Kunstwerk Fresko aufgetaucht: Per Zufall zum Sündenfall

Rudi Kübler 03.01.2018
Im Eckhaus Pfluggasse 8 ist ein Fresko aufgetaucht, das die Paradiesszene mit Adam zeigt. Eva und den Apfel muss man sich dazudenken.

Wie lange die Ecke mit der Säule zugebaut war? Das weiß niemand, beziehungsweise: Es lässt sich nur erahnen. Als jetzt bei Sanierungsarbeiten im Haus Pfluggasse 8 das Erdgeschoss entkernt wurde, kam nach ein paar Hammerschlägen überraschenderweise ein Fresko zum Vorschein: ein Wandbild vom Sündenfall. Das Fresko hatte gelitten über die Jahrhunderte, Adam ist gut zu erkennen, den Arm ausgestreckt – mit etwas gutem Willen sind noch der Apfel und der Baum der Erkenntnis auszumachen. Aber dann wird’s vage. Evas Figur verschwimmt vor den Augen des Betrachters, kundige Hilfe, wie die der beiden Restauratoren Berthold Fischer und Peter Schimpff, ist da nicht schlecht. Hier der Brustansatz, aha, dort die Zehen, so so. Und die langen Haare? Auch die kann man sich dazudenken.

Auf Ende 16. Jahrhundert datiert

Fischer und Schimpff gehen davon aus, dass der unbekannte Künstler das Werk Ende des 16. Jahrhunderts schuf. Was die beiden so sicher macht? Dazu muss man etwas ausholen: Vor zwölf Jahren waren die Restauratoren bei Arbeiten in der evangelischen Kirche in Lautern unter einem Wandgemälde, das die Kreuzigungsszene zeigte, auf Reste eines anderen Wandbildes gestoßen: eben den Sündenfall, ausgebreitet auf rund drei Quadratmetern. Dieses Gemälde ließ sich eindeutig datieren – und zwar auf das Jahr 1587. Das Entstehungsjahr konnten die Restauratoren deshalb so genau benennen, weil auf der gegenüberliegenden Chorwand ein gekreuzigter Christus zu sehen ist. Der gleiche Stil, die selbe Farbgebung, der stark ornamentierte Rahmen, der beide Bilder einfasst. Und unter dem Gekreuzigten hat der Maler die Jahreszahl vermerkt: 1587.

Das Fresko, das jetzt in der Pfluggasse aufgetaucht ist, erinnere ihn stark an das Lauterer Wandbild, sagt Fischer. „Es ist durchaus möglich, dass es vom selben Künstler stammt.“ Was zu denken gibt: dass die Szene aus dem Paradies gerade an diesem Ort, in einem profanen Haus, aufgetaucht ist. Das bewertet Schimpff als „äußerst ungewöhnlich“. Interessant wäre jetzt, den Hintergrund zu erforschen. Wie kommt das Fresco in das Bürgerhaus? Wer gab dem Künstler den Auftrag? Oder auch: Wurde das Gebäude in früheren Zeiten anders genutzt?

Sicher ist: Das Haus wurde 1468 erbaut, wie dendrochronologische Analysen, also Untersuchungen des damals verwendeten Holzes, ergeben haben. Um genau zu sein: Eigentlich handelt es sich um zwei Häuser, die miteinander verbunden waren, das große Eckhaus mit dem Eingang Pfluggasse 8 und das daran angrenzende kleine Haus Engelgasse mit der Nummer 1.

Schöne Stuckdecke restauriert

Der Ulmer Bauhistoriker Hellmut Pflüger schrieb in der Amtlichen Kreisbeschreibung: „Den Giebel mit Vorkragungen zur Engelgasse zeigt das Eckhaus Nr. 8, das längs der Engelgasse noch einen dreigeschossigen Querflügel mit Aufzugsgaube besitzt. Im Erdgeschoss (Laden) ist eine Kassettenstuckdecke aus der Zeit um 1600 erhalten.“ Auch diese Stuckdecke haben Fischer und Schimpff restauriert.

Wer aber wohnte und arbeitete in den beiden Häusern? Der  Drechsler Erich Haas hatte zuletzt dort seine Werkstatt, er produzierte Schach- und Damebretter, Pfeifen, Holzschuhe, Spazierstöcke und Bäckereigerätschaften wie Springerle-Model. Kinder erinnern sich gern an das Geschäft: Haas verkaufte nämlich auch Spielwaren, die er in seinen Schaukästen, die in die Fassade eingelassen waren, präsentierte. Wie die Nachfahren berichten, waren die Gebäude seit drei Generation im Besitz der Familie Haas: vor Erich Haas waren dies dessen Vater Max Haas und dessen Großvater Heinrich Haas.

Behutsam renoviertes Ensemble

Nutzung Der Bauzaun an der Ecke Pflug-/Engelgasse ist gefallen, das fünfgeschossige Eckhaus, die ehemalige Drechslerei Haas, ist teilweise bezugsfertig. Wohnungen sind vom zweiten Stock an entstanden. Den ersten Stock wird ein Steuerberatungsbüro, den Laden im Erdgeschoss das Reisebüro Honold beziehen. Im angrenzenden viergeschossigen Bau sind derzeit noch Restauratoren beschäftigt. Das alte Fachwerkhaus wird seinen Charakter beibehalten.