACKER: Nein. Viel hilft nicht immer viel. Das ist der häufigste Fehler, der gemacht wird: Man läuft immer mehr und mehr, aber in einem komfortablen Zuckeltempo. Dann kommt die Ernüchterung: Trotz längerer Trainingszeit wird man nicht schneller. Das frustriert. Statt immer draufzupacken, muss ich Reize setzen, etwa mit Intervalltraining.

Umfragen zeigen, dass viele Läufer Schmerzmittel nehmen, um nicht zu sehr leiden zu müssen...
STEINACKER: Und man findet Läufer, die das propagieren. Es ist traurig, dass gesunde Menschen Medikamente nehmen, um leistungsfähiger zu sein. Es gibt ja eine Studie der Welt-Anti-Doping-Agentur zum Schmerzmittel-Gebrauch, die gerade im Fußball besorgniserregende Ergebnisse erbracht hat. Bis zu 50 Prozent nehmen Schmerzmittel, das ist aus medizinischer Sicht nicht zu tolerieren.

Welche Folgen drohen denn bei regelmäßigem Schmerzmittelgebrauch?
STEINACKER: Eine Schmerztablette bei akuten Beschwerden ist etwas anderes als eine Dauerbehandlung oder eine Einnahme vor dem Wettkampf. Die Langzeitfolgen können bei nicht steriodalen Antirheumatika, wie Diclofenac oder Ibuprofen, erheblich sein. Das Verletzungsrisiko wächst, die Regeneration der Muskelzellen wird gehemmt, die Trainingsbelastung wird nicht mehr so gut toleriert und es drohen Nierenschäden. Es ist also dringend davon abzuraten.

Wie sieht's mit der Ernährung aus?
STEINACKER: Am Tag vor dem Wettkampf sollte man kohlenhydratbetont, aber auch leicht essen. Also keine Riesenmengen an Pasta reinschaufeln.

Und am Wettkampftag selbst?
STEINACKER: Essen, was einem schmeckt und vor allem das Trinken nicht vergessen. Ganz wichtig ist, dass man keine Experimente macht und alles schon mal ausprobiert.

Während des Wettkampfs werden ja oft Bananen gereicht oder die Läufer haben verschiedene Gels dabei...
STEINACKER: Bananen sind nicht das Wundermittel. Sie sind oft gut verträglich, haben aber auch keine hohe Energiedichte. Gels haben viel Energie und sind gut zu transportieren. Sie können problematisch sein, weil man dazu sehr viel trinken muss und es gibt mehr Magen-Darm-Beschwerden. Wir empfehlen eher flüssige Drinks, etwa eine selbst gemachte Lösung mit etwa fünf Prozent Zuckeranteil wie Maltodextrin und 0,5 Prozent Kochsalz. Gerade Kochsalz ist im Ausdauersport wichtig und Mangel ist die häufigste Ursache von Muskelkrämpfen.

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