Seit 2001 werden im Süddeutschen Schweinefleischzentrum  im Ulmer Donautal,  dem einstigen Ulmer Schlachthof, die Schweine vor der Schlachtung gruppenweise mit Kohlendioxid (CO2) betäubt. Zum Vergleich des Verfahrens: Früher wurden die Schlachttiere einzeln in eine Box getrieben und von Hand mit einer Elektrozange betäubt. Inzwischen werden pro Stunde 360 Schweine geschlachtet, das sind 1,7 Millionen pro Jahr.

Seit der stressfreien Schlachtung durch die CO2-Betäubung habe sich die Fleischqualität verbessert, sind die Metzger überzeugt. Genauer: Haben die Schweine beim Transport und vor dem Schlachten Stress, schütten sie Stresshormone wie Adrenalin aus. Dadurch wird in den Muskelzellen die dort gespeicherte Glukose (Fleischzucker) in Energie umgewandelt. Das Fleisch bekommt einen hohen Milchsäuregehalt, ist also übersäuert und schmeckt nicht.

Trotzdem sagt nun Dr. Edmund Haferbeck, Leiter der Rechts- und Wissenschaftsabteilung der Tierrechtsorganisation Peta Deutschland, zur CO2-Betäubung: Dieses Verfahren sei seit neuesten Erkenntnissen eben nicht stressfrei, sondern „die Hölle für das Borstenvieh“. Denn die Betäubung erfolge nicht sofort. Vielmehr zeigten die Tiere Atemnot-Symptome und ein starkes Abwehrverhalten. Da das Verfahren nicht hundertprozentig funktioniere, seien viele Schweine trotz Betäubung noch bei Bewusstsein, wenn sie in ein heißes Brühbad geworfen werden, lautet der Vorwurf.

Deshalb hat Peta, obwohl es der Tierrechtsorganisation bekannt ist, dass das Verfahren bislang legitim ist, gegen 20 große Schlachtbetriebe in Deutschland Anzeige erstattet, unter anderem auch gegen das Ulmer Schweinefleischzentrum. Michael Bischofberger, der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Ulm, bestätigte, dass derzeit noch geprüft werde, ob das Betäubungsverfahren eine Straftat nach dem Tierschutzgesetzes darstellt.

Dazu hat Stephan Lange, der Geschäftsführer des Ulmer Schweinefleischzentrums, auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE eine ausführliche Stellungnahme abgegeben. „Die Verwendung von CO2 ist eine zugelassene Methode für das Tierschutzlabel Schweinefleisch des Deutschen Tierschutzbundes, und unsere Schweineschlachtung in Ulm ist unter anderem vom Tierschutzbund dafür auditiert und zugelassen.“

Ein Veterinär überwache mehrmals täglich die „ordnungsgemäße Durchführung und Wirksamkeit“ des mindestens 180 Sekunden dauernden Betäubungsvorgangs. Und momentan müsse ein Veterinär auch für die ermittelnde Staatsanwaltschaft dahingehend eine Stellungnahme abgeben.

Den Vorgang der Betäubung beschreibt Lange folgendermaßen: Ob die Schweine ausreichend mit CO2 betäubt sind, werde bei jedem Tier durch eine Augenreflexkontrolle überprüft. Gegebenenfalls werde mittels Einzelbetäubung nachgeholfen. Der eigentliche so genannte Entblutevorgang wird durch eine zweifache Gewichtskontrolle bei jedem Tier elektronisch überwacht und per Video dokumentiert, ergänzt Lange. „Hierdurch gewährleisten wir, dass in unserem Betrieb kein Schwein mit Lebendreaktionen in den Brühbereich gelangt“.

In der 19-seitigen Strafanzeige führt Peta auch das Thema Beimischung von Edelgasen wie Helium und Argon an. Dies würde zu einer „erheblichen Verbesserung der Stresszustände der Schweine führen“, heißt es. Dazu sagt Lange: Diese Methode werde zwar im Labor getestet, funktioniere aber in der Praxis noch nicht.

„Aktuell sind wir davon überzeugt, dass die CO2 Methode – richtig angewendet – die beste Methode für den Tierschutz und die Produktqualität ist“, sagt der Geschäftsführer. Dennoch behielten seine Experten die Laborversuche im Auge. „Sollte es wirklich Verbesserungen geben, prüfen wir diese ernsthaft.“

Kommentar von Carolin Stüwe: Verbraucher spielt nicht mit

Der Schweinefleischkonsum hierzulande liegt derzeit bei etwa 54 kg pro Kopf und Jahr. Aufgrund der hohen Nachfrage in Deutschland, in Europa und zunehmend in China ist Schweineschlachtung inzwischen Akkordarbeit. Der Markt wächst, die Landwirtschaft zieht mit, obwohl die Preise für Schweinefleisch immer wieder schwanken.

Letztlich hat es also der Verbraucher in der Hand, ob er für den Tierschutz mitbezahlen will. Das fängt mit der „artgerechten“ Haltung der Nutztiere an. Dann sollte der Transportweg zum Schlachthof kurz ein, damit die Tiere wenig Stress haben. Zwar achten viele Schlachtbetriebe bereits auf einen kleineren Einzugsbereich, damit sie und ihre Metzger mit regionalen Erzeugnissen punkten.

Aber bei den Tiertransportunternehmen ist diese Einsicht leider noch nicht angekommen. Viele Fahrer sind nach wie vor unterwegs wie die sprichwörtlich „gesengte Sau“. Hauptsache viel Aufträge abwickeln. Die gestressten Tiere interessieren doch niemanden. Sonst würde die Verkehrspolizei öfter kontrollieren.

Jetzt kommt als Problematik noch die Art der Betäubung im Schlachthof hinzu. Im Tierschutzbericht der Bundesregierung wird Kritik laut an der bislang üblichen Kohlendioxidbetäubung. Erste Tests haben zwar ergeben, dass Edelgase die Tiere kaum stressen. Allerdings würden in der Praxis die Kosten pro Tier steigen. Dass der Verbraucher jedoch mehr für sein Schnitzel zahlen wird, ist utopisch – leider.

Kritischer Tierschutzbericht

Kritik Warum prangert Peta erst jetzt die CO2-Betäubung an, nachdem diese schon seit Jahren in großen Schlachtbetrieben legitim praktiziert wird? „Weil es im aktuellen Tierschutzbericht der Bundesregierung vom November 2015 im Abschnitt Tötung von Nutztieren kritische Punkte zur CO2-Begasung gibt“, sagt Dr. Edmund Haferbeck, der Rechtsberater von Peta. Daraufhin habe die Tierrechtsorganisation erst einmal recherchieren müssen, welche unter den deutschlandweit 5000 Schlachthöfen ihre Schweine schon mit Kohlendioxid betäuben. Die kleineren Betriebe greifen nach wie vor zur Elektrozange, „was zu noch höheren Fehlerquoten bei der Betäubung führt“. Dass das Edelgas Argon bislang zu den besten Methoden gehört, sei bereits erforscht, sagt der Rechtsberater.