Der Volksentscheid zu Stuttgart 21 war ein Triumph für die IHK, auch für Sie persönlich?

DR. PETER KULITZ: In diesem Zusammenhang von Triumph zu sprechen, ist eine völlig falsche Kategorie. Es ging alleine darum, der wirtschaftlichen Vernunft und Zukunftsfähigkeit der Region mit dem Mehrheitswillen der Bevölkerung zum Durchbruch zu verhelfen. Dazu bedurfte es - ganz im Sinne des Politikanspruchs der Grünen - einer Mobilisierung der Bürger, damit sie sich auch an der Volksabstimmung über das Ausstiegsgesetz beteiligen. Dass dies in der Region mit den landesweit besten Ergebnissen pro S 21 gelungen ist, erfüllt mich schon etwas mit Stolz. Es lag aber in erster Linie an dem Vorteil, den wir durch die Schnellbahnstrecke erhalten, der Entschlossenheit vieler Mitstreiter sowie dem außergewöhnlichen Einsatz unseres OB Ivo Gönner.

Sie mussten mit der Kammer wegen S 21 sogar vor Gericht und haben anfangs verloren. War es das wert? Und wie lautet Ihre Prognose für den Ausgang des Verfahrens?

KULITZ: Für mich wäre es ein Kunstfehler gewesen, kein Rechtsmittel einzulegen. Denn es hätte in letzter Konsequenz bedeutet, dass sich eine IHK zu politischen Themen in ihrem Zuständigkeitsbereich nicht mehr äußern darf. Zudem halte ich es für selbstverständlich, auch als Unternehmer Position zu beziehen. Ich bin sehr zuversichtlich, in der zweiten Instanz bestätigt zu bekommen, dass wir ein Teilhabe- und Gestaltungsrecht bei wirtschaftspolitischen Richtungsentscheidungen haben. Diese Rechtsfrage betrifft übrigens alle 80 IHKs und ist daher von grundsätzlicher Bedeutung.

Sie haben sich in diesem Kontext als politischen Präsidenten bezeichnet, was meinen Sie damit genau?

KULITZ: Es bedeutet die Bereitschaft, Klartext zu reden, vor allem in einer Zeit der politischen Umwälzungen, wie wir sie derzeit erleben. Schließlich geht es um die Rahmenbedingungen erfolgreichen Wirtschaftens. Wir befinden uns in Deutschland zwar derzeit auf einem Höhepunkt unserer Leistungsfähigkeit, aber es kann massiv und schnell wieder bergab gehen, wie das Beispiel der Solarbranche zeigt. Nichts gegen alternatives Wirtschaften, sofern die klassische Industrie nicht darunter leidet oder sogar Stellen abbauen muss. Da muss man rechtzeitig den Finger heben - wer soll es sonst tun, wenn nicht wir als gewählte Vertreter der Wirtschaft? Das gehört zum Amt dazu und entspricht meinem Verständnis als oberster Repräsentant der Kammer. Natürlich gibt es auch Konflikte mit der Parteipolitik, in der Wahltaktik oft eine wichtigere Rolle spielt als Sachfragen dies tun.

Sie haben über S 21 hinaus beachtliche Erfolge zu verzeichnen - wie die Internationale Schule, aber auch die Bildungsberater aus der Wirtschaft. Legen Sie noch etwas nach?

KULITZ: Seit ich Präsident des baden-württembergischen IHK-Tages und Mitglied im DIHK-Vorstand in Berlin bin, hat sich mein Schwerpunkt vermehrt auf die Landes- und Bundespolitik verlagert und schränkt meine Präsenz in der Region etwas ein. Für unseren Raum wünsche ich mir stärkere Integrationsbemühungen für Kinder und Jugendliche, für die der Zugang zu der deutschen Sprache und ihren Begabungen angemessenen Bildungseinrichtungen schwierig ist. Das ist ein brennendes Problem, da gibt es viel ungenutztes Potenzial, gerade auch bei Mädchen. Außerdem engagiere ich mich bei der Einrichtung eines weiteren Lehrstuhls an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Hier geht es um die politische Kommunikation von Familienunternehmen. Sie müssen ihre Mentalität ändern, sich auch gegenüber der Presse äußern, vor allem aber ihre Authentizität in die gesellschaftliche Debatte einbringen.

Wie schätzen Sie die Lage in der regionalen Wirtschaft ein - nach der Insolvenz von Schlecker, den Massenentlassungen bei Centrotherm und dem Personalabbau bei Evobus. Zeichnet sich da ein Trend ab?

