Tango trifft Kirche. Das war nun wirklich ein Konzert der besonderen Art - und ein Publikumsmagnet. Stehende Ovationen und Beifallstürme feierten am Ende minutenlang den bravourös harmonierenden etwa 110-köpfigen Klangapparat unter Thomas Kammel, den weltbekannten Bandoneon-Virtuosen Mario Stefano Pietrodarchi sowie den 50-jährigen argentinischen Star-Komponisten Martin Palmeri am Konzertflügel und sein grandioses im Tango-Nuevo-Stil komponiertes "Magnificat" bei dessen Ulmer Erstaufführung in der Pauluskirche.

Gewagt und gewonnen! Im elfteiligen "Magnificat" (2012) beschritten Dirigent Thomas Kammel und der stimmschöne Oratorienchor Ulm, dessen Leitung er 2014 übernommen hatte, moderne Wege der sakralen Chormusik. Das knapp einstündige lateinische Marienlob Palmeris ist von Astor Piazzolla inspiriert, der den argentinischen Tango zum populären Tango Nuevo weiterentwickelt hatte. Eine Herausforderung für den hochmotivierten und bestens vorbereiteten Chor, dem in homogener Transparenz und Strahlkraft unter Kammels straffem Dirigat mit dem Ensemble Musica viva Stuttgart und seinen noblen Streicher-Solisten in der nahezu ausverkauften Pauluskirche ein großer Wurf gelang - auch Dank des internationalen Aufgebots.

Das Herz schlug höher bei Palmeris faszinierendem Meisterwerk, das voller Melancholie, Leidenschaft und Glaubenstiefe in gefälliger Klangsprache moderne Harmonik, Rhythmik und Lebensgefühl des Tango Nuevo mit europäischem Fugen-Erbe à la Bach verbindet. Vielen der rund 700 Zuhörern, die bei der romantisch-einfühlsamen Interpretation mit Streicher- und Bandoneon-Edelklang zeitweise den Atem anzuhalten schienen, waren die polnische Sopranistin Katarzyna Jagiello vom Theater Ulm ebenso bekannt wie das frühere Ensemblemitglied Kinga Dobay, eine deutsch-ungarische Mezzosopranistin.

Ein weiterer Glücksfall neben ihren beiden ausdrucksstarken Prachtstimmen war der 35-jährige Italiener Pietrodarchi, der mit kolossaler Ausstrahlung, tiefempfundener Kunstfertigkeit und höchst differenziertem Ton auf dem Bandoneon brillierte - vor allem in Palmeris "Sobre las Cuatro Estaciones" (Über die vier Jahreszeiten) für Bandoneon, Streicher und Klavier, das als tango-typische Einstimmung anfangs präsentiert worden war.

Zum Dahinschmelzen war auch Pietrodarchis Piazzolla-Zugabe "Oblivion" mit Tastenkünstler Palmeri sowie die Tutti-Wiederholung des magischen dritten "Magnificat"- Teils.