Konzerte Notos Quartett: „Mal stürmisch, mal sanft“

Das Notos Quartett mit (von links): Philip Graham, Antonia Köster, Andrea Burger und Sindri Lederer.
Das Notos Quartett mit (von links): Philip Graham, Antonia Köster, Andrea Burger und Sindri Lederer. © Foto: Uwe Arens
Ulm / Jürgen Kanold 15.09.2018

Die Reihe der „klassisch!“-­Konzerte startet am Mittwoch mit einem Klavierquartett in die neue Saison. Aus Berlin reist das viel gerühmte junge Notos Quartett mit Sindri Lederer (Violine), Andrea Burger (Viola), Philip Graham (Violoncello) sowie Antonia Köster (Klavier) an.

Notos – so heißt in der griechischen Mythologie eine Gottheit: der Südwind. Weshalb haben Sie ihn als Namenspatron für Ihr Ensemble gewählt?

Antonia Köster: Der griechische Südwind „Notos“ besitzt eine Vielzahl an Charakterzügen. So kann er mal stürmisch und aufbrausend, aber auch sanft und warm auftreten. All diese Charaktere möchten wir unserem Publikum mit der Musik übermitteln. Darüber hinaus verhält es sich mit der Musik ja genauso wie mit dem Wind: Auch sie kann man weder sehen noch anfassen, aber dennoch berührt sie den Menschen.

Geradezu einen Sturm haben Sie entfacht, als Sie im April als erste Künstler den Echo Klassik protestierend zurückgegeben haben, weil beim Pop-Echo ein Album der Rapper Kollegah und Farid Bang ausgezeichnet wurde, das mit antisemitischem Gedankengut spielt.

Philip Graham: An Aktualität hat der Fall, wie man leider an immer neuen erschreckenden Berichten von Rassismus in unserer Gesellschaft sieht, nichts verloren, und so stehen wir nach wie vor voll und ganz hinter unserer Entscheidung, den Echo zurückgegeben zu haben. Jeder in unserer Gesellschaft kann sich auf seine Art und Weise gegen Rassismus und für ein besseres Miteinander einsetzen, und gerade Künstler können und sollten die ihnen gebotene Plattform nutzen, um aufzustehen und Zeichen zu setzen. Diese Bereitschaft und der Aufschrei vieler Künstler hat uns nach der Echo Pop Verleihung 2018 gefehlt.

Den Echo Klassik hatten Sie 2017 als beste Nachwuchskünstler erhalten – wie wichtig sind denn Preise für ein junges Ensemble?

Andrea Burger: Im heutigen Musikmarkt sind Preise für junge Künstler außerordentlich wichtig, da sie den entscheidenden Karriere-Schub mit sich bringen können. Nachdem wir bereits eine Vielzahl an internationalen Wettbewerben gewinnen konnten, die uns jeweils auf unserem Weg bereichert und geholfen haben, waren wir auch zum Zeitpunkt der Vergabe des Echo Klassik stolz, dass gleich unsere Debüt-CD mit diesem damals so renommierten Preis ausgezeichnet wurde.

Auf „Hungarian Treasures“ präsentieren Sie die Weltpremiere eines fast verschollenen Werks des jungen Béla Bartók – wie sind Sie auf diese Sensation gestoßen?

Sindri Lederer: Wir hatten das große Glück, nach langer Recherche auf eine Kopie des Manuskripts zu stoßen und konnten so, über 50 Jahre nach der letzten Aufführung des Quartetts in Ungarn, dieses wunderbar romantische Werk wieder zum Klingen bringen. Überhaupt wurde Bartóks Klavierquartett vor der Wiederentdeckung nur ein Mal vom Komponisten selbst und ein zweites Mal im Ungarn der 60er Jahre aufgeführt.

Wie groß ist das Repertoire eines Klavierquartetts – schauen Sie manchmal neidisch auf die Kollegen von den Streichquartetten?

Das Repertoire ist tatsächlich weitaus größer, als man meinen würde. Es gibt eine solch überwältigende Anzahl an noch verborgenen Schätzen zu heben, dass wir wohl problemlos unser restliches Leben mit der wunderbaren Aufgabe verbringen können, neben dem großartigen Kernrepertoire schon fast vergessene Meisterwerke zu Tage zu bringen, um sie der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Darüber hinaus ist uns die Arbeit mit Komponisten der Gegenwart und die damit verbundene Erweiterung des Klavierquartettrepertoires ein besonders wichtiges Anliegen.

Wie oft treffen Sie sich als Klavierquartett – wer ist dann der Chef, die Pianistin?

Burger: Während der Hochsaison gibt es Monate, in denen wir uns fast täglich treffen, grundsätzlich versuchen wir, so viel Zeit wie möglich mit gemeinsamem Musizieren zu verbringen. Aber auch außerhalb der Probenarbeit und den Konzertreisen treffen wir uns gerne und unternehmen etwas gemeinsam. Das Schöne daran, Teil eines Kammermusikensembles zu sein, ist es eben, dass jeder, jede sich auf ganz eigene Art und Weise einbringen kann. Es gibt also keinen „Chef“ in der Form – alles wird gemeinsam diskutiert und entschieden.

In Ulm spielen Sie Mozart, Schumann – aber auch ein Werk von Bohuslav Martinu. Was zeichnet diese Stücke besonders aus?

Köster: Mit den Quartetten von Mozart und Schumann verbindet uns sehr viel. So war Mozart der erste Komponist, der alle Stimmen im Quartett gleichberechtigt behandelte und nicht, wie bis dahin üblich, die Cellostimme mit der Bassstimme des Klaviers gleichsetzte. Insofern baut unser gesamtes Repertoire auf seinen beiden Klavierquartetten auf. Das Klavierquartett von Robert Schumann ist wohl eines der bekanntesten und schönsten Werke für unsere Besetzung. Darüber hinaus ist es das erste Werk, welches wir gemeinsam erarbeitet haben und der Auslöser für unsere Entscheidung, uns ausschließlich dem Klavierquartett zu widmen.Mit dem Klavierquartett von Martinu unternehmen wir zwischen Mozart und Schumann einen Ausflug in die slawische Folkloristik. Das Werk besticht durch seine starke Rhythmik und eine energetische Dichte, die an Intensität kaum zu überbieten ist.

Werke von Mozart, Martinu und Schumann

Konzert Das Notos Quartett gastiert in dieser Saison auch in Moskau, Zürich, London und in Japan und China. Im Ulmer Stadthaus eröffnen die Musiker am Mittwoch, 19. September, 20 Uhr, die Saison der „klassisch!“-Konzerte mit Klavierquartetten von Mozart, Martinu und Schumann. Karten bei der SÜDWEST PRESSE und auf südwestpresse.de/ticketshop

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