Der einzige weit und breit in der Region, der das Kleidungsstück an seinem Marktstand noch in großer Auswahl verkauft: geblümt, gestreift, tailliert, mit Taschen - ein Farbenrausch in Lila, Grün und Blau. "Vor allem Modelle in dunklerem Blau sind begehrt", weiß Schenk. Weil die Farbe Flecken schluckt.

Womit man beim ursprünglichen Zweck der Kittelschürze angelangt ist: die Kleidung darunter sauber zu halten. Erfunden wurde das Kleidungsstück in den USA im Ersten Weltkrieg. Hausfrauen wurden von der Regierung dazu angehalten möglichst kalorienfrei zu kochen, um Zucker und Mehl für die Soldaten zu sparen. Die neue Schürze wurde als eine Art Uniform vermarktet, die wegen der Knöpfe "leicht wie ein Hemd" anzuziehen und praktisch zu pflegen sei. Von dort aus eroberte der Küchenkittel nach und nach die westliche Welt.

Die Folge: Generationen von Kindern sahen ihre Mütter, Tanten und Großmütter Tag für Tag in diesem Aufzug: Entweder Karotten schälend in den Küchen, staubwischend an den Wohnzimmerschränken und Kühe melkend in den Ställen. Bis in die 70er Jahre hinein trugen Frauen im Haus fast nichts anderes. Oft auch zum Einkauf um die Ecke, erinnert sich Brigitte Härle, Vorsitzende der Landfrauen in Dellmensingen (Alb-Donau-Kreis), die gerne dunkelblaue Modelle trug, aber modisch aufgepeppt mit bunten Kragen und Borten.

Elegant sah man damit nicht aus. Aber das war auch nicht die Absicht. Viel mehr bekam die Hausarbeit dank Kittelschürze einen professionellen Touch. Und sie hatte den Vorteil "dass man immer angezogen wirkte", sagt der 27-jährige Schenk, der den Handel mit Kittelschürzen und Socken von seiner Oma übernommen hat. Praktisch seien sie zudem wegen der unkomplizierten Handhabung und ihrer Unverwüstlichkeit.

Das ist natürlich die typisch deutsche Sichtweise. In Italien schafften es Frauen dagegen mühelos, der Kittelschürze einen erotischen Touch zu geben. Klar, nicht jede. Aber etwa Sophia Loren und Gina Lollobridgida. Die beiden bestritten ganze Filme Kittelschürzen tragend und bezirzten damit Männer - weil sie an den eingangs beschriebenen, kritischen Stellen so sehr spannten, "dass die Nähte knirschten", wie es einmal beschrieben wurde. Auch die rassige Silvana Mangano ging im Film "Bitterer Reis" so angezogen zur Ernte. Diese Frauen trugen das Stück Stoff als wäre es ein Ballkleid.

Passend dazu gaben die Italiener der Kittelschürze einen Namen, der - ein wenig ruchlos - Hausarbeit und Schlafzimmer verbindet: Vestaglietta, was wörtlich übersetzt der "kleine Morgenmantel" heißt. Genutzt hat es allerdings nichts: Auch in Italien ist die Vestaglietta fast verschwunden und wurde von Jeans und T-Shirt ersetzt.

Zu kaufen gab es Kittelschürzen in kleinen Textilgeschäften auf dem Land, in Kaufhäusern wie Hertie und Horten, im Versandhandel bei Otto und Neckermann. Modelle mit Kragen und ohne, kariert, mit Gürtel und ohne, unifarben und schreiend bunt wurden seitenweise in den dicken Katalogen präsentiert. Heute spielen sie dort kaum noch eine Rolle. Wer Ersatz für eine zerschlissene "Mantelschutz" braucht, wie sie auf der Alb genannt wird, muss weite Wege in Kauf nehmen.

So wie etwa die bald 77-jährige Kreszentia Mayer, die mit gleichgesinnten Frauen von Dellmensingen aus mit dem Bus Richtung Zwiefalten reist. "Da gibt es noch einen Laden, der sie verkauft." Vier Stück hat sie daheim im Schrank. "Sie halten ewig." Die ehemalige Bäuerin trägt seit Jahrzehnten Kittelschürzen: "Im Sommer die luftigere Version." Unschlagbar seien die Taschen - "fürs Schneuztuch und den Hausschlüssel". Farblich bevorzugt Krezentia Mayer Weinrot und Blau, im Sommer blumige. Und jeden Sonntag wird eine frisch gewaschene übergezogen, sagt sie.

Manche suchen Kittelschürzen auch bei Mark Bulling, Inhaber eines Berufsbekleidungsgeschäftes im Ulmer Hafenbad. Doch seine Auswahl ist eingeschränkt. "Wir haben nur noch nur noch einfarbige, die bis knapp über den Po reichen - Kasacks genannt. Sie sind blau für Reinigungskräfte oder weiß für Arzthelferinnen." Als sein Großvater das Geschäft "Schürzen-Bulling" 1948 gründete, sei das noch anders gewesen. "Wir hatten ganze Reihen von Kittelschürzen zur Auswahl." Für den 43-Jährigen steht fest: "Die Kittelschürze geht unter wie die Titanic."

Ihr Untergang begann in der Tat bereits vor Jahrzehnten. Irgendwann wirkte die Kittelschürze bieder und altbacken. Else Tetzlaff trug sie in der Fernsehserie "Ein Herz und eine Seele" , Hauswartin Else Kling in der "Lindenstraße". Die Schürze wurde zum Symbol eines Frauenlebens, das sich mit dem Emanzipationsgedanken einer Alice Schwarzer etwa nicht vertrug. "Junge Frauen wollen sie heute nicht mehr anziehen", sagt Schenk und nennt seine Freundin als Beispiel. Eine Ausnahme: Fasching. Zu dieser Gelegenheit ziehen selbst modern Frauen den Kittel noch über. Auch Brigitte Härle hat die Schürze abgelegt. "Sie ist einfach nicht mehr nötig. Man kann ja alles gut waschen und trocknen." Selbst Krezentia Mayer geht nicht mehr mit der Kittelschürze aus dem Haus: "Hat ja keiner mehr an. Man fällt damit auf."

Vielleicht sollte sie ja mal ins Internet schauen. Da sieht es so aus als erlebe die Kittelschürze eine Renaissance. Junge Labels aus dem In- und Ausland bieten nicht nur selbstgenähte Träger- und Latzschürzen an, sondern auch bunte Kittelschürzen. Und eigentlich kann sich auch Patrick Schenk nicht beklagen: "Ladenhüter habe ich nicht, bei mir geht jede Kittelschürze bis Größe 62 weg."