Bevor man nach vorne schauen kann, richtet manch einer den Blick gerne in die Vergangenheit. Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer beispielsweise verwies, nach der Zukunft der Universität Ulm gefragt, auf die „Gründungsstory“ eben dieser. Ulm habe einen Startvorteil, befand sie auf dem Zukunftsforum „Uni-Topia“ am Freitagabend im Kornhaus. Die Stadtgesellschaft habe sich gegen den Willen der Landesregierung ihre Uni erkämpft. Diesen Spirit könnten andere nicht bieten. „Wenn wir darum ringen müssen, junge Leute anzuziehen, ist ein Standort, der kämpft, im Vorteil.“

„Online ersetzt nie Diskurs“

Vor 50 Jahren wurde im Kornhaus die Universitätsgründung gefeiert, jetzt ging es darum, wie die Hochschulen im Allgemeinen und die Uni Ulm im Besonderen im Jahr 2067 aussehen werden. Das hochkarätige Podium machte jene Interdisziplinarität, die es sich selbst auch immer wieder wünschte, praktisch vor: Vertreter aus Forschung und Lehre saßen dort ebenso wie solche aus der Studentenschaft, der Politik und der Wirtschaft. Wissenschaftsjournalist Dr. Jan-Martin Wiarda moderierte – und fragte Oberbürgermeister Gunter Czisch nach seiner Vision für die Uni. „Universität wird in der ganzen Stadt stattfinden, Wissen wird überall sein“, ist der OB überzeugt. „Wohnen, arbeiten, lernen – all das wird wieder im Quartier stattfinden.“

Ein wenig anders stellt sich Tobias Dlugosch das Lernen der Zukunft vor. „Wissen wird universell verfügbar sein“, sagt der Ulmer Elektrotechnik-Student und ehemalige Vorsitzende der Verfassten Studierendenschaft mit Blick auf die Digitalisierung. Künftig könne man an Vorlesungen der Uni Stuttgart oder New York teilnehmen. „Aber eine Online-Vorlesung kann niemals Diskurs ersetzen, sondern immer nur ein Zusatzangebot sein.“ Ihm fehlt die Persönlichkeitsbildung an der Hochschule. „Wir wollen nicht nur ausgebildet werden, sondern lernen, selbst Probleme zu lösen.“ Beispielsweise in einem Studium Generale. Das „Nicht-Nachdenken“ kritisiert auch der Präsident der Universität Ulm, Prof. Michael Weber: „Bologna entspricht an der Stelle nicht unbedingt dem Grundgedanken einer Uni.“ Man habe ein sehr ökonomisches System eingeführt. „Vielleicht werden wir eine College-Ebene wie in den USA als Einstiegsjahr brauchen, um diese Dinge zu fördern.“

Dr. Ulrich Simon, Leiter Unternehmensforschung und Technologie bei der Carl Zeiss AG, bläst ins gleiche Horn: „Ich stelle heute nicht mehr Fachwissen ein, sondern Persönlichkeiten.“ Seine Mitarbeiter müssten in der Lage sein, sich Wissen in Häppchen anzueignen. „Mit Bologna haben wir uns keinen Gefallen getan.“ Was die Wissenschaftsministerin dann doch nicht auf sich sitzen lassen wollte: Bei der Schelte sei viel Ausrede dabei. Doch das gestufte Studium gebe es überall auf der Welt. „Methodenkompetenz und wissenschaftliches Arbeiten geht auch im Bachelor.“

Der Umgang mit der Komplexität der Informationen sei die Aufgabe der Uni der Zukunft, findet Theresia Bauer. Sie erlebe zwar eine Sehnsucht, sich dafür zu öffnen. „Wir sind aber noch zu sehr in der alten Vorstellung verhaftet, Wissen zur Verfügung zu stellen.“ Womit man in der heutigen Zeit aber ohnehin nicht mehr hinterherkomme.

Prof. Martina Brockmeier, Vorsitzende des Wissenschaftsrates, sieht eine starke Voreingenommenheit Richtung Forschung. „Machen Sie gute Lehre, haben Sie mehr Arbeit, aber nicht den Reputationsgewinn.“ Und Prof. Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin findet bezüglich der universellen Wissenverfügbarkeit: „Man muss neue Beziehungen zwischen Lehrenden und Studenten finden.“

Geschichte des Bologna-Prozesses


Reform Namensgeber ist die italienische Stadt Bologna: Dort einigten sich 1999 europäische Bildungsminister auf eine transnationale Hochschulreform. Studiengänge und -abschlüsse wurden europaweit harmonisiert. Seitdem ist das System mit Bachelor und Master zweistufig. Kritiker bemängeln unter anderem die Verschulung in Module, die auf Kosten individueller akademischer Freiheit der Studierenden gehe.