Bürgermedaille Petershagen: Das Gedächtnis der Stadt

OB Czisch überreichte Wolf-Henning Petershagen (rechts) die Bürgermedaille.
OB Czisch überreichte Wolf-Henning Petershagen (rechts) die Bürgermedaille. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Jürgen Kanold 23.07.2018
Die Stadt Ulm ehrt den Journalisten, Kulturwissenschaftler und Stadthistoriker Wolf-Henning Petershagen mit der Bürgermedaille.

Derart konsequent hat die Stadt Ulm ihre Bürgermedaille am Schwörmontag noch selten verliehen: Schließlich promovierte Wolf-Henning Petershagen einst am Tübinger Uhland-Institut über das Thema „Schwörpflicht und Volksvergnügen“. Was im Übrigen sehr typisch für ihn ist: Er kennt sich aus, er forscht hartnäckig, akribisch, aber er verbreitet seine Erkenntnisse sehr unterhalt­sam. Und dass Petershagen am vergangenen Sonntag Geburtstag hatte, den 69., er also meist in diesen Schwörtagen selbst Grund zum Feiern hat, passt zu diesem Ulmer auch.

Im Stadtarchiv, seiner zweiten Stube, hat Petershagen schon viele Urkunden aus alter Zeit studiert und auch entdeckt, am Montag erhielt er aber eine neue aus den Händen des Oberbürgermeisters Gunter Czisch überreicht – für zu Hause, als Privatbesitz:  Es ist die Urkunde zur Bürgermedaille, und diese geht an den „Stadthistoriker, Kulturwissenschaftler, Redakteur und Autor zahlreicher Bücher, Kenner der Mentalität und des Dialektes der Schwaben“, an ein langjähriges Vorstandsmitglied bei pro ulma und den stellvertretenden Vorsitzenden der Museumsgesellschaft, „der uns die Ulmer Geschichte in vielen Texten und Veröffentlichungen auf geistreiche und gleichzeitig äußerst humorvolle Art und Weise näher bringt“.

Ja, und Petershagen geht wirklich der Sache auf den Grund. Typisch, wie er sich auch schon einmal dieser stadthistorischen Frage stellte: „Was wäre, wenn eine Frau zur Oberbürgermeisterin gewählt würde und schwören müsste, den Ulmern ,ein gemeiner Mann zu sein’? Etwa ,Reichen und Armen ein gemeines Mensch zu sein?’“

Der Ulmer Petershagen (mit einem holsteinischen Großvater, daher der unschwäbische Name) studierte in Heidelberg Politik und Geschichte, er war ein aufmüpfiger 68er, dessen Profession dann der Journalismus wurde.  Als Redakteur der SÜDWEST PRESSE gehörte die Ulmer Stadtgeschichte bald zu seinen Aufgabenbereichen, und als er von einem örtlichen Verlag den Auftrag erhielt, ein Buch über traditionelle Ulmer Feste zu schreiben, ist er dann, wie er sagt, „immer tiefer in die Materie eingedrungen“. Es sind viele Bücher und Schriften entstanden: dem „schwimmenden Kuriosium“ Ulmer Schachtel hat er sich gewidmet, den „zünftigen Lustbarkeiten“, also dem Fischerstechen, auch den Ulmer Brunnen und Straßennamen, den Unikaten und Köpfen und auch den Donauschiffern.

Ganz zu schweigen davon, dass Petershagen vielleicht nicht jeden Stein in Ulm umgedreht hat, aber sicher die ältesten: Auch die Stadt-Archäologie gehört zu seinen Spezialgebieten.

Wobei Petershagen, dieser weltoffene, mit einer Peruanerin verheiratete Schwabe, in zahllosen, sehr beliebten Kolumnen für unsere Zeitung zu einem Experten überhaupt des Schwabentums gewachsen ist. Er erkundete Straßen- und Familiennamen, die Mentalität, die Sprache. Er kennt die Wahrheit über Deppenhausen, er ist mit den Jauchs und Eiseles bekannt und führte „unsinnige Behauptungen“ ad absurdum wie jene, dass die Kehrwoche eine schwäbische Stammeseigenschaft sei. „Schwäbisch für Besserwisser“ hieß eine der Serien in unserer Zeitung, die auch alle in Büchern nachzulesen sind.

Vergangenen Herbst erst erhielt Wolf-Henning Petershagen für seine Verdienste um die schwäbische Sprache in Reutlingen die Friedrich-E.-Vogt-Medaille der Mundartgesellschaft Württemberg. Jetzt die  Bürgermedaille der Stadt Ulm – das wird diesem im wahrsten Sinne des Wortes bodenständigen Kulturwissenschaftler sehr gerecht, der vor allem eines nicht mag: schlecht zubereitete Kutteln.

Schwäbisch offensiv!

Buch Henning  Petershagens aktuelles Buch „Schwäbisch offensiv!“ ist die Quintessenz zweier Schwäbisch-Serien, die von 2001 bis 2014 in der SÜDWEST PRESSE erschienen sind. Es ist eine von der Stuttgarter Zeichnerin Maike Hettinger illustrierte Sprachlehre in 101 Kapiteln – erschienen im Silberburg Verlag.

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