Wohnen Ortsteile sind bei der Wohnungsdebatte im Fokus

Ulm / JAKOB RESCH 26.03.2016
Die Ulmer Rathausfraktionen sind sich in den Zielen der Wohnungsdebatte weitgehend einig. Bloß der FDP ist viel zu viel Eingriff der Obrigkeit im Spiel. Mit einem Leitartikel von Jakob Resch: Die Monsteraufgabe.

"Wir brauchen mehr Wohnungen", sagt Oberbürgermeister Gunter Czisch. Das sehen alle Stadträte so. 3500 neue sind bis 2021 anvisiert. Gebaut werden sollen sie vor allem in der Innenentwicklung, "um weniger Flächen zu verbrauchen und unsere Infrastruktur besser auszulasten", sagt Baubürgermeister Tim von Winning. Denn die ist für mehr Menschen ausgelegt, im Verkehr speziell an den Linien des ÖPNV. Auch das sehen alle so.

Und mehr preisgünstiger Wohnbau zur Miete? Auch okay. Die stärkere Förderung von Baugruppenmodellen soll Ulm außerdem für junge Familien attraktiver machen. So weit sind die wohnbaupolitischen Vorgaben für die nächsten fünf Jahre fast unbestritten. Bis Herbst sollen sie ausdiskutiert sein und dann in ein Programm fließen. Zum Auftakt setzten die Stadträte eigene Schwerpunkte und haben darüber hinaus besonders die Ortschaften im Blick:

Gerhard Bühler (FWG) Auch Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser dürften nicht zu kurz kommen - mit mehr als der Zielvorgabe von 70 Bauplätzen dafür im Jahr. "Die Mischung muss passen." Die Ortschaften sollten in die Innenentwicklung einbezogen werden, als "Puffer" zur Innenentwicklung in der Kernstadt - auch wenn sich das wegen der Eigentumsverhältnisse in den Dörfern schwieriger gestalte.

Brigitte Dahlbender (SPD) Auch sie fordert Entwicklung in den Ortschaften samt Geschosswohnungsbau, und: "Wir haben das große Potenzial der frei werdenden Einfamilienhäuser", wegen der Altersstruktur. Sie rät zu einem langen Atem: "Die Bereitstellung preiswerten und geförderten Wohnraums wird uns über Jahrzehnte beschäftigen."

Winfried Walter (CDU) Auch er sieht Potenzial in den Ortschaften, siehe Wohnbauten in Donaustetten auf zwei Hofstellen. Und: Häuslesbauer müssten in allen Teilorten fündig werden: "70 Bauplätze im Jahr reichen nicht aus." Außerdem fordert er ein Projekt "Junges Wohnen" für jedes Baugebiet.

Annette Weinreich (Grüne) "Wir hätten am liebsten gleich einen Beschluss für die Ziele gefasst." Bei einer "so grundsätzlichen Wende" in der Wohnbaupolitik aber müsse wohl mehr Zeit sein. Wichtig sei, Stabilität und sozialen Ausgleich in den Quartieren im Auge zu haben.

Erik Wischmann (FDP) Er ist "als Liberaler" einzig gegen die Einmischung der Stadt auf dem Wohnbaumarkt: "Willkommen in der Planwirtschaft!" Aufgabe der Stadt sei lediglich, Flächen bereitzustellen sowie Baurecht, Rahmenbedingungen und Anreize zu schaffen.

Leitartikel von Jakob Resch: Die Monsteraufgabe

Und klar doch, die Zuzügler brauchen hier natürlich auch Wohnraum, da muss eben gebaut werden, ist doch logisch. Völlig in Ordnung auch, dass das nach der so genannten Innenentwicklung geschehen soll. Denn noch mehr Landschaft zuzupflastern - so modern und nachhaltig sind die Ulmer längst: Das ist echt nicht mehr zeitgemäß.

Bis dahin also: Alles easy! Und wenn die Pläne reifen? Au backe! Dann entpuppt sich die Innenentwicklung schnell als das, was sie wirklich ist: als Nachverdichtung. Dann muss sich die Zukunft Ulms plötzlich an den Ulmer Besitzständen messen lassen. Tja, die haben leider auch ihre Berechtigung. Das ist ja nicht neu in Ulm. Das ist zuletzt am Türmle, im Mettlachweg, in der Marchtalerstraße, am alten Söflinger Krankenhaus ausgefochten worden. Es ist nicht lustig, Häuserfronten vor die Nase gepflanzt zu bekommen. Wie das ist, ist mitten in der Stadt zuletzt und jetzt wieder ganz aktuell an den neuen Wohnblöcken der UWS an der Keplerstraße zu sehen.

Unter der vernünftig nüchternen Meta-Ebene einer boomenden Stadt, auf die sich alle einigen können, tun sich beim Wohnungsneubau also vielschichtig emotionale Dimensionen auf. Die Furcht davor ist in dieser Woche in der Wohnungsdebatte angeklungen.

Die Stadträte horchten auf, als der Untere Eselsberg als mögliches Innenentwicklungsgebiet genannt worden ist. Au weia! Sie fragen nach Kleingärten, die wegfallen. Sie mahnen an, dass auch Stadtbürger Luft zum Atmen und Wiesen und Bäume zum Wohlfühlen vor der Haustüre haben sollen - auch wenn sie Freiflächen bei anderer Gelegenheit dann schon mal für Parkplätze opfern.

Wenn die Stadt bis 2021 also 3500 neue Wohnungen haben will - und nach der normativen Kraft des faktischen Zuzugs braucht sie diese auch - ist es wichtig, dass Gemeinderat und Stadtverwaltung im Ziel einig bleiben und sich nicht im Einzelfall zerfleischen. Womit noch gar nicht gesagt ist, wer eigentlich bauen will und ob die Bauwirtschaft damit hinterherkommt. Und wobei der Wunsch nach mehr Baugemeinschaftsmodellen zunächst nur Zugabe ist.

Die Entwicklung gedeiht nur im Dialog mit den Leuten. Der Baubürgermeister bringt die Einsicht in die nötige Geduld für diesen Weg mit. Und auch die Stadträte haben diese Beharrlichkeit schon in unzähligen Bürgerversammlungen bewiesen. Sie sollten sich - das große Ziel vor Augen - auch weiter nicht auf Scharmützel untereinander einlassen.

Am Baum vor der Türe kommt es zum Schwur.

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