Ulm / Maren Wegener, Kevin Zimmerer, Enna Herrmann und Miro Klass, Medien-AG Anna-Essinger-Gymnasium  Uhr

Mir reicht die Linie 1“, erzählt uns Leo Selg. Der Schüler fährt selten Bus und Straßenbahn, er kann den ganzen Wirbel um die Linie 2 nicht wirklich verstehen. Und auch Lisa Lauterbach stört der Lärm, der durch den Bau verursacht wird: „Auf Dauer nervt das einfach. Aber was will man denn dagegen machen“.

Am Anfang fanden viele Leute den geplanten Ausbau des Liniennetzes gut, während der Bauphase dann auf einmal nicht mehr. Denn Bauen bedeute immer Lärm, Schmutz und Beeinträchtigungen, so Werner Reichert, Baustellenbeauftragter der Linie 2. „Natürlich gab es Beschwerden, wir hatten fast 1200 Anfragen, die bisher beantwortet wurden“, sagt er: „In der Regel gibt es aber Verständnis, wenn man den Leuten erklärt, was zurzeit wirklich getan wird“. Diese aktive Kommunikation helfe bei dem Kummer und den Sorgen, die natürlich berechtigt seien.

Insgesamt arbeiten auf der Baustelle der Linie 2 circa 400 Arbeiter, allein am Streckenast Kuhberg mehr als 100. Andreas Vogt, Oberbauleiter für den Streckenast Kuhberg und zuständig für die Abrechnung und Koordinierung des Projektes, sieht noch viel Arbeit vor sich: „Insgesamt bauen wir 10 Kilometer neue Strecke und 17 neue Haltestellen. Wir haben noch ein großes Stück Arbeit vor uns“.

240 Millionen Euro

Im Besprechungsraum am Kuhberg treffen wir außerdem Ralf Gummersbach, den Gesamtleiter für das Projekt Linie 2. In den Räumen sitzt auch die Bauoberleitung und die Bauüberwachung, zusätzlich finden hier wöchentliche Baubesprechungen statt. An den Wänden findet man Leitungspläne, die nur einen Teil der Ausführung darstellen. „Das Gesamtprojekt kostet ungefähr 240 Millionen Euro“, erzählt Gummersbach. „Wir bekommen von Bund und Land hohe Fördergelder, die bis Ende 2018 abgerechnet werden müssen“.

Dieses Geld wird auch dringend benötigt. Die Stadt Ulm macht jedes Jahr zehn bis vierzehn Millionen Euro Verlust mit dem öffentlichen Nahverkehr, es ist ein Zuschussgeschäft. Ansonsten müsste der Preis für eine Fahrt von circa zwei Euro pro Erwachsenen  erheblich steigen. „Wir möchten die Leute weg vom Auto und hin zum ÖPNV locken“, so Gummersbach. Erst einmal mit weniger Bussen. „Insgesamt fallen 13 Busse weg, denn ein wichtiger Vorteil der Straßenbahn ist der Transport von fast doppelt so vielen Fahrgästen mit nur einem Fahrer“.

Zusätzlich zeigte Gummersbach uns die Baustelle am Egginger Weg. Uns fielen sofort die vielen Kabel für Ampeln oder Datenleitungen in der Luft auf. Diese können zurzeit nicht zurück in die Erde, da der Kanal und Schachtausbau noch nicht fertig gestellt ist. Tim von Winning, Baubürgermeister der Stadt Ulm, erklärt uns, warum: „Oft passiert bei so einem Bau etwas Unvorhergesehenes. Hier musste man die Kanäle erneuern, da der Zustand von außen äußerst schlecht war“. Und das kostet natürlich zusätzliches Geld, wobei die Mehrkosten „moderat“ seien. „Wir haben ja alle gesehen, was die Elbphilharmonie in Hamburg gekostet hat“, sagt er. Und hat dabei recht, denn was sind schon 24 Millionen Euro mehr Geld im Vergleich zu fast 700.

Auch wenn nicht alles glatt läuft, sei die Straßenbahn für die Entwicklung einer Stadt unerlässlich – und umweltfreundlich zugleich. „Alle Bäume, die gefällt werden mussten, werden an einer anderen Stelle durch neue ersetzt. Dadurch ist die Linie vertretbar und verträglich“.

Außerdem fährt sie mit 100 Prozent Naturstrom. „Für uns ist Elektromobilität nichts Neues“, meint Jürgen Späth. Ihn treffen wir im Baubetriebshof der SWU, der demnächst erweitert wird. Die Straßenbahn fuhr bereits von Anfang an mit Strom und wird direkt vom Netz versorgt. Beim Bremsen spart man zusätzlich Energie, mit der man 260 Haushalte im Jahr versorgen könnte. „Gegen September kommt die erste Straßenbahn nach Ulm“, erzählt er. Insgesamt gebe es am Ende 22 Fahrzeuge, von denen täglich 19 den Bauhof verlassen würden. „Die neuen Straßenbahnen sehen von vorne etwas anders aus, ansonsten sind sie fast gleich. Sie werden im Siemens-Werk in Wien gebaut und später im Mischbetrieb eingesetzt“.

Außerdem zeigte uns Späth zwei historische Straßenbahnen in der Hauptwerkstatt des Hofes. Dort werden besonders große Reparaturen wie ein Motorwechsel getätigt. Ehrlich gesagt sind wir ganz froh, doch die bisherigen und neuen Fahrzeuge nutzen zu können und freuen uns auf die Linie 2 – dem ganzen Bautrubel zum Trotz.