Friedrich-Ebert-Straße Gunter Czisch verteidigt zehnmonatige Teilsperrung

Ulm / Chirin Kolb 02.12.2018
Zehn Monate Teilsperrung der Friedrich-Ebert-Straße: OB Gunter Czisch verteidigt im Interview das Vorgehen der Stadt.

Die Entscheidung der Stadträte, die Friedrich-Ebert-Straße 2019 für zehn Monate Richtung Süden zu sperren, hat hohe Wellen geschlagen im Handel, bei IHK und Ulmer City. Die Stadt hatte diesen Vorschlag gemacht, damit die unterirdische Passage vom Bahnhof zu den Sedelhöfen rechtzeitig zu deren geplanter Eröffnung im Frühjahr 2020 fertig wird. OB Gunter Czisch verteidigt dieses Vorgehen.

Herr Czisch, warum plagt die Stadtverwaltung den Ulmer Handel so?

Gunter Czisch: Weder die Stadtverwaltung noch die Stadträte haben sich diese Entscheidung leicht gemacht. In der Abwägung halten wir es für den kleineren Eingriff, eine Fahrspur zu sperren. Diese zehn Monate sind lästig, nicht nur für den Handel. Aber sie sind weniger schlimm, als wenn die Sedelhöfe nicht gut starten würden. Ich danke allen Bürgern für ihre Geduld und ihr Verständnis, das sie bisher bewiesen haben.

Bevorzugt die Stadt die Sedelhöfe?

Wenn die Sedelhöfe gut eröffnen, zieht das Leute an. Davon profitieren alle in der Innenstadt. Um den Zeitplan einzuhalten, müssen wir in den einen oder anderen sauren Apfel beißen. Man muss das große Ganze sehen.

Und das wäre?

Wenn die Neubaustrecke der Bahn in Betrieb geht und Ulm mit Stuttgart und dem Flughafen schnell verbunden ist, sollten wir mit der Neugestaltung am Bahnhof fertig sein. Bis dahin sind die Sedelhöfe eröffnet, 1200 Parkplätze entstanden. Der westliche Innenstadthandel wird dann der große Profiteur sein. Das alles zu stemmen, ist ein Kraftakt. Es ist wie beim Bergsteigen, nur haben wir uns nicht die Schwäbische Alb vorgenommen, sondern eher den Himalaja. Wir drücken wirklich aufs Tempo.

So sehr, dass Sie vor der Entscheidung, die Friedrich-Ebert-Straße teilweise zu sperren, die IHK nicht informieren konnten?

Wir müssen dazu nicht die IHK fragen, sondern die Stadträte. Sie müssen den Beschluss fassen. Die IHK ist einer der Träger öffentlicher Belange und kann Stellung nehmen. Nicht mehr und nicht weniger.

Von der IHK und Teilen des Handels kam die Forderung, die Fußgängerzone Bahnhofstraße/Hirschstraße  zur Eröffnung der Sedelhöfe neu zu gestalten: Wenn schon schön, dann richtig – und überall.

Das ist völlig unrealistisch. Es gibt noch keine Planung, keine Ausschreibung. Es geht nicht nur um ein bisschen Fliesen legen wie im Bad.

Sondern?

Wenn wir da rangehen, muss man möglicherweise auch Kanäle und Leitungen erneuern. Dann reden wir über mehrere Monate Bauzeit. Wenn jetzt dieselben, die eine Baustelle in der Fußgängerzone wollen, gegen die Teil-Sperrung in der Friedrich-Ebert-Straße sind, fehlt mir dafür jedes Verständnis.

Der Handel ist auch durch Online unter Druck. Da können schon mal die Nerven blank liegen.

Wir unternehmen viel, um die Innenstadt attraktiv zu machen und geben dafür viel Geld aus. Zur Attraktivität gehört aber mehr als eine zweifellos notwendige neue Beleuchtung und ein neues Pflaster in der Fußgängerzone.

Zum Beispiel?

Eine Innenstadt ist mehr als Handel, das ist auch Wohnen, Arbeiten, Aufhalten, Ausgehen. Hoch komplex also. Über all das wollen wir im Innenstadtdialog sprechen, den ich angestoßen habe. Da sollen alle zu Wort kommen.

Bleiben wir mal beim Handel. Was macht ihn attraktiv?

Aufenthaltsqualität gehört zum Beispiel dazu, Online-Präsenz und ein Lieferservice. Und es sind doch die kleinen Läden, die eine Innenstadt von der anderen unterscheiden und attraktiv machen. Auch ihnen gilt unsere Sorge. Da sind wir schnell bei den Gebäudeeigentümern...

...also bei den Mieten, die sich manche kleinen Händler nicht mehr leisten können.

Die Vermieter sollten überlegen, ob sie dazu beitragen können, die Vielfalt und das Besondere zu erhalten und ihre Mieter zu unterstützen.

Welche Rolle spielt die Linie 2, die am 9. Dezember in Betrieb geht?

Sie vermindert die Baustellen erheblich. Kunden können dann aus vier Richtungen mit der Straßenbahn in die Innenstadt fahren. Während der zehnmonatigen Teilsperrung bleiben alle Parkhäuser erreichbar. Auch die direkten Zugänge zu den Bahnsteigen vom Bahnhofsteg werden fertig sein. Zum Bahnhof kommt man dann sehr gut von der Schillerstraße. Das wird die Friedrich-
Ebert-Straße entlasten. Wir sollten also aufhören, ständig zu erzählen, Ulm sei nicht erreichbar.

Ulm ist eben baustellengeplagt.

Das stimmt. Aber die Baustellen sind ja kein Selbstzweck. Wir bauen an der Zukunftsfähigkeit Ulms. Wir neigen dazu, viel zu viel schlecht zu reden.

Manche Händler fürchten, sie halten nicht mehr durch, bis die Zukunft Gegenwart ist.

Ich habe großes Verständnis für diese Sorgen. Es gibt einige wenige, aber dramatische Fälle, da muss man nicht drum herum reden. Aber die Stadt kann niemandem eine Bestandsgarantie geben. Wir können Gewerbetreibende auch nicht finanziell entschädigen, das ist rechtlich einfach nicht möglich. Auch wenn es einige unverhältnismäßig trifft: Stadtentwicklung wäre sonst unmöglich.

Die Stadträte wünschen sich Unterstützung für den Handel. Die SPD schlug vor, den kostenlos nutzbaren Nahverkehr an Adventssamstagen während der zehn Monate auf alle Samstage auszuweiten.

In den Haushaltsberatungen haben wir uns darauf verständigt, in der Dezembersitzung des Gemeinderats einen Vorschlag vorzulegen. Wir werden auch vorschlagen, die Erhöhung der Parkgebühren zu verschieben. Auch Image- oder Marketingkampagnen sind  im Gespräch. Ich bin bereit, über alles zu reden. Aber dann sollten alle mitziehen. Dazu gehört auch die Botschaft: Ulm ist erreichbar.

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