Krankentransporte Privater Rettungsdienstbetreiber im Clinch mit Leitstelle

Bei Krankentransporten und Verlegungsfahrten konkurrieren oft mehrere Anbieter um Aufträge. Das sorgt mitunter für Konflikte, wie jetzt in Ulm.
Bei Krankentransporten und Verlegungsfahrten konkurrieren oft mehrere Anbieter um Aufträge. Das sorgt mitunter für Konflikte, wie jetzt in Ulm. © Foto: ©Jaromir Chalabala/Shutterstock
Ulm / Christoph Mayer 08.01.2018
Ein Privatanbieter fühlt sich von der Leitstelle benachteiligt. DRK und ASB kämen über Gebühr zum Zuge. Die vom DRK betriebene Leitstelle nennt die Vorwürfe abwegig.

Für Ralph Schuster ist die Sache offensichtlich: Der Geschäftsführer des kleinen privaten Krankentransportunternehmens RTS Ulm mit Sitz in Dornstadt fühlt sich von der Ulmer Rettungsleitstelle benachteiligt. Seit 2014 bietet seine Firma Krankentransportfahrten an. Vier Sankas – drei in Dornstadt, einer in Ehingen  – sowie zwölf Rettungssanitäter und vier Fahrer stehen täglich für Transport- und Verlegungsfahrten von Patienten bereit. Gemessen an dieser Manpower bekomme RTS zu wenige respektive zu oft unlukrative Aufträge, sagt Schuster.

Pauschal 75 Euro

Dazu muss man wissen: Fahrten bis 100 Kilometer werden von den Krankenkassen pauschal mit 75 Euro vergütet, erst bei Fernfahrten über 100 Kilometer wird eine höhere Kilometerpauschale fällig. Ein Transport innerhalb Ulms ist ergo finanziell lohnenswerter als etwa eine Verlegung von Erbach nach Bad Schussenried (hin und zurück knapp 100 Kilometer), mit der ein Sani-Team schon mal zweieinhalb Stunden beschäftigt sein kann. „In letzter Zeit kam es auffallend oft vor, dass wir solche Fahrten von der Leitstelle vermittelt bekommen haben.“ Bei Nah-Fahrten gehe man dagegen immer wieder mal leer aus, selbst wenn es sich um Wunschfahrten handele, bei denen ein Patient ausdrücklich ein RTS-Fahrzeug angefordert habe. Insgesamt 3740 Fahrten habe RTS im vergangenen Jahr abgewickelt, im Vergleich zu 2016 ein Minus von 3,8 Prozent. „Ich kämpfe um meine Existenz.“

Dass es Schuster nicht allein um Geld geht, verdeutlicht er an einem anderen Beispiel. Zwar hat RTS keine Zulassung für Rettungseinsätze, also Fahrten mit Blaulicht. Gleichwohl schreibe das Landesrettungsdienstgesetz vor, dass bei Notfällen stets die nächstgelegene einsatzbereite Wache zur Erstversorgung herangezogen werden muss – vergütet werden solche Einsätze generell nicht. Der Unternehmer will belegen können, dass es allein im vergangenen Jahr an die 60 Unfälle in und um Dornstadt gab, bei denen ausnahmslos Fahrzeuge des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) oder des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) aus Ulm anrückten, „obwohl wir einsatzbereit auf der Wache standen und schneller am Ort des Geschehens gewesen wären“.  Für Schuster ein Unding: „Es geht ums Wohl der Patienten, die ersten fünf Minuten sind oft entscheidend.“

Drei Anbieter sind im Raum Ulm auf dem Markt. Der Löwenanteil der von der Integrierten Leitstelle vergebenen Aufträge (siehe Infokasten) geht an die Platzhirsche DRK und ASB, die freilich mit deutlich größerem Fuhrpark und mehr Personal aufwarten können. Träger der Leitstelle ist das DRK, denn in ganz Baden-Württemberg ist es einheitlich geregelt: Der größte Anbieter übernimmt die Leitstellenfunktion, dies gilt als „hoheitliche Aufgabe“.

