Pogromnacht Pogromnacht: SA-Männer misshandelten Ulmer Juden

Ulm / RUDI KÜBLER 09.11.2013
Was sich in der Nacht zum 10. November 1938 auf dem Weinhof abgespielt hat, ist mit das abscheulichste Kapitel der Ulmer Geschichte: SA-Männer trieben Juden durch den Brunnen, prügelten und traten sie.

Wie sollte Hermann Stefan, einer der angeklagten SA-Männer, Jahre nach dem feigen Verbrechen sagen?

"Es wurde damals keine schöne

Tat begangen, was ich später

einsah . . . Ich war dabei und

schäme mich heute deswegen,

weil ich sagte, in die Donau soll

man sie werfen."

Keine schöne Tat. So kann man es natürlich sehen - und so sahen es wohl im Nachhinein auch die anderen drei ehemaligen SA-Männer Hans Schiller, Albert Keimer und Karl Merkle, die im Dezember 1946 wegen Brandstiftung beziehungsweise Landfriedensbruchs und schweren Hausfriedensbruchs angeklagt waren. Schiller, Parteigenosse seit 1933 und Oberscharführer, verstieg sich in dem Verfahren, das die Vorkommnisse der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 aufrollte, sogar zu der Bemerkung: "Wenn die Polizei dabei ist, muss man doch annehmen, dass man keine strafbaren Handlungen begeht." Und so hatte der Sattlermeister eben auf die Juden eingeschlagen, zumal die anderen es ja auch taten. Mindestens vier Juden seien es gewesen, stellte das Gericht fest, nachdem Schiller zum Brunnen auf dem Weinhof vorgedrungen war. Er habe mit Händen und Fäusten auf sie eingedroschen, und dann? Das Ende der Gewalttätigkeit klingt lapidar - und ist deshalb so erschreckend. "In der Zwischenzeit graute der Morgen, und es war für mich an der Zeit, an meine Arbeit zu gehen." Gerade so, als wäre nichts geschehen.

Und die Juden, die die SA-Männer Stunden zuvor aus den Betten geklingelt hatten unter dem Vorwand, sie müssten ihre in Brand geratene Synagoge löschen? Ingo Bergmann schreibt im Gedenkbuch für die Ulmer Holocaust-Opfer, dass mindestens 25 von ihnen nach der Pogromnacht im Polizeigefängnis im Griesbad landeten. Zum Teil in schwer verletztem Zustand, wie sich Alfred Adler erinnerte - und er erinnerte sich Jahre danach noch ziemlich gut an diese Nacht, "weil ein derartiges Erlebnis nie vergessen werden kann". Er selber hatte das Glück, dass er von einem Kriminalbeamten verhaftet wurde, derweil der SA-Mob vor seinem Haus, Bahnhofstraße 20/III, randalierte und versuchte, seiner habhaft zu werden.

Im Gefängnis sah Adler schließlich seine Glaubensbrüder: beispielsweise Rechtsanwalt Siegfried Mann, barfuß und im Schlafanzug, schwer traumatisiert, das Nasenbein gebrochen. Oder Dr. Julius Cohn: Der Rabbiner der jüdischen Gemeinde, der in besonderem Maß der nationalsozialistischen Hetze ausgesetzt war, wurde derart zugerichtet, dass Adler befürchtete, Cohn werde nicht überleben. "Ich kannte sein schweres Herzleiden." Der ärztliche Befund deutete auf große Gewalt hin:

"Schädelhälfte verbunden, nach

Abnahme des Verbandes ausser-

ordentlich starke Haematome in

der ganzen lk. Gesichtshälfte

einschl. Nase, Augenlider und

lk. Ohr. Das lk. Auge ist voll-

kommen zugeschwollen und

blutet, die Conjunctiva zeigt

grosses Haematom. Lippen stark

geschwollen. Grosses Haematom

unterhalb am Hals . . ."

