Wenn Kleinkinder älter werden, verliert sich vieles: Sie lutschen irgendwann nicht mehr am Daumen, den Schnuller legen sie zur Seite (bisweilen erst unter sanftem Druck der Eltern), die Schmusedecke landet unterm Bett. Und das Kuscheltier, das über die Jahre heftigen Liebesbezeugungen ausgesetzt war und deshalb etwas mitgenommen aussieht, hat ausgedient. Es kann weg.

Solche so genannten Übergangsobjekte oder auch Übergangsphänomene sind wichtig für die normale Entwicklung von Kleinkindern; Kuscheltiere und Schmusedecken sind eine Art Elternersatz, sie stützen und beruhigen, sie geben Halt, sie helfen beim Einschlafen und gegen Ängste. Sie stellen eine Brücke zwischen dem Kind und der Außenwelt dar. „Spätestens am Ende des Grundschulalters sollte die Ablösung von diesen Übergangsobjekten erfolgen“, sagt Prof. Markus Kiefer.

Dass sich der Psychologe, der die Sektion für kognitive Elektrophysiologie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III leitet, mit Kuscheltieren beschäftigt, lässt manche auf den ersten Blick den Kopf schütteln. Kuscheltiere als Forschungsthema – ja, geht’s noch? „Das war auch meine erste Reaktion“, sagt Kiefer. Aber da er offen ist für „verrückte Ideen“, hat er sich das, was seinem Kollegen aufgefallen ist, nach dem ersten Lachanfall doch angehört und nach dem zweiten, dem genaueren Blick festgestellt: „Das ist nicht gar nicht lächerlich, das hat einen ernsten Kern.“

Der Kollege: Prof. Carlos Schönfeldt-Lecuona. Sein Alltag – der Psychiater arbeitet als Oberarzt an der Klinik – sind unter anderem Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen (BPS). Die Erkrankung drückt sich durch Symptome wie emotionale und affektive Instabilität, starke Anspannungszustände mit Selbstverletzungstendenzen  sowie Bindungsängste aus. Depressionen und Ängste gehen mit der Krankheit einher. „Diese Patientinnen haben oft eine furchtbare Vorgeschichte mit emotionalen und körperlichen Misshandlungen bis hin zum sexuellen Missbrauch. Sie sind geprägt durch diese schrecklichen Erfahrungen.“

Bei Stationsvisiten hatte er folgende Beobachtung gemacht: Patientinnen mit BPS bringen für ihren Aufenthalt in der Klinik ein ganzes Arsenal an Kuscheltieren, Schmusedecken, Fotografien von geliebten Personen und und und mit. Jahrelang hatte Schönfeldt-Lecuona sich selbst die Frage gestellt, warum das so ist und ob ein solches Verhalten einfach Zeichen einer gewissen Unreife ist. Bis er sich intensiver mit dem Thema beschäftigte. Auch sein Kollege Kiefer reagierte, wie gesagt, zunächst mit einem breiten Grinsen. Forschung zu Kuscheltieren? Ist das dein Ernst? Als der Psychologe und der Psychiater den Forschungsstand durchleuchteten, war ihnen schnell klar, dass Handlungsbedarf bestand: Es gab drei Studien – und die waren leicht angegilbt.

2014 entstand die erste Studie, eine so genannte Beobachtungsstudie. 120 Patientinnen, die sich zur stationären Therapie in die Klinik am Safranberg begeben hatten, wurden befragt, wie bedeutsam mitgebrachten Objekte für sie sind. Die Skala reichte von „unwichtig“ bis „essenziell“. Das Ergebnis: 84 Prozent der Patientinnen mit BPS hatten Kuscheltiere dabei, die für sie essenziell waren, während nur ein Viertel der Patientinnen ohne Persönlichkeitsstörung ein solches Kuscheltier hatten. Kuscheltiere haben, so Kiefer, den Vorteil, dass sie nicht motzen, nicht schlecht gelaunt, nicht böse sind. „Gegenüber Menschen haben die Patientinnen Misstrauen, das auf ihren schlechten Erfahrungen basiert. Das Kuscheltier ist dagegen immer nett“, so Kiefer.

Lassen sich die Ergebnisse objektiv erfassen? Soll heißen: Wie reagiert das Gehirn einer Patientin mit BPS auf ihr Kuscheltier? Um das herauszufinden, hat das Team um Kiefer und Schönfeldt-Lecuona in der Studie, die in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht wurde, zur Elektroenzephalografie gegriffen. Über die Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns lässt sich zeigen, welche Bereiche involviert sind bei der Verarbeitung von Eindrücken. 32 Frauen wurden untersucht, 16 Patientinnen mit BPS, 16 gesunde Frauen als Kontrollgruppe.

Frontalhirn stark aktiviert

Nachdem die Frauen verkabelt waren, wurden ihnen Fotos gezeigt: von ihrem Lieblingskuscheltier, von ihrem zweitliebsten Kuscheltier und von fremden Kuscheltieren. Das Ergebnis überraschte die Wissenschaftler, spiegelte es doch die emotionale Bindung zum Kuscheltier wider. „Bei den Patientinnen mit BPS war die Aktivierung im Frontalhirn besonders ausgeprägt, wenn sie ihr Lieblingskuscheltier gesehen haben. In dieser Gehirnregion wird Gegenständen eine emotionale Bedeutung beigemessen.“ Das war der erste Befund, der zweite: Je depressiver die Patientin, je größer die Bindungsangst, um so stärker die Aktivität im Frontalhirn.

„Damit können wir die Brücke schlagen zwischen dem klinischen Symptom und der neuronalen Verarbeitung“, sagt Kiefer. Die Wissenschaft könne jetzt besser verstehen, warum diese Kuscheltiere eine solche Bedeutung bei diesen Patientinnen haben, „mit Unreife hat das nichts zu tun, die Patientinnen haben eine Strategie entwickelt, um mit ihren Emotionen zurechtzukommen“.

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