Wie sicher, sauber und lebenswert ist die Ulmer Innenstadt? Diese Frage treibt Anwohner, Händler und Besucher bereits seit geraumer Zeit um. Oberbürgermeister Gunter Czisch hat daraufhin den Innenstadtdialog ins Leben gerufen. Im Gespräch erklären er und die zwei Beauftragten der Stadt, Volker Jescheck und Markus Mendler, was sich die Bürger darunter vorstellen können.

Knapp ein Jahr nach der Aufregung um die Situation rund um die Bahnhofstraße – wie schätzen Sie die Situation heute ein?

Gunter Czisch: Es war eine heikle Situation, der man sich stellen muss. Vor allem, weil die objektive Bedrohung und das subjektive Empfinden gerade massiv auseinanderklaffen. Ulm ist eine sichere Stadt. Die Statistiken geben das her. Aber das alleine reicht nicht. Man muss das Sicherheitsgefühl durch viele Maßnahmen stärken.

Haben die Aktionen für mehr Sicherheit und Sauberkeit gesorgt?

Czisch: Ich denke, das ist gelungen. Auch durch den verstärkten Polizeieinsatz am Weihnachtsmarkt. Wir hoffen, dass die Forderungen nach mehr Polizei auf der Straße umgesetzt werden. Die Stadt hat zwei neue Stellen beim kommunalen Ordnungsdienst eingerichtet. Zum Thema Sauberkeit gibt es bald eine Kampagne. „Ulm ist sauber“ ist nichts, was man neu erfinden muss. Aber es gibt Orte, wo man nacharbeiten muss. Der Bahnhofsteg ist so ein Aufreger. Das Thema wird ein Dauerbrenner bleiben. Es gilt, professionell und verantwortungsvoll, aber doch mit der gebotenen Ausgewogenheit damit umzugehen. Gerade wird häufig gleich völlig überzogen, das ist nicht die Ulmer Art.

Nach der Aufregung haben Sie den Innenstadtdialog auf den Weg gebracht. Was verstehen Sie darunter?

Czisch: Wir müssen das Thema mit der Bürgerschaft und allen Interessenträgern diskutieren. Was heißt Sicherheit und Sauberkeit in der Stadt? Trägt jeder seinen Teil dazu bei? Ich würde mir wünschen, dass mancher Geschäftstreibende morgens auch mal mit Besen und Schäufele vor seinem Laden aufräumt und nicht nur nach den Entsorgungsbetrieben ruft. Hinzu kommt die To-Go-Mentalität. Es kann nicht sein, dass deshalb morgens um vier die Abfalleimer so voll sind, dass meine Leute zweimal fahren müssen. Jeder muss einen Beitrag leisten. Am Ende der Diskussion soll der Gemeinderat eine Handlungsempfehlung bekommen.

Und wie sieht der Dialog aus?

Czisch: Kooperativ und partizipativ. Aber auch mit der Erkenntnis, dass man es nicht allen recht machen kann. Die Ansprüche sind hoch, die Erwartungen auch. Die Innenstadt ist der Raum, der die Stadt prägt. Darum gibt es aber auch viele Interessen und unterschiedliche Vorstellungen. Es reicht nicht, wenn man immer nur Einzelthemen und -orte herausgreift. Deshalb brauchen wir einen Dialog. Ein, zwei Jahre in denen mal alle zu Wort kommen. Nicht nur die, die sich ständig selber zu Wort melden. Wir sollten schauen, wo sind gute Beispiele. Eine Fahrradstadt wie Münster etwa. Man muss das nicht kopieren, aber mal angucken.

Welche Themen stehen denn zur Diskussion?

Czisch: Die Sanierungsgebiete. Es gilt, Orte zu finden, die spannend sind. Dann die Mobilität. Hier wird sich in der Innenstadt viel verändern. Was heißt das für den Nahverkehr? Das kann man aber nicht im Innenstadtdialog klären, weil viele andere am Nahverkehr beteiligt sind. Aber wir müssen ein Ziel formulieren. Das Thema Leben, Wohnen, Arbeiten wird sich stark verändern. Gerade wenn es um den Zuzug geht, müssen wir den Leuten ein Angebot machen. Immer mehr Betriebe, die keine Produktionsflächen haben, wollen in die Innenstadt. Das verändert die Stadt und verstärkt die Konflikte. Für Sicherheit und Sauberkeit müssen wir uns Zeit nehmen. Bei Biodiversität und Stadtklima ist der große Treiber die Landesgartenschau. Alles, was man sich in der Stadt vorstellen kann, komprimiert sich in der Innenstadt. Mir geht es auch um das Miteinander und die Vielfalt in der Stadt. Und dass wir es am Schluss ulmisch machen.

