Kabarett Obergratler im Idyll: Polt am Blautopf

Freundlich hinterfotzig: Gerhard Polt am Blautopf.
Freundlich hinterfotzig: Gerhard Polt am Blautopf. © Foto: Ralf Hinz
Blaubeuren / Jürgen Kanold 06.08.2018

Das Mühlrad am Blautopf dreht sich romantisch. Ein schöner, lauer Abend, eine Volksfestfröhlichkeit. Jetzt könnte auch eine Musik aufspielen, aber ins Idyll ist der Obergratler vom Schliersee zum Solo gekommen: Gerhard Polt, der Altmeister des Kabaretts. Der 76-Jährige stört die gute Laune nicht, auch wenn er den Menschen, der vor allem ein Spießbürger ist, bis zur hässlichen Kenntlichkeit auftreten lässt – Polt unterhält vortrefflich mit einem etwas anderen Heimat­abend. Weit mehr als 500 begeisterte Zuschauer applaudieren ihm, es war wieder ein Riesenerfolg für die Macher der Blaubeurer Sommerbühne.

„Sein’s mir nicht bös . . .“ Gerhard Polt ist nie privat, er räsoniert nur im Rollenspiel, führt aber Gespräche scheinbar direkt mit dem Publikum, und seine Figuren entschuldigen sich permanent hinterfotzig, wenn sie die Wahrheit, die man auch mal sagen dürfen muss, auch sagen. Polt ist ein Virtuose der folkloristischen Ironie. Er verkörpert den Gratler, mit Fistelstimme das alte Tratschweib, auch den Großvater, der seinem Bubi so überzeugend die Demokratie erklärt hat, dass der im Keller die Brandsätze fürs Asylantenheim bastelt.

Er gibt den „Alkoholsportler“, die blöde Radiomoderatorin und den Reihenhausbesitzer, der bei seinem Nachbarn, dem Renftle, die Grillordnung mit der Drohne überwacht und feststellt, dass der Schauspieler, der ein brotloser Künstler sein müsste, mehr als die fürs Jahr genehmigten 18 Paar Würste gebraten hat. Es ist fast wie im richtigen Leben. Und derart legt Polt seit Jahrzehnten die bayerische Seele frei.

Es sind die Mini-Komödien eines genialen Sprachkünstlers, dessen Figuren so langsam bis volksnah zäh ihre Meinung ausbreiten, dass man schon die einzelnen Hirnwindungen zu sehen glaubt – und dann schlagen die Figuren plötzlich mit einer Bösartigkeit zu, die man als Pointe sehr freudig begrüßt. Polt ist auch ein großer Mime, der keine Requisiten braucht und am Blautopf nur am Mikrofon steht. Noch nicht einmal ein Weißbier gehört zur Deko. Herrlich komisch, wie Polt einen Inder spielt, der entsetzt ist, dass in Bayern der Katholizismus auch nicht mehr das ist, was er mal bigott war. Eine Nummer auf Englisch! Das ist auch theatralische Kunst.

Keine aktuelle Politik

Was Polt in Blaubeuren völlig verweigerte: jeden Bezug zur aktuellen Politik, es kam keine Spitze gegen Seehofer oder Söder. Da bleibt Polt lieber bei der Basis, im Volkssumpf. Es würde einen aber schon interessieren, wie es ein Kabarettist, der sich jahrzehntelang am CSU-Bayern abgearbeitet hat, erlebt, dass seine Menschen jetzt auch AfD wählen.

Dann war’s aber nach gut zwei Stunden schon vorbei am Blautopf. „Wenn man keine Gedanken hat, dann überzieht man halt“, sagt ein devoter Firmenreferent, sagt der großartige Polt, der auch den richtigen Schluss setzen kann.

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