Zehn Sekunden nur. Und doch können sie eine ganze Welt sein, wenn Polizei und Notfallseelsorger vor der Türe stehen, eintreten und eine furchtbare Nachricht überbringen: Ein Angehöriger ist tot. "Für die Familie ist in diesem Moment ihr bisheriges Leben vorbei, nichts wird wieder so sein, wie es war", sagt der Ulmer Notfallseelsorger Helmut Schön.

Es ist 5.42 Uhr, als vergangenen Samstag sein Funkempfänger Alarm schlägt. Die Rettungsleitstelle berichtet von einem tödlichen Autounfall, vier junge Menschen sind in Dietenheim verunglückt. Schön verständigt sofort fünf weitere Kollegen. Nur einer von ihnen hatte Bereitschaft. "Alle anderen haben wir privat aus ihrem Bett geklingelt." Bei Schön kommt jeder Alarm an, er koordiniert die Einsätze. Der 66-jährige Diplomkaufmann ist in Rente.

Die sechs Notfallseelsorger machen sich auf nach Dietenheim, fahren direkt an den Unfallort mitten in der Stadt. "Das Erste ist immer, dass wir zu den Toten gehen." Als sie ankommen, müssen noch zwei Verstorbene aus dem Autowrack geborgen werden. Während die Rettungskräfte konzentriert arbeiten, halten die Notfallseelsorger Abstand. Schön ist tief berührt davon, "mit welcher Pietät die Feuerwehrleute ihren Einsatz meistern". So als ob die Insassen noch am Leben seien - drei junge Männer und eine junge Frau, 20, 22, 24 und 26 Jahre alt, aus Dietenheim und Balzheim.

Dann sind alle vier Unfallopfer geborgen, sie werden mit schwarzen Plastikplanen abgedeckt. Ein so unerträglicher Anblick, dass einer der jungen Retter weiße Rosen holt, um sie auf die Leichensäcke zu legen. Die Notfallseelsorger laden Polizei und Feuerwehr dazu ein, vor Ort gemeinsam ein Vaterunser zu beten. "Es geht dabei um die Würde der Toten", sagt Hemut Schön. Und auch darum, das Geschehene selbst verarbeiten zu können. "Das erdet uns und die Einsatzkräfte wieder." Schön wartet, bis der Bestattungsdienst die Verstorbenen abholt. "Anschließend kann ich meine Arbeit aufnehmen, weil ich weiß, dass sie nun versorgt sind."

Die Menschen am Absperrband - Anwohner, Freunde, Passanten - stehen unter Schock, manche weinen, auch welche, die die Verunglückten gar nicht gekannt haben. Zwei Notfallseelsorger bleiben. Sie sprechen jene an, die besonders mitgenommen wirken. "Wir spüren, wer sehr betroffen ist."

Den Kollegen steht eine schwere Fahrt bevor. Sie begleiten die Polizisten, die den Familien die Todesnachricht überbringen. "Ich habe keine Angst davor, aber sehr großen Respekt", antwortet Schön auf die Frage, was in diesen Minuten in ihm vorgeht. "Es ist unsere schlimmste Aufgabe." Besonders grausam, wenn ein Kind gestorben ist - "ganz egal, wie alt es ist".

Ein kurzer Moment vergeht. "Dann trifft der Schmerz die Angehörigen mit ganzer Kraft." Er weiß dabei nie, welche Reaktion ihn erwartet: Manche erstarren, andere toben. Die Polizei verabschiedet sich, der Notfallseelsorger bleibt. "Das ist sinnvoll", sagt Schön. Der Überbringer der schlechten Nachricht könne die Betroffenen nicht auch betreuen. "Wir müssen schnell darauf reagieren, wie der Mensch mit der Trauer umgeht", erklärt der 66-Jährige. Es sei wichtig, dessen Verhalten zuzulassen: "Das muss raus, sonst bricht das Herz." Der Notfallseelsorger bleibt, solange er gebraucht wird. Oft reiche es, die Betroffenen reden zu lassen. "Indem man es selbst formuliert, begreift man es." Er versucht, ein Netzwerk aufzubauen, damit so bald wie möglich Familienangehörige oder Freunde kommen. "Die sind besser als wir", meint Schön.

Reden, darum geht es auch später im Gerätehaus der Dietenheimer Feuerwehr. Dort sprechen die Einsatzkräfte mit den Notfallseelsorgern, "holen das wieder raus", was sie gesehen, gerochen und gefühlt haben. Das reiche in den meisten Fällen. Er rät ihnen, sich etwas Gutes zu tun, etwa mit der Partnerin ins Kino zu gehen, Trompete zu spielen . . . Wenn etwas hochkomme, gebe es viele Wege damit umzugehen. Schön erzählt von einem Feuerwehrmann, der das ganze Jahr keine Spaghetti mit Tomatensoße isst, aber immer nach einem Einsatz.

Mit extremem Schmerz und Angst müssen die Notfallseelsorger im Dietenheimer Jugendhaus umgehen, wo sich die Clique der Verunglückten trifft. Außer der Trauer gebe es dort auch viel Wut auf den Fahrer, erzählt er. Es sei wichtig, die Freunde in den ersten Stunden aufzufangen und in ihrer Trauer zu betreuen. Indem sie gemeinsam den Gottesdienst gestalten werden, hätten sie einen "Weg des Loslassens" gefunden. Er leiste "Erste Hilfe für die Seele", erklärt der 66-Jährige. Die große Not könne den Angehörigen und Freunden letztendlich keiner abnehmen. "Sie müssen da durch." Das ist seine Erfahrung nach mehr als 200 Einsätzen.

Als der Notfallseelsorger am Abend nach acht Stunden zurück in Ulm ist, betet er, wie immer nach einem Einsatz. Er bedankt sich dafür, dass er begleitet wurde, dass ihm nichts passiert ist. Die Supervision mit den anderen Helfern wird einige Tage darauf stattfinden. Helmut Schön wird auch den Trauergottesdienst am Wochenende besuchen. Zu den Trauernden nimmt er keinen Kontakt mehr auf. "Ich würde die Leute nur wieder auf die Stunde Null zurückführen."

Ehrenamtlich im Einsatz