Nicht nur Schuster kritisiert das. Rückendeckung erhält er von  Andreas Wolf. Der Sprecher der Interessengemeinschaft privater Rettungsdienste in Baden-Württemberg mit Sitz in Karlsruhe will sich auf Anfrage zwar nicht zu den konkreten Anschuldigungen äußern, räumt aber ein, dass es im Land immer wieder mal ähnlich geartete Beschwerden gebe. Ob Infektionstransport, Verlegung eines stark übergewichtigen Patienten oder eine 99-Kilometer-Fahrt kurz vor Schichtwechsel: Immer wenn es mühsam oder unangenehm werde, gebe es bei Leitstellen „eine gewisse Tendenz, nicht auf die eigenen Leute zurückzugreifen“.

Für Wolf ist es ein Systemfehler, dass der größte Wettbewerber im Land den gesamten Transport disponiert. In der Notfallrettung sei dies sinnvoll, „da muss alles aus einer Hand laufen“. Im Krankentransportwesen verweist er dagegen auf andere Bundesländer, in denen kleinere Organisationen eigene Telefonzentralen betreiben dürfen.

„Absolut korrekt“

An den Anschuldigungen Schusters sei nichts dran, sagt dagegen David Richter. Der Geschäftsführer des DRK-Rettungsdienstes Heidenheim-Ulm sieht sich seit Jahren mit dessen Vorwürfen über eine angebliche Ungleichbehandlung konfrontiert und macht keinen Hehl daraus, dass er den Unternehmer für einen Querulanten hält – auch wenn er dieses Wort natürlich nicht in den Mund nimmt. „Sämtliche Nachprüfungen –  auch durch die Aufsichtsbehörden  –  haben stets ergeben, dass die Integrierte Leitstelle absolut korrekt arbeitet und den Gleichbehandlungsgrundsatz bestmöglich einhält.“ Sogar Andreas Wolf habe dies bestätigt. Gerne sei er bereit, jeden einzeln von Schuster angemahnten Fall zu recherchieren. „Sie werden sehen, dass sich die Vorwürfe dann in Luft auflösen.“

Keine Konzession mehr

Auch der Ulmer Feuerwehrkommandant Hansjörg Prinzing hält für die Arbeitsweise der Integrierten Leitstelle Ulm seine Hand ins Feuer. Sie arbeite nach dem d’Hondtschen Verfahren, das kleinere Anbieter besonders berücksichtige. „Im Zweifel geht der Zuschlag an die Kleinen.“ Dass bei einem Anbieter hin und wieder ein subjektives Gefühl der Benachteiligung entstehe, sei schon immer so gewesen. „Hinterher hat sich meist rausgestellt, dass diese Einschätzung falsch war.“

Ob Ralph Schuster überhaupt weitermachen kann, ist derzeit offen. Aus „Schusseligkeit“, wie er selbst sagt, habe er es versäumt, eine Verlängerung seiner Konzession für 2018 zu beantragen. Zurzeit fährt keiner seiner Wagen, die Mitarbeiter sind freigestellt. Am 12. Januar ist eine Anhörung im Landratsamt Alb-Donau angesetzt. Schuster ist zuversichtlich, dass er danach wieder eine Zulassung erhält.

Jährlich an die   80 000 Einsatzfahrten

Leitstelle Die Integrierte Leitstelle Ulm disponiert jährlich die folgende Zahl von Einsätzen und Transporten (gerundet): 27 000 Notfalleinsätze mit Rettungswagen; 10 000 Notarzt­einsätze; 1700 Rettungshubschrauber-Einsätze;  6000 Verlegungs-Transporte mit Rettungswagen; 30 000 Krankentransporte;  2400 Bluttransporte; 3500 Feuerwehreinsätze; hinzu kommen 30 000 Vermittlungen des kassenärztlichen Notdienstes.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel