Medizin Obacht bei künstlichen Hüften und Knien

Prof. Heiko Reichel: Nicht jede neue OP-Methode ist die beste.
Prof. Heiko Reichel: Nicht jede neue OP-Methode ist die beste. © Foto: Uni
Ulm / Roland Schütter 31.07.2018

Die Werbung für künstliche Hüft- und Kniegelenke findet Prof. Heiko Reichel oft grenzwertig. In seinem Vortrag in der Reihe „Wissen erleben – Uni Ulm in der Stadtmitte“ warnte der Ärztliche Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik am RKU vor falschen Erwartungen. „Da wird dem Betrachter vorgegaukelt, er könne mit diesem oder jenem Produkt nach einer OP drei Meter hohe Sprünge machen“, monierte der Experte vor mehr als 150 Zuhörern.  „Irreführende Darstellungen gehören sich nicht.“

Doch auch Patienten hätten vielfach falsche Vorstellungen, glaubten,  nach einer Gelenk-OP Ballsportarten ausüben zu können. Wovon Reichel aus Belastungsgründen abrät. Auch Kampfsport und Marathonlauf  sind für ihn tabu. Zum verantwortlichen Umgang mit Implantaten gehöre es eben auch, einen geeigneten Sport auszuüben. Schwimmen, Segeln, Nordic Walking, Skilanglauf und Golf sieht er als ideal an. Wegen der Belastung des Knies mit dem sechsfachen Körpergewicht beim Bergabstieg gehört für ihn der Einsatz von Stöcken zwingend dazu. Tennis würde er nur auf Granulat und Sandplätzen spielen und beim Alpin-Ski auf harte, steile Pisten oder gar Buckelpisten verzichten. Bei extremerem Sport müsse eine Aufklärung über Lockerungsrisiken des Implantats und dessen Verschleiß erfolgen und eventuell eine Maßorthese zur Stabilisierung eingesetzt werden.

Generell zähle die Endoprothetik an Hüft- und Kniegelenken zu den erfolgreichsten operativen Eingriffen. Zu 99 Prozent seien diese sicher und funktionierten. Mehr als 90 Prozent der Prothesen hielten länger als 15 Jahre. „Die neu gewonnene Lebensqualität ist für Patienten ein großer Gewinn“, so der Orthopäde. Zumal der Bewegungsanspruch im Alter gestiegen sei. „Glauben Sie aber nicht jeder neuen Methode“, forderte Reichel seine Zuhörer auf. Oftmals sei die bewährte OP-Technik die bessere.

Hüft-und Knie-OPs sind wirtschaftlich lukrativ, da sie bis zu 7000 Euro Gewinn abwerfen und für manche schwächelnde Klinik die Chance zur Sanierung bieten. Für Reichel ist es bereits ein Erfolg, dass 60 Prozent  der OPs im deutschen Endoprothesenregister zur Qualitätssicherung verzeichnet sind. In Dänemark sind es 100 Prozent, ein Ziel, das auch Reichel für erstrebenswert hält.

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