Ulm Philosophisches bei "Ulmer Denkanstößen"

Philosoph Kurt Bayertz: Der Begriff der Verantwortung wird oft zu beliebig verwendet.
Philosoph Kurt Bayertz: Der Begriff der Verantwortung wird oft zu beliebig verwendet. © Foto: Uni
Ulm / CHRISTOPH MAYER 14.03.2015
Der Begriff "Verantwortung" wird in immer höheren Dosen benutzt. Kein Zufall, sagt der Münsteraner Philosophieprofessor Kurt Bayertz.

Früher war alles einfacher. Das gilt auch für den Begriff der Verantwortung. Sagt Prof. Kurt Bayertz. Der Professor für Philosophie an der Uni Münster, einer von vier Referenten am zweiten Tag der "Ulmer Denkanstöße" im nicht mehr ganz so vollen Stadthaus, beobachtet, dass das Wort "Verantwortung" heute inflationär, "ja fast wie eine Droge" benutzt wird. Warum?

Den Grund sieht Bayertz in einem Begriffswandel, der vor 150 Jahren einsetzte und der immer mehr Fahrt angenommen hat. Früher, so sagt er, hatte Verantwortung mit Schuld zu tun und einen praktischen Sinn. "Der kleine Fritz hat die Vase umgestoßen und wurde zur Verantwortung gezogen, damit er's nicht nochmal tut." Vor Gericht gelte dieser alte Verantwortungsbegriff noch heute. Doch er wird bedrängt. Denn seit dem Übergang zu Industrialisierung, Technisierung und Hochkapitalismus habe die gesellschaftliche Arbeitsteilung derart zugenommen, dass es keine gerade Linie mehr zwischen Handlungen und deren Folgen gebe. "Es ist heute meist schwierig, die Schuld, wenn etwas schief gegangen ist, einem Individuum zuzuordnen".

Bayertz zufolge hat die Gesellschaft das Problem gelöst, indem sie Leute damit beauftragt, dafür zu sorgen, dass eben nichts schief geht. Hier beginnt für den Philosophen die "steile Karriere" des Verantwortungsbegriffs, der zum ethischen Grundbegriff mutiert sei. Die "Kümmerer" sind nicht mehr für negative Ereignisse der Vergangenheit verantwortlich, sondern für positive Ereignisse der Zukunft. Wie sie das im Einzelnen anstellen sollen, bleibe aber oft undefiniert. "Das führt dazu, dass wir heute oft so beliebig von Verantwortung reden - und das ist ein großes Problem."

Info Zum Abschluss der Denkanstöße geht es heute im Stadthaus um "Verantwortung in Management und Wirtschaft", Beginn 14.30 Uhr.

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