Ulm Pfarrer Matthias Hambücher verabschiedet

Gemeinsame Segensgeste: Vertreter der Religionen verabschiedeten Matthias Hambücher (rechts).
Gemeinsame Segensgeste: Vertreter der Religionen verabschiedeten Matthias Hambücher (rechts). © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / CHRISTINE LIEBHARDT 27.07.2016
Mit einer multireligiösen Feier hat die Wengengemeinde gestern Matthias Hambücher verabschiedet. In Ulm hat er den Dialog der Religionen und die Flüchtlingsarbeit geprägt. <i>Mit Kommentar von Hans-Uli Thierer: Ein Besonderer geht.</i>

Eine Sure aus dem Koran, gesungen von einem Imam in einer katholischen Kirche, in der Angehörige verschiedener Religionen andächtig zuhören – ganz alltäglich war die Szene nicht. Und doch passte sie, gestern Abend in der vollen Wengenkirche, als deren bisheriger Pfarrer Matthias Hambücher aus seinem Amt verabschiedet wurde. Mit einer multireligiösen Feier, wie er sie sich gewünscht hatte – und womit er die Botschaft sendete, dass das Zusammenleben der Religionen in der Stadt eben auch sein ganz persönliches Anliegen  war, wie OB Gunter Czisch bemerkte.

Fast 18 Jahre lang war Hambücher in Ulm, die vergangenen sechs in St. Michael zu den Wengen. Ganz neu war ihm der Dialog der Religionen, den er so sehr geprägt hat, als er in die Stadt kam: Im Studium hatte er gerade mal ein Seminar zum Islam, „einmal haben wir eine Moschee in einem Hinterhof besucht“. Im Miteinander der Religionen gehe es nicht um Aneignung oder Patchwork-Frömmigkeit, sagte der 51-Jährige in seiner Predigt. „Ich darf teilhaben, wenn ich dazu eingeladen bin.“ Sein bewegendster Moment in Ulm dann am 2. Dezember 2012:  „Beim Transport der Torarolle in die neue Synagoge dabei zu sein.“ Für die Feier hatte Rabbi Shneur Trebnik ein Grußwort gesandt, Imam Israfil Polat hielt eine Predigt.

Die Werte, die ihm wichtig sind, predigt Hambücher nicht nur, er lebt sie. Er erzählte von einem Moment, der ihn besonders berührte: In einer Novembernacht im vergangenen Jahr hatte er am Bahnhof eine syrische Familie getroffen, die Kinder drei, fünf und sechs Jahre alt. Sie saßen fest, ihr Zug fuhr erst um 4.30 Uhr, es war schon weit nach Mitternacht. Mit Händen und Füßen verständigten sie sich, die Familie fragte nach Toiletten, nach einem warmen Aufenthaltsraum. Hambücher bot an, mit in seine Wohnung zu kommen; die Familie, ängstlich, kam erst mit, als ein Passant dolmetschte: Hambücher sei der Imam der Christen, sie könnten ihm vertrauen. „Diese kalte Novembernacht war Weihnachten geworden“, erinnerte sich der Pfarrer. „Mit dieser Flüchtlingsfamilie war Gott selbst zu Besuch gekommen.“

So wie Matthias Hambücher oft berührt wurde, berührte er auch andere Menschen. Von den vielen Flüchtlingen, denen er vor allem in den zwei Jahren, seit er nicht mehr Dekan war, half, waren einige gekommen, um sich zu bedanken und zu verabschieden von ihrem „Vater, Bruder und Freund. Sie werden unsere Herzen mitnehmen.“ Die Besucher, gerührt, applaudierten.

Matthias Hambücher tritt nach einer Auszeit eine Stelle in Stuttgart an. Ihm nachfolgen wird Michael Estler, der für St. Georg und die Wengengemeinde gleichermaßen zuständig sein wird. „Er tritt in große Fußstapfen“, sagte Beate Köhler vom Kirchengemeinderat. Standing ovations in einer Kirche – auch das ein eher ungewöhnliches Bild. Für Matthias Hambücher erhoben sich die Menschen zum Schluss. „Ich war mit Leib und Seele hier, aber ich freue mich auch auf den Neubeginn.“

Kommentar von Hans-Uli Thierer: Ein Besonderer geht

Matthias Hambücher geht. In ihm verliert Ulm einen besonderen Kirchenmann. Das meint nicht das kahlgeschorere Haupt, mit dem Hambücher vor einigen Jahren als Dekan  für einiges Aufsehen sorgte. Wie eben solche Äußerlichkeiten immer noch Gesprächsstoff liefern in unserer so aufgeklärten Gesellschaft.

Die gepflegte Glatze ist nicht nur Hambüchers Markenzeichen geworden. Sie stand auch für die eine Seite dieses Pfarrers, seine extrovertierte. Hambücher scheut sich nicht, seine Haltung in aktuellen gesellschaftlichen Fragen deutlich zu machen. Nicht immer zum größten Vergnügen der Amtskirche und der Kirchenoberen, aber immer getragen von christlichen Motiven und Argumenten. Daneben gibt es den sehr introvertierten Hambücher, der im Dekanat in der Wengenkirche Gestrandeten Hilfe anbot, Kirchenasyl im besten Sinne – und ganz im Sinne seines verstorbenen Vorgängers Monsignore Josef Kaupp.

Kaupp hat in Ulm den ökumenischen Gedanken verfolgt und vorgelebt wie kaum ein anderer in seiner Zeit. Hambücher hat diese Ökumene als erster Dekan der vor Jahren zusammengeführten Dekanate Ehingen und Ulm fortgeführt. In der logischen Konsequenz des gesellschaftlichen Wandels ist eine ge- und  beachtete interreligiöse Bewegung daraus geworden. Logisch der Abschieds-Gottesdienst für den verdienten Matthias Hambücher gestern Abend: multi-religiös.