Islamismus Polizei gibt Entwarnung: Neu-Ulmer Islamisten-Szene in alle Welt zerstreut

Ulm/Neu-Ulm / HANS-ULI MAYER 20.09.2014
Verurteilt, verzogen, verstorben. Die einst als gefährlich beschriebene Islamistenszene in Ulm/Neu-Ulm hat sich nach Angaben der Polizei weitgehend beruhigt. Entwarnung gibt sie aber dennoch nicht.

Vor gut zehn Jahren hat der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein die Region Ulm/Neu-Ulm als absolute Hochburg für extreme Islamisten bezeichnet. Heute, Beckstein ist längst im politischen Ruhestand, hat sich die Szenerie ziemlich beruhigt. "Wir registrieren keine extremen Aktivitäten mehr", sagt ein Ermittler einer grenzüberschreitenden Spezialeinheit.

Tatsächlich haben die extremen Islamisten schon seit Jahren für keine Schlagzeilen mehr gesorgt. Im Grunde ist es seit der Verurteilung der Sauerland-Gruppe im April vor vier Jahren ruhig geworden in Ulm/Neu-Ulm. Wie berichtet, hatte die Gruppe um zwei Ulmer Extremisten Sprengstoffanschläge auf amerikanische Einrichtungen in Deutschland geplant und in einem Ferienhaus im Sauerland auch konkret vorbereitet.

Verurteilt, verzogen, verstorben. Mit diesen drei Stichworten kann die Veränderung der Ulmer Szene beschrieben werden. Denn mit dem Verbot des Multikultur-Hauses (MKH) in Neu-Ulm vor Jahren verloren die Islamisten ihren Treffpunkt, das Islamische Informationszentrum (IIZ) in Ulm hat sich nicht zuletzt wegen des hohen Kontrolldrucks der Polizei von selber aufgelöst. Nach der Verurteilung der Sauerland-Gruppe sind viele ihrer Sympathisanten abgewandert.

Schon in den Jahren zuvor haben zwei Konvertiten im bewaffneten Kampf in Tschetschenien ihr Leben verloren. Von der ehemaligen sowjetischen Republik am Kaukasus spricht heute keiner mehr im Zusammenhang mit Extremismus. Die Aufmerksamkeit hat sich über Afghanistan nach Syrien verlagert, wo die heutige Generation der Dschihadisten für ihre Sache kämpft.

Bis auf die Heiligen Krieger, die zu Beginn des Jahrhunderts nach Tschetschenien in den Kampf zogen, sind keine Vertreter aus der Region bewaffnet ins Ausland gegangen. Einige wenige der Polizei bekannte Personen sind in den Raum Bonn verzogen, wo sich die Szene nach der Zerschlagung an Donau und Iller neu formiert hat. Der Großteil aber ist ins Ausland abgewandert - vornehmlich nach Ägypten oder Saudi-Arabien.

Allen voran der frühere Mentor und geistige Führer Dr. Yehia Yousif, der rund um das MKH eine Gruppe junger Menschen um sich geschart hatte, von denen viele später Gegenstand polizeilicher Ermittlungen wurden. Nachdem sein Sohn wegen Terrorverdacht des Landes verwiesen wurde und sich in Ägypten niedergelassen hatte, hat er sich selber nach Saudi-Arabien abgesetzt, wo er heute in einer Universitätsstadt am Roten Meer arbeitet.

Kontakt unterhalten noch viele miteinander, wie die Polizei weiß, politisch aktiv sind aber die wenigsten. Ein deutscher Konvertit, der im MKH lange als Vorbeter fungierte, lebt in Mittel-Ägypten und übersetzt Koranverse in die deutsche Sprache. Ein weiterer, der lange im Vorstand der Neu-Ulmer Moschee war, lebt in der Nähe von London und handelt mit Gebrauchtwagen. Ihm war zuletzt der Prozess wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung gemacht worden. Das Verfahren wurde aber eingestellt.

Die Alten sind weg, Neue hinzugekommen. Die Polizei hat aktuell 20 bis 30 Personen im Blick, von denen aber offenbar keiner erkennbar das Format der früheren Aktiven hat. Auch die Herkunftsländer haben sich verändert. Während im zurückliegenden Jahrzehnt hauptsächlich Personen arabischer Herkunft oder zum Islam übergetretene junge Deutsche aktiv waren, sind es jetzt überwiegend junge Männer mit türkischen Wurzeln.

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