Produzentin Produzentin Judith Fülle und die Liebe zum Film

München/Ulm / Magdi Aboul-Kheir 09.08.2017
Nach dem Abitur in Ulm hat sich Judith Fülle ihren Traum verwirklicht: Sie macht Fernsehen und Kino. Wie jetzt die Roman-Adaption „Tigermilch“.

Ein „Fernsehkind“ sei sie gewesen, erinnert sich Judith Fülle. Während ihrer Schulzeit aber jobbte sie als Filmvorführerin in der Lichtburg und im Mephisto und entdeckte ihre Liebe zum Kino. Dennoch wollte sie Lehrerin werden, für Chemie und Sport. Als sie nach dem Abitur an der Ulmer Valckenburg-Schule mit ihrem Vater nach Ludwigsburg fuhr, um sich die Pädagogische Hochschule anzusehen, las sie „Filmakademie“ auf einem Schild. „Da schauen wir auch noch vorbei“, sagte sie. Es sollte ein Vorbeischauen mit Folgen werden: Tatsächlich studierte Judith Fülle Filmproduktion, seit sechs Jahren ist sie erfolgreich in der Branche tätig, kommende Woche kommt mit „Tigermilch“ die von ihr produzierte Verfilmung eines hochgelobten Romans in die Kinos.

Fülle, Jahrgang 1985, ist in Heroldstatt aufgewachsen, machte in Laichingen Mittlere Reife und ging nach Ulm, um ihr Abitur nachzuholen. Nebenher arbeitete sie nicht nur im Kino, sie machte mit Freunden bei einem Kurzfilmwettbewerb mit, absolvierte dann Praktika in Produktions- und Vertriebsfirmen – und wurde 2006 tatsächlich an der Filmhochschule aufgenommen, auf der Münchner. Sie studierte nicht Regie, sondern Produktion: „Weil das so viel von dem umfasst, was mich interessiert. Ich kann mich in allen Bereichen des Filmemachens einbringen, von der Stoffentwicklung über die Finanzierung bis zum Casting.“

2010 schloss sie ihr Studium ab, kurz darauf fing sie bei der Akzente Film- und Fernsehproduktion in München an. Susanne Freyers Firma macht Kino und Fernsehen, und Judith Fülle schätzt die Vielfalt. So hat sie Kinofilme wie „Nebenwege“ und TV-Movies wie „Deckname Luna“ produziert, vor allem aber die ­ambitionierte ZDF-Krimireihe „Kommissar Marthaler“.

„Tigermilch“ ist nun aber ein ganz besonderes Projekt. Stefanie de Velascos Roman erschien 2013 und erhielt hervorragende Kritiken. Auch die Filmemacherin Ute Wieland („Freche Mädchen“) war von der zuweilen krassen Geschichte zweier 14-jähriger Berlinerinnen begeistert und ging damit zur Produktionsfirma Akzente, mit der sie schon zusammengearbeitet hatte: „Lest mal!“ Auf die Filmrechte setzte ein Run ein, erzählt Judith Fülle, aber Akzente und Ute Wieland bekamen den Zuschlag – vielleicht nicht zuletzt, weil Autorin Stefanie de Velascos auch Schauspielerin ist und in Wielands Film „FC Venus“ mitgespielt hatte. Die Constantin Film kam als Co-Produzent und Verleiher mit ins Boot.

In „Tigermilch“ geht es um die besten Freundinnen Nini und Jameelah. Sie lassen sich durch den Berliner Sommer treiben, trinken das titelgebende Gebräu – Maracujasaft, Milch und Maria­cron – und wollen sich entjungfern lassen „vom süßesten Typen der Welt“. Dass Jameelahs irakischstämmiger Familie die Abschiebung droht, daran wollen die beiden nicht denken. Stattdessen lassen sie es krachen. Doch als sie nachts einen Liebeszauber veranstalten, werden sie Zeuginnen eines Ehrenmords – danach ist nichts mehr, wie es vorher war, auch zwischen den beiden.

Judith Fülle liebt an dem Roman die gleichermaßen direkte und doch kunstvolle Sprache und „seine Leichtigkeit trotz harter Themen“. Aber eine derart heftige Jugendgeschichte glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen, ist eben eine Herausforderung. Ute Wieland schrieb das Drehbuch, Filmförderung und Finanzierung liefen vergleichsweise glatt, sagt Judith Fülle. Doch dann folgte eine große Hürde: das Casting.

Denn einerseits steht und fällt eine solche Teenager-Story mit den Darstellerinnen – andererseits braucht man für gewöhnlich ältere Schauspielerinnen, denn 14-Jährige dürfen maximal drei Stunden pro Tag drehen, angesichts der Kosten von Dreharbeiten „eine Katastrophe“, sagt Judith Fülle. Fast ein Jahr lang dauerte die Suche. Schon früh hatte man Flora Li Thiemann und Emily Kusche gefunden, nur waren sie zu jung. Doch alle Probeaufnahmen mit älteren Mädchen überzeugten nicht, schließlich entschied man sich doch für Thiemann und Kusche: „Egal, wir müssen es hinkriegen!“ Die beiden waren beim Dreh tatsächlich erst 14, am Set war ein Kinder-Coach, die Mädchen wurden „extrem gut vorbereitet“, alles wurde akribisch durchgeplant.

Keine Kompromisse

Gedreht wurde vergangenen Sommer in Berlin: am Bahnhof Zoo, am Kudamm, in Gropiusstadt. „Wir wollten kein Postkarten-Berlin zeigen“, sagt Fülle – tatsächlich hat der Film einen authentischen Look. Mit dem Jugendamt gab es Diskussionen, denn in „Tigermilch“ ist „eigentlich alles drin, was ein No Go ist“, sagt Judith Fülle: Rauchen, Trinken, Gewalt, Sex. Und obwohl die Filmemacher keine Kompromisse mit der Geschichte eingegangen sind, haben sie die Altersfreigabe ab 12 bekommen. Alles andere wäre angesichts der Story und Zielgruppe auch absurd.

Nach dem Film ist vor dem Film: Judith Fülle hat einen neuen Marthaler-Krimi in der Mache und entwickelt Stoffe aus dem Sachbuch-Bestseller „Teenie-­Leaks“ des 15-jährigen Paul Bühre: einen Kinofilm und eine Serie. Doch nun ist sie gespannt auf den Kinostart von „Tigermilch“. Der Film läuft auch in Ulm an – wo sie die Liebe zum Film fand.

Marthaler-Krimis sollen sich abheben

Fernsehen Die Kommissar-Marthaler-Krimis, die Judith Fülle produziert, sind ihr ein Anliegen. „Es gibt so viele Krimis“, sagt sie, „man muss sich von der Masse abheben.“ Sie mag, dass die Marthaler-Filme „ein bisschen dunkler, skandinavischer sind“. Auf die Qualität der Drehbücher und der Besetzung werde besonders geachtet. Fünf Folgen liefen seit 2012 im ZDF, Nummer sechs entsteht derzeit. abo