Cohn sollte sich von seinen Verletzungen nicht mehr erholen, im Mai 1939 reiste er gemeinsam mit seiner Frau Dorothea nach England aus. Im März 1940 starb der Rabbiner in Golders Green bei London. Der Ulmer Viehhändler Julius Barth war wie seine inhaftierten Glaubensbrüder vom Polizeigefängnis im Griesbad ins KZ Dachau transportiert worden, er kam am 24. Dezember 1938 unter ungeklärten Umständen ums Leben, wie bei Bergmann nachzulesen ist. Der junge Bankier Friedrich Mayer kehrte Mitte Dezember nach Ulm zurück, starb wenige Monate später an den Folgen der Schikanen.

Wer die Misshandlungen in der Pogromnacht überlebt hatte, versuchte, sich in den folgenden Monaten ins Ausland abzusetzen: in die USA oder nach England, wie Cohn, der in seinem letzten Gottesdienst sagte: "Wir sehen die Lücken in unseren Reihen, wir sehen überall die Zeichen des Niedergangs, wir fühlen die Tragik unseres eigenen Schicksals . . . Ich will mir und Euch, uns allen, die wir heimatlos geworden sind, die Erklärung ersparen."

Von 1933 an hatte die NS-Politik das Ziel verfolgt, die Juden auszugrenzen und zur Auswanderung zu zwingen. Zunächst über Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte, die in Ulm bereits am 11. März 1933, also fast drei Wochen vor dem reichsweiten Aufruf, stattfanden. In der Folge wurden die Rechte der Juden mehr und mehr eingeschränkt, sie wurden aus dem Berufsleben gedrängt und zunehmend zu rechtlosen Personen erklärt. Die Nürnberger Gesetze beispielsweise beseitigten die Rechtsgleichheit der Juden, Staatsangehörige konnten nur Reichsbürger deutschen oder artverwandten Blutes sein. Sexueller Verkehr zwischen Ariern und Juden war unter Strafe gestellt.

Ein erster abscheulicher Höhepunkt der Verfolgung war mit dem von den Nationalsozialisten als "Reichskristallnacht" bezeichnetem Pogrom erreicht. Anlass bot das Attentat Herschel Grynszpans: Der 17-Jährige hatte am 7. November 1938 in Paris auf den deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath geschossen. Rath starb am 9. November, woraufhin Stunden später das Pogrom losbrach - von der NS-Propagandamaschine als "Zorn der Volksgenossen" verkauft. Doch davon keine Spur. Die Befehle zum sofortigen Pogrom waren von oben an die unteren Ebenen durchgereicht worden. Und die waren, auch in Ulm, bestens vorbereitet, wie das von Polizeidirektor Wilhelm Dreher verfügte "Ausgehverbot für Juden" zeigt.

Um 3.55 Uhr ging der Feueralarm für die Synagoge ein, um 5.20 Uhr waren die Flammen gelöscht. Zweifel über die Brandursache konnte es keine geben: Hier war gezündelt worden. "Brandstiftung liegt vor", konstatierten die Feuerwehrmänner mit Blick auf die Brandnester. Die Tür war eingeschlagen, im Innern brannten am Platz der Bundeslade die Teppiche, "die Bundeslade selbst war von Hand zerstört", heißt es dort weiter.

Parallel zur Brandstiftung rückten die SA-Männer aus, mit dem Befehl, die männlichen Juden herbeizuschaffen. Was denn auch geschah. Teils in Schlafanzügen, teils in Unterhosen und barfuß wurden sie auf den Weinhof getrieben. Wie Vieh. Und unter lautem Gejohle und den Anfeuerungsrufen des Kreisleiters Eugen Maier: "Schlagt die Saujuden tot." Die Juden mussten in den Christophorus-Brunnen steigen, dann begann der Spießrutenlauf - und er endete erst, wenn die Juden blutend zusammengebrochen waren.

Die vier Angeklagten wurden am 11. Dezember 1941 zu Haftstrafen zwischen neun Monaten und drei Jahren verurteilt. Karl Merkle bemerkte noch, "dass ich mir zwei schwere Kopfverletzungen zugezogen habe und deshalb an Gedächtnisschwund leide. Mehr kann ich zu dieser Sache nicht angeben."

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