Welche Ergebnisse erhoffen Sie sich?

Czisch: Ich habe eine Vorstellung. Aber zunächst müssen Stadt und Bürgerschaft ein selbstbewusstes Bild ihrer Innenstadt erarbeiten und dann in einer Fachdiskussion die Schlüsse daraus ziehen.

Also ist die Diskussion völlig ergebnisoffen?

Czisch: Es wird Punkte wie Sicherheit und Sauberkeit, Mobilität, Handel, Bauprojekte und öffentliche Räume geben, die zwingend sind. Aber das ist nicht abschließend. Wir kennen die Positionen derer, die sich oft zu Recht über Lärm beschweren und derjenigen, die eine sehr lebendige Innenstadt möchten. Aber vielleicht bringen manche auch Dinge ein, die wir bisher nicht auf dem Schirm haben.

Wer darf mitreden?

Czisch: Es wird zwei Ebenen geben. Eine Arbeitsebene, hier sind Markus Mendler, Volker Jescheck und (der externe Standortberater, Anm. d. Red.) Joachim Will die Hauptakteure, die auf einer Fachebene mit vielen Institutionen sprechen. Dann soll es Dialogveranstaltungen im Stadthaus geben, um eine breite Diskussion auf den Weg zu bringen. Zudem können die Bürger im Internet Fragen stellen, Anregungen geben, Beispiele nennen.

Wer ist für was zuständig?

Czisch: Markus Mendler kümmert sich um die Wirtschaftsförderung und besetzt die Geschäftsstelle.  Volker Jescheck, der Fachmann für Stadtentwicklung, fasst den Dialog zusammen, um daraus im Anschluss eine Diskussion im Gemeinderat zu erzeugen. Was machen wir daraus, wenn wir die Großprojekte fertig gebaut haben? Das ist die Grundidee. Moderiert wird der Dialog bewusst von Dr. Will aus Wiesbaden, weil wir jemanden von außen wollten. Er ist ein Handelsexperte. Das ist wichtig, weil Handel ein Schwerpunkt sein wird. Er kann den fachlichen Diskurs auf Augenhöhe mit den Vertretern des City Marketings oder der IHK führen.

Wann startet der Dialog?

Czisch: Zunächst müssen wir das Ganze im Hauptausschuss am
4. Oktober vorschlagen. Dann setzen sich mal alle Kernakteure zusammen.

Bis wann sind erste Ergebnisse zu erwarten?

Czisch: Im Juli nächsten Jahres soll die erste Handlungsempfehlung auf dem Tisch liegen.

Relativ zügig für solche grundlegenden Themen...

Czisch: Ja, man kann etwas auch tot diskutieren. Es geht darum, aus bereits laufenden Diskussionen ein Ulmer Modell zu entwickeln. Eine authentische, aber auch selbstbewusste eigene Art, um die Dinge anzugehen und aufzuschreiben. Und dann gehen wir in die Fachdiskussion. Später muss man auch die Ulmer und die Neu-Ulmer Innenstadt viel mehr zusammen denken.

Ulm 2030 war zentraler Punkt Ihrer ersten Schwörrede im vergangenen Jahr. Wie sieht die Innenstadt in zwölf Jahren aus?

Volker Jescheck: Die Landesgartenschau wird die Donau und Wilhelmsburg in den Fokus rücken. Ulm heißt ja eigentlich Ulm an der Donau, aber wir haben sie gar nicht so entwickelt.

Markus Mendler: Für mich ist wichtig,  ein Wir-Gefühl zu schaffen. Für alle Beteiligten. Wenn wir das schaffen, können wir einiges voranbringen, aber das wird eine sehr, sehr schwierige Aufgabe.