KULITZ: Das sind derzeit Einzelfälle. Allerdings geht es bei Evobus um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts im Vergleich mit der Türkei. Daher organisieren wir im November eine Delegationsreise in die Türkei. Centrotherm kämpft branchenbedingt mit massivem Auftragseinbruch bis zu Stornos aus China. Schlecker ist ein Sonderfall. Übrigens leite ich auf Wunsch von Wirtschaftsminister Nils Schmid Ende Mai eine weitere Unternehmerreise nach Brasilien. Dort treffen wir den Industriellen Eike Batista, der eine Stadt mit Tiefseehafen baut, die mangelnde Präsenz der Deutschen beklagt und ganze Fabriken, auch für die Solarproduktion, will. Dort liegt ein enormes Potenzial für unsere Wirtschaft!

Über das Amt in Ulm hinaus sind Sie, wie von Ihnen erwähnt, auch Präsident des baden-württembergischen IHK-Tages. Was können Sie in dieser Position bewirken?

KULITZ: Der Regierungswechsel bedeutet ein Mehr an Kontakten mit dem Ministerpräsidenten und den Kabinettsmitgliedern. Das charismatische Auftreten Kretschmanns führt zu einer Dominanz des Ministerpräsidenten, auf den sich die öffentliche Wahrnehmung fokussiert. Wir kommen persönlich gut klar und schätzen uns. Die Wirtschaftsnähe und das Verständnis für unsere Belange sind jedoch bei weitem nicht überall vorhanden. Unternehmer müssen ihr Anliegen mit Nachdruck gegenüber der Politik vertreten, und beide Seiten dürfen bei Kritik nicht so empfindlich sein. So hat sich Kretschmann vor die Beamten mit ihren Trillerpfeifen gestellt. Da kann man von ihm lernen. Ich jedenfalls bin bereit dazu und gehe gerne auch zu den Grünen, um meine Positionen zu vertreten.

Wie schätzen Sie die grün-rote Politik auf Landesebene ein?

KULITZ: Grundsätzlich hat man offene Ohren für die Wirtschaft und nähert sich im Dialog durchaus an. Aber Zuhören ist das eine, Umsetzen das andere. In Fragen der Verkehrsinfrastruktur unterscheiden sich die Prioritäten - Straßenneubau nur für Fahrradwege!? - schon noch, wie auch die ideologiegetriebene Leidenschaft unseres Verkehrsministers mancherorts hinderlich wirkt. Und ob bei der Energiewende der Vorrang der sicheren Energieversorgung bei international wettbewerbsfähigen Preisen eingehalten wird, muss sich erst noch erweisen.

Ihre Amtszeit als Präsident in Ulm endet 2013 nach zwei Perioden. Hängen Sie auf Landesebene auch noch mal eine zweite Amtsperiode dran?

KULITZ: Diese Frage wird in der Novembersitzung des baden-württembergischen IHK-Tags entschieden.

Wer ist ihr Wunschkandidat als Nachfolger in Ulm?

KULITZ: Die Person habe ich sehr wohl im Visier, sie weiß es nur noch nicht. Es hätten einige das Zeug dafür, man braucht Leidenschaft und muss vor allem einen beträchtlichen Teil seiner Zeit dafür aufwenden. Ich selber bin damals als Nachrücker zunächst Vizepräsident und dann ziemlich rasch Präsident der IHK Ulm geworden. Vielleicht ist bei so einer Entscheidung manchmal Spontaneität besser.

Sie haben vieles erreicht und durch Ihre Reisen viel von der Welt gesehen. Gibt es noch Lebensträume oder unentdeckte Reiseziele?

KULITZ: Je mehr man gesehen und erlebt hat, desto klarer wird einem, wie winzig der Ausschnitt der Teilhabe ist, den man in dieser wunderschönen Welt erfahren kann. Es wächst hingegen meine Erkenntnis, dass wahre Erfüllung durchaus im unmittelbaren Umfeld zu finden ist. So hat mein Freundeskreis zuletzt gelitten, aber das kann man wieder ändern. Die Menschen sind für mich das Entscheidende. Es geht mir nicht darum, irgendwelche touristischen Ziele zu besuchen, sondern mich bei Begegnungen mit Menschen treiben zu lassen und in Ruhe auf sie eingehen zu können.

Wie läuft es in Ihrer Firma Esta? Steigen die Kinder schon mit ein?

KULITZ: Über die Jahre habe ich das Unternehmen dank einer sehr loyalen Führungsmannschaft so organisieren können, dass das operative Geschäft ohne mich läuft. Die Kinder haben ein Recht auf freie Selbstentfaltung. Für mich ist es eine große Verantwortung, ihnen die richtigen Ratschläge mit auf den Weg zu geben. Sie müssen jedoch letztendlich selbst entscheiden, welcher berufliche Weg der richtige ist. Für das Unternehmen gilt ohnehin: Maßstab für die Übernahme einer Funktion sollte stets Wille und Befähigung sein.

Glauben Sie nicht, dass Sie beim Umfang Ihrer Aktivitäten und Ihres Terminkalenders nächstes Jahr in ein Loch fallen? Gehen Sie Golfspielen?

KULITZ: Definitiv nein, das gilt für beides!