Privat soll privat bleiben, auch wenn er Oberbürgermeister werden sollte. Das Reiheneckhaus am neuen Eselsberg ist Rückzugsort, Refugium der Familie oder wie er sagt: „Heimat im engeren Sinn.“

Seit 15 Jahren lebt Gunter Czisch mit seiner Frau Sigrid und den beiden Söhnen am Eselsberg, vor vier Jahren haben sie ihr jetziges Haus bezogen. Morgens mal zum Bäcker laufen, abends mit der Ehefrau, als Selbstständige beruflich ebenfalls sehr eingespannt, bei einem Glas Wein zusammensitzen, Freunde treffen, die nichts mit seinem Job als Erster Bürgermeister zu tun haben, eine Stunde am Schlagzeug im extra schallgeschützten Kellerraum verbringen – das ist für den 52-Jährigen Erholung.

Zurzeit muss er darauf verzichten. Weitgehend jedenfalls. Anders als manche seiner Mitbewerber hat er einen Job, der ihn voll in Anspruch nimmt, auch wenn er sich für den Wahlkampf Freiräume schafft. Für Czisch heißt das: Morgens ganz früh raus, abends erst spät ins Bett, um das Arbeits- und Wahlkampfpensum zu bewältigen.

Czisch ist auch derjenige unter den Kandidaten, für den viel auf dem Spiel steht. Nicht vorstellbar, dass er unter einem anderen oder einer anderen OB als Finanzbürgermeister im Amt bleiben würde.

Warum also tut er sich das an? Für Czisch eine einfache Frage. Seit 15 Jahren lenkt er als Erster Bürgermeister die Geschicke Ulms mit, „die Bilanz der Stadt ist auch meine Bilanz“. Jetzt will er an die Spitze. Mit Verweis auf seine Erfahrung sagt er: „Ich weiß, wie’s geht.“

Dazu kommt noch ein eher emotionales Motiv. Der gebürtige Stuttgarter, der in Dietenheim aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, fühlt sich Ulm verbunden wie keiner anderen Stadt. „Ich bewerbe mich in Ulm, weil ich mich nirgends anders bewerben will.“ Die Anfrage, ob er im Bodenseekreis als Landrat kandidieren möchte, hat das CDU-Mitglied vor zehn Jahren ausgeschlagen.

Die Bodensee-Region kennt Czisch gut. Er arbeitete vor seiner Ulmer Zeit bei der Stadt Überlingen und saß dem Personalrat vor, und er war Dezernent für Finanzen, Bau, Liegenschaften, Bildung und Abfallwirtschaft des Bodenseekreises. Von der Ampelschaltung bis zur Stadtentwicklung, vom Häckselplatz bis zur Gewerbeansiedlung: auf Czischs Schreibtisch landete eine ziemliche Bandbreite kommunaler Aufgaben.

Dabei war ihm die Verwaltungslaufbahn überhaupt nicht vorgezeichnet. In jungen Jahren malte er viel – und wie Werke aus dieser Zeit zeigen: mit ausgeprägtem Talent. Kunst hätte er gern studiert. Aber die Eltern und die Großeltern, die in Dietenheim eine Kfz-Werkstatt betrieben, hatten für derartige Wünsche wenig Verständnis. „Es hieß: Lern’ Du erst mal was Gescheites.“ Und so machte Gunter Czisch eine Verwaltungsausbildung bei der Stadt Ulm und absolvierte dann ein FH-Studium zum gehobenen Verwaltungsdienst.

Die künstlerische Ader pulst aber immer noch. Nur anders. Von der Malerei hat sich Gunter Czisch verabschiedet, seine Leidenschaft gehört nun der Musik. Er ist passionierter und, wie Kenner sagen, ambitionierter Jazz-Schlagzeuger. Er spielt in verschiedenen Jazz-Bands, bisweilen auch in kurzfristig zusammengewürfelten. Wie neulich mal. Der Auftritt, erzählt Czisch, wurde spontan beschlossen, „ich habe nur einen Mitspieler gekannt“. Den fragte er: „Was spielen wir?“ – „Vier Stücke.“ Darauf Czisch: „Geht’s ein bisschen genauer?“ Ging es offenbar nicht. „Das hörst Du ja dann gleich“, antwortete sein Mitspieler. Aus den vier Stücken wurden viele, der Auftritt dauerte drei Stunden.

