Kirche Pfarrerin Marion Abendroth verlässt Neu-Ulm nach 18 Jahren

Roy und Marion Abendroth in Papua-Neuguinea: Sie trägt die Meriblaus, ein traditionelles Gewand, er ihre Lesebrille. Inzwischen freut er sich über eine eigene Gleitsichtbrille.
Roy und Marion Abendroth in Papua-Neuguinea: Sie trägt die Meriblaus, ein traditionelles Gewand, er ihre Lesebrille. Inzwischen freut er sich über eine eigene Gleitsichtbrille. © Foto: Privat
Neu-Ulm / Verena Schühly 13.04.2018

Die Wege des Lebens sind nicht vorhersehbar – auch für Pfarrer nicht. „Eigentlich hätte ich gedacht, dass ich in Neu-Ulm bleibe und hier alt werde. Doch nun kommt es anders“, sagt Marion Abendroth. Nach gut 18 Jahren in der Aussiedlerseelsorge im evangelischen Dekanat Neu-Ulm hört die 60-Jährige jetzt auf und fängt im Mai als Gemeindepfarrerin in Schirnding an der tschechischen Grenze neu an. Und sie geht auch nicht allein, sondern zu zweit: mit ihrem neuen Mann, der aus einem ganz anderen Kulturkreis in ihr Leben getreten ist.

Veränderungen in ihrem Leben hat die gebürtige Oberfränkin immer gut annehmen können, „im Gottvertrauen“. Zum ersten Mal 1985, als sie nach dem Abschluss ihres Lehramtsstudiums mit den Fächern Deutsch und evangelische Religion für Gymnasium keine Aussicht auf eine feste Stelle hatte. Also sattelte die 27-Jährige um, ging nach Neuendettelsau zum Missionswerk Eine Welt, arbeitete in der Verwaltung, studierte nebenher Theologie zu Ende und wurde mit 35 Pfarrerin.

Privat Russisch gelernt

Im Vikariat in Augsburg hatte sie erstmals Kontakt mit Aussiedlern, ebenso Mitte der 1990er Jahre als Pfarrerin in Ingolstadt. „Ich habe privat Russisch gelernt, um das Eis zu brechen“, erzählt sie. So war es eine logische Konsequenz, sich auf die Pfarrstelle für Aussiedlerseelsorge zu bewerben, die Neu-Ulm ausgeschrieben hatte.

1999 wechselte Marion Abendroth damals mit ihrem ersten Mann an die Donau – und war fortan immer im ganzen Dekanat unterwegs: Schwerpunkte ihrer halben Stelle waren neben Neu-Ulm in Senden, Günzburg und Dillingen. Sie betreute Freizeiten, Frauengruppen, Seniorenkreise, Gottesdienste,  Veranstaltungen, Ausflüge. „Wir haben geschaut, dass die Leute sich hier auch mit ihrer Kultur wiederfinden“,  beschreibt sie den Fokus ihrer Arbeit.

Als die Übersiedler weniger wurden und ihren Weg in die deutsche Gesellschaft gefunden hatten, engagierte sich die Theologin im christlich-muslimischen Dialog, machte Trauerarbeit und gab Religionsunterricht in allen Schularten. Bis 2015 die Flüchtlingskrise begann und sie wieder neu forderte. „Nach 20 Jahren wurden die gleichen Vorurteile laut“, erinnert sich Abendroth.  Insbesondere die Islamfeindlichkeit der Russlanddeutschen stößt ihr dabei auf: „Sie werden über Propaganda im russischen Fernsehen aufgehetzt.“

Die Flüchtlingsarbeit haben zum größten Teil die vielen örtlichen Helferkreise gemacht, da blieb der Seelsorgerin die Rolle der Multiplikatorin, um Informationen weiterzugeben. In einem Fall von Kirchenasyl erledigte sie den ganzen Schriftverkehr mit den Behörden. Einzelne Menschen begleitete sie auch persönlich, um ihnen immer wieder neu Brücken zu bauen.

Zugleich hat das Jahr 2015 wieder eine unvorhergesehene Wendung in Marion Abendroths Leben gebracht: In Papua-Neuguinea ist ihr eine neue Liebe begegnet. Ihre erste Ehe wurde 2009 geschieden. Ihre Aufgabe als Missionsbeaufte des Dekanats führte sie auf eine Reise in den pazifischen Inselstaat, weil Neu-Ulm seit 1987 eine Partnerschaft mit der dortigen Diözese Asaroka pflegt. In dieser „ganz anderen Welt“ traf sie auf den gleichaltrigen Farmer Roy Moke, der sich als Hilfsprediger im kirchlichen Leben engagierte.

Nach einem ersten Besuch in Neu-Ulm war Moke, der zuvor seine Heimat noch nie verlassen hatte, bereit, mit Marion Abendroth in Deutschland zu leben. Doch vor einer Heirat und dem geklärten Aufenthaltsstatus stand der steinige und kräftezehrende Weg durch Behörden und Gerichte. Der war zusätzlich erschwert, weil in Roys Pass ein anderes Geburtsdatum als in seiner Geburtsurkunde steht. Im Mai 2017 waren alle Steine aus dem Weg geräumt, und sie konnten ihre Hochzeit feiern – auch das mit Gottvertrauen.

Nun ist es die Mutter der Pfarrerin, die den Anstoß für eine weitere Veränderung gab: Die 83-Jährige lebt  in Selb und braucht mehr Betreuung. „Von Neu-Ulm ist das nicht zu leisten, es sind jedes Mal vier Stunden Fahrt.“ Dann war im Nachbarort Schirnding eine halbe Pfarrstelle ausgeschrieben – Marion Abendroth hat sie bekommen.

Im Mai fängt sie an und freut sich darauf, künftig weniger herumzufahren, sondern an einem einzigen Ort die Gemeindearbeit zu machen. In Schirnding gibt es auch eine Moschee und enge Kontakte zur Brüdergemeinde im nahen Tschechien, da kann sie ihre Erfahrungen gut einbringen.

Roy Abendroth hat seine Frau zum Wechsel ermutigt. „Für ihn ist es selbstverständlich, sich um die Familie zu kümmern“, berichtet die Theologin. Er selbst kann sich um drei verwilderte Schrebergärten der Schirndinger Gemeinde kümmern und wieder in der Natur arbeiten.

Die Abendroths sind gespannt: „Wir fangen dort als Ehepaar gleichberechtigt an“, sagt die 60-Jährige. In Neu-Ulm hatte sie  neben Ermutigung– bei manchen in der Gemeinde einen „Anfangsschock“ festgestellt, als Roy Moke zu ihr nach Deutschland kam. In Schirnding gehört er von Beginn an dazu. Und angesichts der Tatsache, dass der dortige katholische Pfarrer aus Nigeria stammt, hat ein evangelisches Gemeindemitglied gemeint: „Jetzt haben auch wir einen Schwarzen.“

Gottesdienst zum Abschied

Liturgie Der Abschiedsgottesdienst von Pfarrerin Marion Abendroth beginnt am Sonntag, 15. April, um 15 Uhr in der evangelischen Petruskirche in Neu-Ulm. Im Anschluss daran findet noch ein Empfang statt.