Czisch: Ich glaube, die Innenstadt wird dynamischer und vielfältiger sein. Als ich vor 38 Jahren in Ulm angefangen habe, war an der Stelle der Stadtbibliothek ein Parkplatz und dahinter sind keine Leute gesessen. Heute gibt es viele solcher Orte, an denen sich Leute treffen. Da haben wir noch Potenzial.

Wo zum Beispiel?

Czisch: Es gibt viele kleine Orte, die es zu entdecken gilt. Früher hatten wir mal das Thema Stadtgärten, die dann aber natürlich auch Probleme machten. Aber Vielfalt heißt eben auch, dass alle zusammenleben und nicht nur die vor der eigenen Türe hocken, die einem in dem Kram passen. Wir brauchen zivilgesellschaftliche Toleranz. Wir sind ja internationale Stadt, nicht nur im Rathaus. Auch die Architektur wird die Stadt prägen. Der Gegensatz zwischen Historischem und Modernem ist schon jetzt ein Markenzeichen der Stadt und wird sich auch im Theaterviertel fortführen.

Wann geht es los im Theaterviertel?

Czisch: Das Theaterviertel wird nach den jetzigen Großprojekten das nächste Thema sein. 2025 wird es nochmal eine Zäsur geben. Bis dahin müssen wir aber noch viel abarbeiten. Das Bauen haben wir schon, jetzt müssen wir uns mit dem Leben in der Stadt beschäftigen.

Jescheck: Die Leute kommen heute in die Stadt, nicht mit der Absicht, etwas zu kaufen, sondern mit der Absicht, etwas zu erleben. Möglichst etwas, was sie nicht in München oder Schnürpflingen erleben können.

Stichwort Fischmarkt...

Jescheck: Das ist ein klasse Beispiel. Diese emotionale Seite der Stadt zu stärken, ist eine wichtige Sache. Es gibt in Ulm auch nach den Baustellen jede Menge zu tun. Sowohl in der Innenstadt als auch im Dichter- und Theaterviertel. Ulm hat als wahrscheinlich einzige Großstadt die Chance, fünf Hektar in der Innenstadt vollkommen neu zu denken.

Grüner, leiser, sauberer, wie Sie in Ihrer Schwörrede formuliert haben, soll es sein – wie soll das umgesetzt werden?

Czisch: Ich halte die Mobilität für ein ganz zentrales Thema, das aber immer wieder hinten runter fällt. Der Verkehr in der Stadt muss effizienter und sauberer sein, am besten emissionsfrei – in den Bereichen, die man beeinflussen kann. Ich will keine Schilder aufstellen, wer alles nicht reinfahren darf. Wenn es so weit kommt, haben wir davor echt etwas falsch gemacht.

Die Burger-Kette „Hans im Glück“ brachte Diskussion über Lärm und Abluft. Wie kann man die Anliegen der Anwohner und die der Betreiber  zusammenbringen?

Czisch: Die Nutzungskonflikte sind so, wie sie sind. Die Stadt hat hier nicht viele Möglichkeiten. Es gilt das Baurecht. Aber man muss die Eigentümer in die Pflicht nehmen. Es gibt Eigentümer, die werfen einen langjährigen Mieter raus, sobald ein anderer fünf Euro mehr zahlt. Die Vorstellung: „Ich kaufe mir eine Wohnung in der Innenstadt und am nächsten Tag trete ich einer Bürgerinitiative bei“, ist aber auch zu kurz gedacht. Wer in die Innenstadt zieht, muss damit leben, dass etwas passiert. Aber er hat auch ein Recht darauf, dass Spielregeln eingehalten werden. Ich kann nicht verbieten, dass dort eine Gaststätte reinkommt oder ich verbiete alle neuen Gaststätten. Respekt, Toleranz und Rücksichtnahme sollten viel mehr wieder ein Maßstab sein.

Stichwort Handel: Setzen Sie weiter auf Selbstregulierung oder gibt es Unterstützung vom Rathaus?

