Prof. Karl Träger ist einer von vier Transplantationsbeauftragten der Uniklinik Ulm. Eigentlich ist er Anästhesist und Leiter der Intensivmedizin in der neuen Chirurgie auf dem Oberen Eselsberg, Transplantationsbeauftragter ist sein Zweitjob. Das geht, sagt er, weil das Klinikum 2011 sein Transplantationszentrum abgemeldet hat und es deshalb ausschließlich um die Entnahme von Spenderorganen geht, nicht mehr um Transplantationen. Und diese Entnahmen halten sich sehr in Grenzen, leider, sagt Träger. Im Jahr 2018 gab es an der Uniklinik lediglich fünf Organspender.

Sechs Jahre Wartezeit für eine Niere

Früher, als Ulm noch ein eigenes Transplantationszentrum unterhielt und vor dem Organspenderskandal in Deutschland, der für negative Schlagzeilen sorgte, waren es mehr. Jedes Organ wird dringend benötigt: 9400 Menschen stehen derzeit auf der Warteliste der Deutschen Stiftung Organspende (DSO). Immer wieder sterben Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten. Träger erinnert sich gut an einen Ulmer, der keine 60 Jahre wurde und vergebens auf ein neues Herz gewartet hatte. „Das ist prekär.“ Knapp 8000 dieser Wartenden hoffen auf eine neue Niere. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt sechs Jahre.

Der Schlüssel für Organspenden liegt bei den Transplantationsbeauftragten in den Kliniken, sagt Träger. „Wir sind in Baden-Württemberg dabei, sie zu qualifizieren.“ Es gibt dafür einen Grund- und einen Aufbaukurs. Das soll helfen, mögliche Organspender früh zu erkennen, zeitnah das Gespräch mit den Angehörigen zu suchen – und auch den Aufwand, der mit der Entnahme verbunden ist, nicht zu scheuen. „Das muss vom ganzen Team mitgetragen werden. Sonst funktioniert es nicht.“

Falsche Vorstellungen sorgen für Ängste

An der Uniklinik in Ulm gibt es vier Transplantationsbeauftragte, jeder Bereich mit Intensiv­betten hat einen eigenen: die Kardiologie, die Anästhesie, die Herzchirurgie und die Kinderklinik am Michelsberg. Das Bundeswehrkrankenhaus nebenan hat einen eigenen und arbeitet autark der DSO zu.

Bei vielen Menschen sorgten falsche Bilder von einer Organentnahme für Ängste, sagt der 55-Jährige, der seit 27 Jahren am Uniklinikum arbeitet. Etwa dass Patienten noch gar nicht unrettbar verloren sein könnten und ihnen trotzdem schnell Organe entnommen würden, weil die Chirurgen unter Zeitdruck stehen und nur ein kleines Zeitfenster für die Entnahme zur Verfügung stehe.

So kommt es tatsächlich zur Organspende

Dabei laufe der Weg zur Entnahme von Organen völlig anders. Kommt der vielzitierte schwerstverletzte verunglückte Motorradfahrer in den Schockraum der Klinik, geht er in jedem Fall in den kurativen Kreislauf: Operationssaal, Diagnostik, Intensivstation. Dort werden die Lungenfunktion, das Herz, die Nieren durch Apparate unterstützt. Der Patient erhielt vom Notarzt an der Unfallstelle so viele Medikamente, die ihn am Leben halten sollten, dass eine Organentnahme allein deshalb nicht möglich wäre, sagt Träger. Er zeigt einen Protokollbogen „zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls“, in dem detailliert aufgeführt wird, welche Bedingungen für eine Organentnahme erfüllt sein müssen. Allein für dieses Protokoll benötige man eine Stunde. Zwei Fachärzte müssen alle diese Bedingungen unabhängig voneinander feststellen, einer davon muss ein Hirn- und Nervenspezialist sein, einer Neurologe. Es gebe auch keinen Zeitdruck, sagt Träger. Liegt der Patient erst auf der Intensivstation, übernehmen die Apparate die Vitalfunktionen, und die Organe funktionieren weiter, auch wenn das Gehirn irreversibel geschädigt ist.

