Keine Wohnung Obdachlos in Ulm: Vom Überleben im Park

Ulm / Christoph Mayer 30.07.2018
Seit zweieinhalb Wochen wohnen Andrea und Jürgen in den Ehinger Anlagen. Die Suche nach einer Bleibe bestimmt ihren Alltag.

Momentan ist hier unser Wohnzimmer“, sagt Andrea. Im überdachten Rondell in den Grünanlagen hinter dem Ehinger Tor hat sie sich mit ihrem Gefährten Jürgen seit zweieinhalb Wochen eingerichtet. „Mit städtischer Erlaubnis“, sagt der Bärtige rechtfertigend. Töpfe, Geschirr, ein paar Lebensmittel und Getränke  – nichts Alkoholisches – stapeln sich auf der Sitzbank, ein Kofferradio dudelt. Jeden Morgen geht die 62-Jährige einkaufen. Jürgen bereitet später auf einem Mini-Gaskocher das Essen zu. Heute gibt es Rindfleisch mit Bohnen und Tomaten – ein Kessel Buntes. „Ich bin kein großer Koch, aber ein kleiner“, sagt der 58-Jährige, der nur mühsam und mit Krücken laufen kann.

Ausgerutscht und kein Zurück

Es lief zuletzt nicht gut für Jürgen. Ausgerutscht, Oberschenkelhalsbruch, Klinikaufenthalt, Reha („das Mittagessen war prima, die Leute nicht“). Danach habe es für ihn kein Zurück mehr gegeben in seine Blausteiner „Chaos-WG“, in der er zuletzt gewohnt habe. Zum einen, weil es dort so verdreckt war, zum anderen, weil er ja erst mal nicht mehr Treppen habe steigen können. „Das war kein Zustand.“

Einer sorgt für den anderen

Andrea behauptet, bis vor ein paar Wochen ein Zimmer auf Wochenmietbasis gehabt zu haben – Platz für eine Person. „Aber ich konnte den Jürgen ja nicht da draußen alleine lassen.“ Also sei auch sie auf die Straße gegangen. „Da sorgt einer für den anderen.“ Jürgen, der eben noch wie ein harter Brocken wirkte, fängt zu schluchzen an. „Sie tut alles für mich.“

Dass das Leben unter freiem Himmel für beide eine Ausnahmesituation ist, wie sie mehrfach betonen – man darf es bezweifeln. Zu verwahrlost wirkt das Paar, einmal rutscht Andrea eine Obdachlosenanekdote aus früheren Zeiten heraus. Aufschlussreich ist auch ein Blick ins SWP-Archiv: Vor vier Jahren campierte schon einmal eine Andrea mit oberbayerischem Akzent wochenlang in den Ehinger Anlagen, damals mit zwei verwahrlost wirkenden volljährigen Söhnen. War sie das? Darauf gibt es keine klare Antwort. Nur: „Meine Kinder sind erwachsen, die müssen schauen, wie sie zurecht kommen.“

Und Jürgen? Auf die Frage, warum er nicht ins DRK-Übernachtungsheim in der Frauenstraße wolle, reagiert er schroff.  „Was will ich in einem Achtbettzimmer?“ Da hat er sich lieber für 55 Euro ein abschließbares Abteil in der Gneisenaustraße gemietet. Dort lagern nun seine und Andreas Klamotten, Papiere, ein paar weitere Habseligkeiten.

Glauben darf man ihnen, dass es schwer, ja unmöglich ist, eine dauerhafte Bleibe zu finden. „Du kriegst höchstens ein Pensionszimmer für ein paar Wochen, aber das kostet“, sagt Andrea. Zuletzt 27,50 Euro pro Nacht. „Wenn du das mal 30 nimmst, weißt du, wo das Geld bleibt.“ Mittellos sind beide nicht, sagen sie. Er – gelernter Sanitärtechniker, nach diversen Bandscheibenvorfällen Frührentner – lebt von 700 Euro monatlich. Sie – „ich hab’ 40 Jahre gearbeitet und dann Darmkrebs bekommen“ – bekommt 800 Euro Rente. Zusammengelegt lässt sich da schon was machen, oder?

Für August habe sie für Jürgen und sich eine Unterkunft gesichert, erzählt Andrea. Eine Bleibe in einem Vorort, „die wird oft an Schausteller vermietet“. 600 Euro, da könne man nichts sagen, und vielleicht werde ihr Freund dann auch wieder auf die Beine kommen. Danach müsse man weitersehen. „Wenn’s nachts kalt wird, kannst du unmöglich auf der Straße leben.“

Durchhalten bis Mittwoch

Zuerst mal heißt es durchhalten, bis Mittwoch. Weiter aufs Klo in die benachbarte Aral-Tankstelle, weiter Katzenwäsche mit Mineralwasser und Seife. Wenigstens steht einstweilen nicht zu befürchten, dass sie wieder absaufen wie vergangene Woche, als nach einem Sturzregen das Wasser aus dem Gullideckel neben ihrem Nachtlager schoss „und wir hier einen See hatten“.

Angst

Jeden Abend, wenn es dunkel wird, zündet Andrea sieben Teelichter an, die sie auf dem Deckel platziert. „Ich brauch’ das zur Beruhigung.“ Wenn die Lichter längst erloschen sind, wacht Jürgen immer auf. „Dann krieg’ ich Angstzustände.“ Er erzählt davon, wie er im Schlaf schon einmal verdroschen wurde von zwei jungen Typen, es ging ganz schnell, er konnte sich nicht mal die Gesichter merken. Und dass er gehört habe, dass dieser Tage in Berlin zwei Obdachlose angezündet wurden.

Geduldet

In den Ehinger Anlagen ist es vergleichsweise ruhig und friedlich. Das sieht auch die Stadtverwaltung so, die vor drei Wochen auf das Paar aufmerksam wurde, als es unter den Rathaus-Arkaden campierte. Das Ordnungsamt schlug ihnen die zwischen Bismarckring und Beyerstraße liegende Grünfläche als Quartier vor. „Wir dulden sie dort. Sie belästigen niemanden“, sagt Bürgerdienste-Chef Roland Häußler. „Wir schreiten grundsätzlich erst ein, wenn es zu kalt wird, oder wenn Alkohol oder Drogen im Spiel sind.“

Unterstützung

Ein Mitarbeiter der Wohnsitzlosenhilfe der Caritas besucht die Beiden täglich, erkundigt sich, ob sie etwas brauchen. „Er hat uns einen Schlafsack gebracht“, sagt Jürgen. Abgelehnt hat er das Angebot zweier Passanten, die dem Paar ein ausrangiertes Sofa auf die Wiese stellen wollten. „Nee, das geht nicht, wir sind ja für diesen Ort verantwortlich.“

Hilfsangebote für Wohnungslose

Übernachtungsheim Das Rote Kreuz betreibt in der Frauenstraße 123 im Auftrag der Stadt Ulm ein Übernachtungsheim für Wohnungslose. Es ist rund um die Uhr mit einem Mitarbeiter besetzt. Aufnahmezeiten sind im Sommer von 7 bis 23 Uhr und im Winter von 7 bis 22 Uhr.

Beratung Die Fachberatungsstelle der Caritas in der Michelsbergstraße 5 ist in Ulm das zentrale ambulante Hilfeangebot für Wohnungslose und für Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. In Neu Ulm hilft die Ökumenischen Wohnungslosenhilfe in der Eckstraße 25. 

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