Ulm/Neu-Ulm / HANS-ULI MAYER  Uhr
Käuflicher Sex und Menschenhandel entlang der Donau war das Thema einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Internationalen Donaufestes. Allein in Ulm bieten täglich zwischen 120 und 170 Prostituierte ihre Körper für käuflichen Sex an - etwa 80 Prozent davon kommen vom Balkan. <i>Mit einem Kommentar von Hans-Uli Mayer: Hilfe zum Ausstieg.</i>

Die seelischen Wunden von einem Jahr Prostitution  zu heilen, braucht es sechs Jahre Therapie. Für Schwester Lea Ackermann von der Hilfsgruppe Solwodi (Solidarität mit Frauen in Not) gibt es deswegen keine Alternative: Prostitution macht Frauen kaputt und muss deshalb verboten werden. Männer würden die Notlage von Frauen für ihr billiges Vergnügen ausnutzen, schimpfte die Gründerin der Hilfs-Organisation, die viele Jahre in Afrika gearbeitet hat: „Es gibt keine Frau, die das freiwillig macht.“

Schwester Lea hatte großen Anteil in der von SWR-Redakteurin Anita Schlesak moderierten Gesprächsrunde zum Thema Prostitution und Menschenhandel entlang der Donau. Knapp 100 Zuhörer waren zu der Veranstaltung des Ulmer Bündnisses gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution ins Stadthaus gekommen, wo sie teilweise sehr bedrückende und verstörende Einblicke in die Realitäten des Rotlichts-Milieus vermittelt bekamen.

So berichtete der stellvertretende Leiter der Kriminaldirektion Ulm, Bernd Ziehfreund, davon, dass allein in Ulm 120 bis 170 Prostituierte ihre Dienste anbieten – und zwar jeden Tag. 80 Prozent davon kämen vom Balkan, also aus jenen Donauländern, für die die EU-Donauraumstrategie Verbesserungen bringen soll. Eine Entwicklung, die vor allem durch das 2002 in Kraft getretene Prostitutionsgesetz eingesetzt hat, das Prostitution erstmals erlaubte. Für die Polizei hat es große Probleme gebracht, weil der Nachweis des Menschenhandels deutlich komplizierter wurde.

Nach den Worten Ziehfreunds habe das Milieu ausgeprägte kriminelle Strukturen mit hohem Gefahrenpotenzial. Nur auf die Münsterstadt gerechnet geht er von einem Jahresumsatz in Höhe von etwa zehn Millionen Euro aus. Leicht verdientes Geld für die Männer im Hintergrund, weshalb das „Geschäft mit der Ware Frau“ blühe.

Auch er geht davon aus, dass der überwiegende Teil der Prostituierten nicht freiwillig in den Bordellen anschaffe. Die Frauen würden mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt, unterwegs abhängig und gefügig gemacht, geschlagen und damit bedroht, den Familien in der Heimat etwas anzutun, wenn sie sich weigern.

Schwester Lea, die in Duisburg Frauen in Not hilft, drückte es drastisch aus: Prostituierte würden gezwungen, bis zu zehn Freier in der Nacht zu bedienen, womit der unheilvolle Kreislauf von Medikamenten, Alkohol und Drogen beginne, weil sie nach zehn Freiern körperlich gezeichnet und schlicht und ergreifend wund seien.

Machen Frauen so etwas freiwillig? Genau das ist die entscheidende Frage. Und: hilft ein Verbot? Andrea Hitzke von der Mitternachtsmission, die sich in Dortmund um Prostituierte kümmert, ist anderer Ansicht. Ein Verbot helfe gar nichts, es mache alles nur weniger sichtbar. „Kunden und Frauen finden sich immer“, weiß sie aus ihrer Praxis. Letztlich in der Illegalität, was niemandem helfe. Man müsse vielmehr die Männer bei ihrer Verantwortung packen und mehr Ausstiegshilfen für Frauen aus dem Rotlichtmilieu anbieten.

Die Idee für eine solche Beratungsstelle gibt es auch in Ulm und Bürgermeisterin Iris Mann unterstützt sie. Allerdings sieht sie das Problem, dass viele Frauen von Bordell zu Bordell geschickt werden und nie lange an einem Standort bleiben. Es sei frustrierend, mitansehen zu müssen, dass sich einige wenige auf Kosten der Frauen eine goldene Nase verdienen, und die öffentliche Hand hinterher die Zeche bezahlen muss. Mann: „Im Grunde ist das eine gesellschaftliche Bankrotterklärung.“

Ein Kommentar von Hans-Uli Mayer: Hilfe zum Ausstieg

Prostitution ist immer noch ein Tabu-Thema in der Gesellschaft, dabei ist sie weiter verbreitet, als viele glauben wollen. Die Polizei spricht für Ulm von täglich 120 bis 170 Prostituierten, von denen jede zwischen fünf und zehn Männer bediene – da gehen die Schätzungen auseinander. Nimmt man nur den untersten Wert, dann gehen allein in Ulm jeden Tag mindestens 600 Männer zu einer Prostituierten.

Allein diese Zahlen zeigen, wie weit das Thema mittlerweile in die Stadtgesellschaft hineinreicht. Allein deshalb muss man dem lokalen Bündnis und der Volkshochschule als Veranstalter Respekt zollen, ein so schweres und nicht sehr attraktives Thema im Rahmen des Internationalen Donaufestes zu beleuchten.

Allerorten werden derzeit die freundschaftlichen Beziehungen in die Länder der Donau beschworen. Gerade unter Freunden muss es möglich sein, auch  diese eher abgründige Seite des Lebens am Fluss anzusprechen. Denn während sich die Menschen an beiden Donauufern gut gelaunt  Gulasch und den Rotwein schmecken lassen, werden auch in den diversen Bordellen in Ulm und Neu-Ulm Frauen aus eben diesen Ländern zum Sex gezwungen.

Ulm und Neu-Ulm können zwar nicht die bundespolitische Agenda bestimmen. Sie können den unterdrückten Frauen mit und in der geplanten Beratungsstelle aber ihre Hilfe anbieten und möglicherweise sogar der ein oder anderen Frau aus dem kriminellen Milieu helfen.

Zwei Ulmer international im Einsatz

Bernd Ziehfreund Ein ehemaliger und ein amtierender Kriminalbeamter des Polizeipräsidiums Ulm sind auch international mit dem Thema Menschenhandel  beschäftigt. Der Vizechef der Kriminaldirektion, saß in einer speziellen EU-Kommission zum Thema Sicherheit und Menschenhandel, die den Beitrittsprozess Kroatiens zur EU begleitet hat.

 

Manfred Paulus hat über viele Jahre hinweg bei der früheren Polizeidirektion Ulm das Dezernat zur Bekämpfung von Sexualverbrechen geleitet und mehrere Bücher zum Thema Menschenhandel und Prostitution geschrieben. Unter anderem war er für die EU in Moldawien und der Ukraine, um die dortigen Strukturen der Menschenschlepper zu erforschen. Er ist Mitglied im lokalen Bündnis gegen Menschenhandel.