Czisch: Die Innenstadtdiskussion wird oft zu sehr von der Handelsdiskussion dominiert. Mittlerweile findet das Einkaufen großteils im Internet statt. Der Handel lebt von einer attraktiven Innenstadt und davon, dass die Leute gern hinkommen und eine bessere Dienstleistungsqualität als im Internet erhalten. Und die Stadt lebt von einem attraktiven Einzelhandel. Es geht aber nicht darum, was die Stadt tun kann, sondern darum, was jeder Akteur tun kann. Eine gemeinsame innerstädtische Logistik kann hier ein Ansatz sein. Dabei unterstützen wir gerne. Deshalb haben wir Dr. Joachim Will engagiert.

Also nur noch Showrooms für den Handel?

Czisch: Der innerstädtische Handel soll in Teilen noch inhabergeführt sein. Aber das geht nur mit neuen Kooperationsformen, die wir nicht einrichten können. Den Zeichen der Zeit ist Rechnung zu tragen, aber auch die unternehmergeführte Identität gilt es zu erhalten. Ulm ist Tradition und Moderne.

Wie sieht die Erreichbarkeit der Stadt künftig aus?

Czisch: Wir werden mit Neu-Ulm und den Landkreisen Räume definieren, die wiederum eine eigene Dynamik und Funktion haben. Ich denke da immer an eine Zwiebel. Der kleinste Zwiebelring ist der Citybahnhof. Der zweite Ring sind die beiden Innenstädte, dann die beiden Städte, dann die Landkreise. Zwischen den Ringen soll es Verknüpfungen geben. Wir projektieren eine Regio-S-Bahn. Wir dürfen als Stadt  nicht glauben, die Leute erziehen zu wollen. Wir müssen Angebote etwa mit Park-and-Ride-Parkplätzen generieren. Ziel ist es, dass die Leute nur den Teil mit dem Auto fahren, der notwendig ist. Dafür brauchen wir aber ein Nahverkehrsangebot, das eine bequeme Alternative ist.

Also Autos raus aus der Stadt?

Czisch: Wir brauchen trotzdem Parkplätze in der Stadt. Deshalb bauen wir am Bahnhof eine Tiefgarage. Zudem will die Bahn ein Parkhaus in der Schillerstraße bauen. Und wir realisieren vom Moco-Areal aus einen zweiten kreuzungsfreien Zugang von der Blaubeurer Straße bis in die Schillerstraße. Aber erst, wenn die Neubaustrecke fertig ist. Der Bahnhof wird so frei für die, die in die Innenstadt wollen. Zudem soll die Bebauung der Messe mit einem Parkhaus flankiert werden.

Aber dort kommen ja auch gut 450 Wohnungen dazu…

Czisch: Die Quote der Autos pro Wohnungen wird sich massiv reduzieren. Bis dahin müssen wir den Übergang hinbekommen. Wir projektieren ja nicht die Regio-S-Bahn und bauen die Linie 2, damit alles bleibt wie es ist. Aus dem Umland werden abgestimmte Nahverkehrskonzepte eine ganz große Rolle spielen. Zudem muss irgendwann auch über eine Parkraumbewirtschaftung weit über die Innenstadt hinaus gesprochen werden. Da werden wir noch heftige Diskussionen im Gemeinderat und der Bürgerschaft führen. Ich will die Autofahrer nicht vertreiben, aber weniger Parkplätze funktionieren nur, wenn weniger Autos da sind. Wir sehen doch schon heute, dass in den Städten das eigene Auto gerade bei jungen Menschen an Bedeutung verliert. Mobilität wird schon heute neu gedacht. Derzeit sind in Ulm aber 63.000 Fahrzeuge angemeldet.

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Die Verantwortlichen


Gunter Czisch Seit 2016 ist der CDU-Politiker Oberbürgermeister der Stadt Ulm. Davor war der 55-Jährige bereits 16 Jahre lang unter OB Ivo Gönner Erster Beigeordneter und Finanzbürgermeister der Stadt.

Volker Jescheck Der Architekt war von 2005 bis 2018 Leiter der Hauptabteilung Städtebau, Umwelt und Baurecht der Stadt Ulm. Nun arbeitet der 64-Jährige in der Geschäftsstelle Innenstadtdialog.

Markus Mendler Der 53-Jährige ist Leiter Wirtschaftsförderung und Markt bei der Abteilung Liegenschaften der Stadt Ulm. Davor war Mendler 18 Jahre hauptamtlicher Orstvorsteher von Gögglingen/Donaustetten.