Hirntod als Kriterium

Das macht es für die Angehörigen auch schwer, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass ihr Vater, Ehemann, Kind, das da liegt, nicht mehr zu retten sein soll: Der Körper ist warm, der Brustkorb hebt und senkt sich, das EKG zeichnet normale Kurven auf, der Blutdruck stimmt, scheinbar funktioniert alles – bis die Maschinen ausgestellt werden. „Ich glaube, dass wir mit dem Hirntod als Kriterium ein sehr aufwendiges Konzept entwickelt haben.“ In der Regel dauere es zwei bis drei Tage, bis eine Organentnahme durchgeführt wird, sagt der Intensivmediziner.

Auch wenn Gesundheitsminister Jens Spahn jüngst die Debatte um eine Widerspruchslösung, bei der einer Organentnahme zustimmt, wer nicht widerspricht, angestoßen hat: Es gilt weiter die Zustimmungslösung. Entweder es muss eine schriftliche Zustimmung vorliegen, ein Spenderausweis oder eine Patientenverfügung mit entsprechendem Passus.

Wille des Verstorbenen zählt

In allen anderen Fällen müssen die Mediziner auf die nächsten Angehörigen zugehen. Hat er sich irgendwann zu diesem Thema geäußert? Es zählt der Wille des Verstorbenen. Juristisch könnte der auch gegen den Willen der Angehörigen, die einer Entnahme widersprechen, durchgesetzt werden. Aber das macht niemand, sagt Träger. „Es ist wichtig, einen Konsens zu finden. Wir wollen keinen Konflikt in die Familien hineintragen.“ Man spreche mit den Verwandten, versuche, zu erklären und zu überzeugen. „Das sind mit die schwierigsten Gesprächssituationen für einen Arzt“, sagt Träger. Er persönlich wäre für eine Widerspruchslösung, so wie die Österreicher sie praktizieren: Sie verzichten auf eine Entnahme, wenn die Angehörigen das nicht wollen. Aber das wäre offensichtlich momentan politisch kaum durchsetzbar.

Position des Transplantationsbeauftragten gestärkt

Irgendwann werden vielleicht andere Möglichkeiten bestehen, gezüchtete Ersatzorgane oder Reparaturarbeiten an den bestehenden durch Stammzell-Behandlungen. Aber das ist Zukunftsmusik, das werde auch er als Arzt nicht mehr erleben, sagt Träger. Er ist froh, dass die Position des Transplantationsbeauftragten per Gesetz, das am 1. April in Kraft tritt, gestärkt wurde. Wie die Kliniken das umsetzen, ist offen. Seinen Job als Transplantationsbeauftragter hat er von seiner Vorgängerin geerbt. Aber er hat die Bedeutung auch privat erlebt: Seine Mutter lebte 20 Jahre mit einer Spenderniere.

Das könnte dich auch interessieren

Kaum Chancen für Ulmer Transplantationszentrum


Entnahmezentrum Die Ulmer Uniklinik ist ein Organ-Entnahmezentrum. 2019 wurde dort allerdings noch kein Organ entnommen. In Baden-Württemberg gibt es fünf Transplantationszentren, seit die Uniklinik Ulm ihres 2011 abgemeldet hat: in Tübingen, Heidelberg, Mannheim, Freiburg und Stuttgart. Patienten aus der Region Ulm pendeln auch an das Zentrum im bayerischen Augsburg.

Aufwand Derzeit sieht das Ministerium in Stuttgart keine Chance, ein Transplantationszentrum nach Ulm zurückzuholen, sagt Prof. Karl Träger. Dafür müssten die Spenden erheblich ansteigen. Die Neueinrichtung wäre mit erheblichem finanziellen Aufwand verbunden.