Ohne Proben, ohne große Absprachen und Vorbereitungen vor Publikum drauflos spielen – das klappt nicht einfach so. Eine Voraussetzung braucht es schon, sagt Czisch: „Kreativ in der Musik kann man nur sein, wenn man sein Handwerk versteht.“ Das sieht er, natürlich, als Parallele zur Aufgabe eines Oberbürgermeisters.

Und dass er als Schlagzeuger den Takt angibt, passt durchaus zu seiner Arbeit als Finanzbürgermeister. Er muss dafür sorgen, dass die städtischen Finanzen stimmen – nur wenn Geld da ist, lässt sich investieren und gestalten. Abgesehen davon: „Schlagzeug spielen hat viel mit Zahlen zu tun“, sagt er. „Das ist pure Mathematik.“

In der Politik komme es letztlich auf zwei Dinge an, findet Czisch: „die Grundrechenarten beherrschen und die Zehn Gebote befolgen.“ Seine Großmutter habe ihn sehr christlich erzogen, erzählt der Katholik, seine Eltern waren beide berufstätig. Die Oma vermittelte dem Jungen ein solides Wertefundament, auf dem er, wie er sagt, noch heute steht. „Ich habe eine Haltung, keine Meinung.“ Und wenn jemand ideologisch argumentiert, „dann kriege ich einen dicken Hals“.

Es gibt also auch was, über das Czisch sich ärgern kann. Verbindlichkeit bedeutet ihm viel. Versprechungen, die nicht eingehalten werden, seien ihm ein Graus, sagt er. Dass dann im Wahlkampf die inhaltlichen Glanzlichter fehlen können, nimmt er in Kauf. „Solide ist nicht spannend. Aber solide ist wichtig.“

Ganz wie in der Musik eben. Nur wer viel geübt hat und sein Instrument beherrscht, kann improvisieren. Wenn Czisch den Kopf frei kriegen will, geht er in den Keller und setzt sich an sein Schlagzeug. Seit sein älterer Sohn in Hamburg studiert, hat der Vater den heimischen Proberaum meist für sich allein. Ein bisschen Privatsphäre muss schließlich sein.

 

Zur Person

 Gunter Czisch ist 1963 in Stuttgart geboren und in Dietenheim aufgewachsen. Er absolvierte eine Ausbildung bei der Stadt Ulm – eine Laufbahn, die er zuerst zwar nicht einschlagen wollte, die ihm aber genügend Zeit ließ für seine Hobbys Musik und Sport. Der Schlagzeuger spielte unter anderem in der Stadtkapelle Dietenheim, er war Leichtathlet und Skifahrer. Über den zweiten Bildungsweg schloss Czisch das Studium zum gehobenen Verwaltungsdienst als Diplom-Verwaltungswirt (FH) ab. Seit 2000 ist er Erster Bürgermeister der Stadt Ulm, zuständig für Finanzen, Personal, Organisation, Informations- und Kommunikationstechnologien. Der 52-Jährige ist verheiratet und hat mit seiner Frau Sigrid zwei Söhne. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbands des Deutschen Roten Kreuzes und Vorsitzender des Musikvereins Söflingen/Stadtkapelle Ulm.

 

Am liebsten in den Jazzclub

 

Bayern oder Dortmund?
Bayern

Prosecco oder Pils?
Pils

Hund oder Katze?
Katze

T-Bone-Steak oder Tofu?
Steak

Ratiopharm-Arena oder Donaustadion?
Beides

Merkel oder Seehofer?
Merkel

H&M oder Reischmann?
Was mir gefällt, kaufe ich

Alicante oder Allgäu?
Alicante

Sommer oder Winter?
Sommer

Heute-Journal oder Heute-Show?
Heute-Journal

Sport oder Sportschau?
Sport

Buch oder E-Book?
Buch

VW oder Audi?
Mercedes

Theater oder Kradhalle?
Jazzclub

Beatles oder Stones?
Stones

Zeitung oder Internet?
Zeitung

Außer SÜDWEST PRESSE: Frankfurter Allgemeine oder Süddeutsche Zeitung?
Handelsblatt, Stuttgarter Zeitung, Spiegel