Ulm Otl Aichers Fotografien der 1950er Jahre im HfG-Archiv

Mit Blick für die Struktur: Otl Aicher fotografierte in den 1950er Jahren die Todsburgbrücke zwischen Mühlhausen und Wiesensteig.
Mit Blick für die Struktur: Otl Aicher fotografierte in den 1950er Jahren die Todsburgbrücke zwischen Mühlhausen und Wiesensteig. © Foto: Florian Aicher
JÜRGEN KANOLD 11.04.2014
Das HfG-Archiv am Hochsträß verfügt jetzt auch über ein "Studio HfG" in der ehemaligen Metallwerkstatt und zeigt dort eine erste Ausstellung mit Fotografien: "Otl Aicher - Ordnungssinn und Dolce Vita".

"Die Welt als Entwurf" heißt ein Kapitel in Eva Mosers Biografie von Otl Aicher. "Es gab für ihn nichts, was nicht entworfen, gestaltet und entwickelt werden sollte", schreibt die Autorin: auch "das eigene Leben, das Leben mit anderen und mit der Natur, die Gegenstände des tägliches Lebens, das Wohnen und Denken." Aber Aicher (1922-1991), Mitbegründer der Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG), hat in den 1950er Jahren auch einfach nur die Welt fotografiert, wie sie war.

Ein ziemlich begeisterter Fotograf war Aicher, und viel Geld hat er auch dafür ausgegeben in einer Zeit, als noch keine 16-Gigabyte-Speicherchips in Digitalkameras steckten, sondern die Hasselblad mit einer Filmrolle für zwölf Bilder gefüttert werden musste. Die Welt, sie war für Aicher auch quadratisch: im Mittelformat 6x6 Zentimeter. Eine "Unzahl" von Schwarzweiß-Fotos hat er hinterlassen, vier Schachteln mit mehr als 1000 Negativstreifen: aufbewahrt in Faltumschlägen, auf denen die Kontaktabzüge kleben. Das alles gehört dem HfG-Archiv, und dieses zeigt jetzt nach langer Sichtung des Materials in der ehemaligen Metallwerkstatt des Hochschulgebäudes auf dem Hochsträß, in einem 120-Quadratmeter-Raum neben der Dauerausstellung, die Ausstellung "Ordnungssinn und Dolce Vita" mit besagten Fotografien aus den 1950er Jahren.

Selbstverständlich hat auch der Fotograf Aicher zwar nicht die Welt entworfen, aber er hat das fotografiert, was bildhafte gestalterische Komposition hätte sein können. Er suchte und erforschte Struktur in der Natur. Anders gesagt: Das "ordnende Schauen" war Otl Aichers Motivation, wie Christiane Wachsmann erklärt, die Kuratorin dieser Ausstellung im neuen "Studio HfG". Ein bekanntes Beispiel: Felder im Winter auf der Schwäbischen Alb, dunkle Streifen auf verschneitem Grund, ein Wechsel von Schwarz und Weiß. Auch Brückenbögen, Telegrafenmasten oder sich schlängelnde Straßen fotografierte Aicher. Der später berühmte visuelle Gestalter - kein Künstler, das war keine Disziplin an der HfG - schärfte sich gewissermaßen die Sinne.

1959 zeigte Aicher allerdings eine Auswahl seiner fotografischen Arbeiten unter dem Titel "otl aicher. fotos" im Ulmer Museum. Die Bildtafeln haben die Zeiten überlebt, 14 davon hängen jetzt im "Studio HfG". Weiteres Fotomaterial wird vor allem auf Tischen unter Glas präsentiert: ganze Strecken von Kontaktabzügen, Schwarzweiß-Kostbarbarkeiten darunter. Aicher hat mit großer Entdeckerlust und Sinn fürs Timing kunstvoll fotografiert; Architektur interessierte ihn besondern.

Aber er war auch privat und Tourist: Er reiste mit seiner Ehefrau Inge Aicher-Scholl und Freunden nach Frankreich, nach Italien. Dolce-Vita-Sehnsüchte im Nachkriegsdeutschland: eine neue Lebensfreude - aber gerne geordnet und strukturiert.

Ausstellung