Ulm Paten des Stadtarchivs haben 43 Stücke vor dem Zerfall gerettet

Ulm / HENNING PETERSHAGEN 28.02.2013
43 herausragende Archivalien des Ulmer Stadtarchivs sind seit Mai 2011 mit Hilfe ebenso vieler Paten - darunter Vereine, Institutionen und Gemeinderatsfraktionen - vor dem Zerfall gerettet worden.

Für weitere Paten reiche das restaurierungsbedürftige Material im Ulmer Stadtarchiv noch mindestens bis Ende des Jahrhunderts, so umriss Oberbürgermeister Ivo Gönner gestern im Gewölbesaal des Schwörhauses die Dimension wichtiger stadtgeschichtlicher Quellen, an denen der Zahn der Zeit schon in bedrohlichem Maße genagt hat.

Seit Mai 2011 beteiligen sich Paten an dieser Rettungsaktion. Diesen dankte gestern die Stadt in Gestalt ihres Oberhaupts und des Stadtarchiv-Leiters Michael Wettengel. Wettengel betonte, dass der Gemeinderat 2010 in einem Fünf-Jahres-Programm die Mittel für die dringendsten Fälle zur Verfügung gestellt hat. Da die aber nicht ausreichen, um alle notwendigen Restaurierungen zu leisten, kam Stadtrat Hans-Walter Roth die Idee, "Paten fürs Archiv" zu gewinnen, woraus die gleichnamige Aktion entstand.

Anschließend wies Roth auf den Reichtum an Ulmer Archivalien hin, aus denen man zu so ziemlich jedem aktuellen Problem wie dem Pferdefleisch-Skandal erfahren könne, wie die Ulmer damit in der Vergangenheit umgegangen seien. Er überreichte Kulturbürgermeisterin Irene Mann das Bändchen "Sittenphilosophie für die reifere Jugend" aus dem Jahr 1786, mit dem Hinweis, das gehöre eigentlich ins Stadtarchiv: "Sie könnens ja noch ein bisschen restaurieren lassen."

Was die Paten seither geleistet haben - und was für künftige Paten noch zu leisten bleibt (siehe Kasten) - zeigten Gudrun Litz und Matthias Grotz vom Stadtarchiv sowie Restaurator Andreas Schäffler, der die handwerklichen Aspekte der Rettungsaktionen erläuterte.


 

Der älteste Patient war das Steuerbuch aus dem Jahr 1499. Darin sind alle Gassen und alle Häuser mit sämtlichen Steuerpflichtigen jenes Jahres samt der Höhe der von ihnen zu leistenden Steuer verzeichnet. Der Lederumschlag war durch die Gerbsäure und Umwelteinflüsse angegriffen und deswegen mehrfach mit Papier verstärkt worden, dass er einem Flickenteppich glich. Jetzt sind die Spuren früherer Reparaturen beseitigt und das schadhafte Leder durch neues ersetzt. Im Deckel des Salbuchs von 1522, das die Besitzverhältnisse des Spitals dokumentiert, entdeckte der Restaurator eine neue Archivalie: den Lehrbrief eines Metzgers aus dem Jahr 1729. Im Übrigen hat er den Wälzer neu geheftet und für die Bünde Hanf statt Leder verwendet, da dies beständiger ist.

Auch die älteste erhaltene Handschrift des Dichters Christoph Martin Wieland ist für die Nachwelt gerettet: ein Gedicht, das der damals Zwölfjährige seiner Großmutter zum Namenstag verfasst hat.