Ulm Premiere des Strado-Tanzabends „Heaven“

Hyänen, die ein sterbendes Tier zerfleischen? Kreisende Gedanken, die das Hirn zermartern? Marcella Centenero, Christina Zaraklani und Ines Nieder (von links) umtanzen Alessio Damiani in Minka-Marie Heiß’ Beitrag zu „Heaven“.
Hyänen, die ein sterbendes Tier zerfleischen? Kreisende Gedanken, die das Hirn zermartern? Marcella Centenero, Christina Zaraklani und Ines Nieder (von links) umtanzen Alessio Damiani in Minka-Marie Heiß’ Beitrag zu „Heaven“. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / CLAUDIA REICHERTER 09.09.2016
So unterschiedlich sieht im Stadthaus der „Himmel“ aus: mal erinnert er an eine Bar, mal an eine geschlossene Anstalt, mal an eine Straßenszene.

Von weiß zu farbig, von Klassik zu Klassikern des Pop, vom Tanztheater zu intellektuell Forderndem: Strado-Compagnia-Chef Domenico Strazzeri hat die vier ganz unterschiedlichen Choreografien zu „Heaven“ im Stadthaus sinnvoll arrangiert. Die kurzen Stücke von ihm und drei Choreografen, lose subsumiert unter dem englischen Wort für „Himmel“, führen die Spannungskurve übers Humorvoll-Erzählerische, einen Hauch von Melancholie zu Paolo Fossas zum Nachdenken einladenden Stück mit dem deutungsoffenen Titel „What about you“ – wie steht’s mit dir?

Zunächst lässt die Münchner Professorin für zeitgenössischen Tanz, Minka-Marie Heiß, Ulmer Tanzfans von diversen Strado-Abenden bekannt, die vier Tänzer in „Clockwork“ zu Uhrwerksgestampfe, Verkehrslärm und Flüstern in engen Kisten erwachen (Bühne: Kathrin Schwager). Sobald die ganz in Weiß gehüllten Protagonisten (Kostüme: Christina Schlumberger) geschlüpft sind, scheinen die Frauen den Mann zu zerfleischen – Hyänen über einem Kadaver, aber auch kreisenden Gedanken gleich, die das Hirn des psychisch Belasteten zerfetzen. Zu Beethovens Neunter und expressiven Schnaufern folgen Kampfszenen, Hebefiguren, Zucken und irres Lachen. Mit dramatischer Zuspitzung und Schreien erzählt Heiß tänzerisch elegant von der Nähe zwischen Genie und Wahnsinn, bevor sich die Vier in ihre Boxen zurückwinden.

 Alessio Damiani ist mit 23 Jahren der jüngste unter den beteiligten, sämtlich zur Premiere angereisten Choreografen dieses Tanzabends – und er schwitzt am meisten. Abgesehen von Strazzeris clownesken Einlagen beim Umbau ist er als einziger auch als Tänzer aktiv. In „La trampa – die Falle“ schafft er sich reichlich Gelegenheit, die klassische Tanzausbildung sowie schauspielerisches Können unter Beweis zu stellen. „Es la historia de un amor“ heißt es in dem die Bar-Szene begleitenden Canción. Tatsächlich handeln die drei teils an klassischen Flamenco angelehnten Episoden von diversen Facetten der Verführung: Marcella Centenero gibt zu „Besame mucho“ humorvoll zugespitzt die Leidenschaftliche, Christina Zaraklani verkörpert die dominierend Stolze, während Ines Nieder eine zart-schüchtern verspielte Interpretation aufkeimender Verliebtheit zeichnet. Vignetten eines niemals auserzählten Topos zwischen neckisch und sehnsüchtig – eine gelungene Premiere des jungen Choreografen.

 Strazzeris „My name is.?.?.“, für das Florian Lipphardt die Musik schrieb, ist nur sechs Minuten lang. Ob auf Stille, Klavierspiel, Rauschen oder Grollen: Einfühlsam und poetisch tanzt Ines Nieder die zweigeteilte Variation über Demenz – mit einer Schneekugel als einzigem Requisit. In völliger Reduktion vermittelt sie das Sich-Erinnern an ein reich gelebtes Leben ebenso wie die krankheitsbedingte Leere des Vergessens. Ein Häppchen, das Lust aufs komplette Menü zu Strados Winter-Tanzabend Ende Dezember macht.

 Der Düsseldorfer Tänzer, Dozent und Choreograf Paolo Fossa schließlich setzt sich fließend und elegant wie Heiß, zugleich aber abstrakt, intuitiv und das Publikum fordernd mit Gefühlen und Gruppenmechanismen auseinander. Zum schräg-lasziven „Wicked-Game“-Cover von Les Reines Prochaines wird Marcella Centenero gemobbt, zu Soul-Lady Irma Thomas’ „Anyone Who Knows What Love Is“ glänzt Ines Nieder, zu Sam Cookes „Bring It On Home To Me“ demonstriert Zaraklani die Unfähigkeit zur Kommunikation und Damiani gibt auf Schellack-Platten-Knarzen eine Art aufgeputscht-automatisierten Sonnengruß des Koffeinsüchtigen.

 Was auch immer den „Himmel“ für den Einzelnen ausmacht, Strazzeris Aufforderung, „tanzen Sie durchs Leben“, kommen ein paar Besucher nach der begeistert beklatschten zweistündigen Premiere vor dem Stadthaus tatsächlich nach.

Aufführungen im Stadthaus

Termine Die Strado Compagnia Danza ist mit „Heaven“ heute, morgen, am Sonntag sowie am 14., 15., 16. und 18. September, 20 Uhr, im Stadthaus zu sehen. Karten gibt es am Katalogstand des Stadthauses, bei SWU traffiti sowie an der Abendkasse.

 

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