Es sollte etwas Besonderes sein, etwas Monumentales, das der Größe des Bauwerks und seines Turms, der jetzt endlich fertiggestellt war, entsprechen sollte. Etwas so Beeindruckendes wie Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Elias", für dessen Uraufführung im August 1846 ein Sonderzug mehr als 300 Mitwirkende von London nach Birmingham gebracht hatte. Nur: Für solch ein Vorhaben gab es 1890 in Ulm keinen Chor, der groß genug gewesen wäre, es zu stemmen. Deshalb rief Kirchenmusikdirektor Johannes Graf, die Ulmer Sänger auf, bei einem Projektchor mitzumachen, der die Einweihung des höchsten Kirchturms der Welt feiern sollte. Am Ende kamen 320 Sängerinnen und Sänger zusammen, die am 29. Juni 1890 das Mendelssohn-Oratorium aufführten. Das erste Konzert des Oratorienchors Ulm. Nur hieß er damals noch nicht so und war auch noch kein festes Ensemble. Erst 14 Tage später kamen die Sänger des Projektchors überein, auch fürderhin gemeinsam singen zu wollen - vorerst unter dem Namen "Verein für klassische Kirchenmusik".

Heute zählt der Chor 120 Sängerinnen und Sänger, und die begehen am kommenden Samstag das 125-jährige Bestehen ihres Chores im Münster - mit Mendelssohns "Elias", den der Chor nun schon zum zehnten Mal aufführt, wie dessen Vorsitzende Michaela Keller erklärt: "Eigentlich wurde jedes Jubiläum des Chors oder des Münsters damit begangen."

Der Oratorienchor war historisch auch immer eng ans Münster angegliedert. Bislang waren die Dirigenten auch immer die jeweiligen Münsterkantoren. Bislang, denn seit September vergangenen Jahres hat der Chor einen eigenen Dirigenten: Thomas Kammel, für den die "Elias"-Aufführung auch die Konzertpremiere mit dem Oratorienchor ist. In den vergangenen 13 Monaten hatte er zwar die Proben geleitet, die Aufführungen waren aber alle Kooperationen gewesen, bei denen Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland am Dirigentenpult stand. "Für mich war das kein Problem, im Profibereich - etwa bei Opern - ist das ja öfter so, dass einer die Proben leitet und ein anderer die Aufführungen", sagt Kammel. "Außerdem ist das höchst interessant zu beobachten, wie das andere machen. Da kann man immer was lernen - auch, was man besser bleiben lässt."

Nachdem der Oratorienchor im Turmjubiläumsjahr vielen anderen Verpflichtungen nachkommen musste, wird für das Oratorium erst seit September intensiv geübt. Doch Kammel ist höchst zufrieden mit dem Ergebnis. Was ist das größte Problem dieses Werks? "Die Dramatik", sagt Kammel. "Da kommt der Chor an seine Grenzen, man muss aufpassen, dass man die nicht überschreitet." Denn: "Da gibt es mächtige Chöre auf die ein inniger Choral folgt. Da muss die Stimme noch da sein. Da darf man sich nicht zu schnell verausgaben."

Überhaupt: Dieses Werk verlangt Stehvermögen, auch wenn die mehr als drei Stunden Dauer der Uraufführung längst Geschichte sind. "Mendelssohn hat das Oratorium überarbeitet und viel gestrichen." Kammel schätzt, dass die Aufführungen am Samstag etwa zwei Stunden 20 Minuten dauern wird. "Heute singt man das auch in anderem Tempo. In der Romantik war alles sehr getragen." Die letzte Entscheidung über die Tempi fällt bei der Generalprobe, wenn Kammel das erste Mal im Münster dirigieren wird, dessen mächtigen Schiffe ja einen Nachhall von bis zu acht Sekunden erzeugen. Aber das war auch 1890 schon so.

Termin und Tickets

Konzert Der Oratorienchor Ulm, die Süddeutschen Kammersolisten Stuttgart und Musiker des Philharmonischen Orchesters führen Mendelssohns Oratorium "Elias" am Samstag, 18 Uhr, im Münster auf. Die Engelschöre singen Schüler des von Thomas Kammel gegründeten Neuen Kammerchors des Schiller-Gymnasiums Heidenheim. Tickets gibt es im Vorverkauf beim Kartenservice der SÜDWEST PRESSE (Frauenstraße 77).