„Ein nordischer Morgen am See“ ist vielleicht der berühmteste Duft. So jedenfalls soll die Modemacherin Coco Chanel ihr Chanel No5 beschrieben haben. Wie ein Parfüm riecht, ist selten einfach in Worte zu mafassen. Selbst wenn wir Ingredienzien identifizieren, wirkt ein Geruch doch auf jeden anders.

„Gerüche rufen häufig ganz persönliche Erinnerungen wach“, sagt Ingrid Maucher vom Ulmer Ladengeschäft „Top-Parfümerie“. Sie muss es wissen, ist sie doch seit kurzem „Maître des Parfums“. Das können nur ausgesuchte Parfümerie-Mitarbeiter in Deutschland werden. Der „Senior Perfumer“ Marc vom Ende, der weltweit auf der Suche nach Rohstoffen für teure Düfte ist, prüft bei dieser Art Fortbildung in Berlin sowohl das Wissen als auch die feine Nase der künftigen Parfüm-Experten.

Ingrid Maucher: Leidenschaft für Düfte

Ingrid Maucher kann stundenlang erzählen – über Duftfans wie Napoleon oder J.F. Kennedy, über tierische Rohstoffe  wie Sekrete der afrikanischen Zibetkatze oder Ambra von Pottwalen, über extravagante, mundgeblasene Flakons, über Düfte, die nach frisch gebackenem Brot oder Apfelkuchen riechen, über synthetische Moleküldüfte oder den Sultan aus Oman, der für seine Staatsgäste Düfte ausschließlich mit Essenzen aus seinem Land herstellen lässt.

Sie weiß aber auch, wie unser Geruchssinn funktioniert. Das Riechzentrum sitzt im limbischen System, dem Teil des Gehirns, in dem auch Erinnerungen gespeichert werden. Habe ich einen Opa, der Schreiner war und mich als Kind oft in seiner Werkstatt aufgehalten, wird der Geruch von Holz auch später in meinem Leben mit Erinnerungen an den Opa verknüpft sein, erklärt Maucher. Beim Stichwort „Holz“ springt die agile Ulmerin auf und verschwindet in ihr duftendes Lager. Zurück kommt sie mit einem schlichten Flakon des New Yorker Ehepaars Bowmaker, eine Unisex-Komposition aus holzig-harzigen Noten, die an die Geigen- und Bogenbauerwerkstätten in  Massachusetts erinnern soll.

Chanel No5, C.K. one, Opium: Die Inhaltsstoffe der Kassenschlager

Apropos Unisex-Düfte, die gleichermaßen für Sie und Ihn passen: Deren Durchbruch begann 1994 mit Calvin Kleins C.K. one. Das ist ein Zitrus-Duft, den Maucher zu den Klassikern zählt. Dazu gehört neben der Parfum-Ikone Chanel No5 mit ihren Grundzutaten Jasmin, Rosen, Schwertlilien, Ylang Ylang, Vanille, Ambra und Sandelholz beispielsweise auch Guerlains Shalimar (Vanille mit Bergamotte und Weihrauch) oder Yves Saint Laurents Opium, das seit den 70ern seinen orientalischen Moschusduft versprüht. Denken heute 60-Jährige an wilde Zeiten mit Maxiröcken und gesmokten Blusen, kommt auch der schwere „Opium“-Geruch zurück.

Manchmal lösen Gerüche freilich auch negative Emotionen aus –  etwa, wenn der Sitznachbar im Bus eine Schweißwolke ausdünstet oder die Kollegin den süßlichen Maiglöckchenduft über sich ausgeschüttet hat.

„Eau de Vie“: Maucher hat ihr eigenes Parfüm komponiert

Nicht nur wir selbst, auch unsere Mitmenschen sollten sich mit unserem Geruch wohlfühlen, sagt Maucher. Wobei: An uns riechen wir den Duft nach einer Weile gar nicht mehr. „Die ersten zwei Sekunden entscheiden, ob wir einen Geruch mögen“, erklärt die Parfüm-Meisterin. Sie will ihren Kundinnen und Kunden helfen, denjenigen Duft zu finden, der zu ihrer Persönlichkeit passt und vor allem: den Duft, den sie zu einem bestimmten Anlass tragen möchten und mit dem sie schöne Erinnerungen verbinden. Das hat Maucher 2007 auch mit einem eigenen Parfüm gemacht und ihre persönlichen Heimatgefühle in einen Duft aus weißer Rose und grünem Tee verwandeln lassen, das „Eau de Vie“.

Passend zum Duft „Arabesce“ aus Venedig wurde der Flacon aus Muranoglas hergestellt
© Foto: Lars Schwerdtfeger

„Ich möchte aber niemandem vorschreiben, welches Parfüm er oder sie zu tragen hat. Früher hat man Düfte beispielsweise nach der Haarfarbe der Trägerin ausgesucht“, erzählt die gelernte Drogistin. „Aber das ist absolut gestrig. Heute nehme ich mir für die Beratung sehr viel Zeit und muss vor allem bewusst zuhören.“ Kaum mehr als drei Düfte sollte die potenzielle Kundin dann tatsächlich auf ihrer Haut testen. Denn dort riecht der Duft allemal anders als auf dem Teststreifen. Am besten lasse man den Mund beim Riechen offen, rät Maucher. Und um den Geruch anschließend zu „vergessen“ und die Nase einem weiteren Duft zuwenden zu können, seien keine Kaffeebohnen zum Schnuppern notwendig, wie manchmal empfohlen werde, sagt Maucher. Es reiche, wenn man an einer Stelle der eigenen Haut intensiv schnüffle. Natürlich dort, wo bisher kein Parfum aufgetragen wurde. Und dann vielleicht auch einen Schluck Wasser trinkt – wie bei einer Weinprobe.

Vanille: Der Geruch der Muttermilch

Ein Vergleich, der nicht zufällig ist. Den Maître des Parfums könne man auch als eine Art Sommelier verstehen, sagt Maucher, die nebenbei für die Organisation „Slow Food“ tätig ist. Ihre feine Nase habe sie nicht zuletzt dem Umgang mit vielen Kräutern zu verdanken, meint sie, und findet es schade, dass viele Menschen nicht einmal mehr den Unterschied zwischen einer frisch gepressten Zitrone und dem Zitrusgeruch eines Putzmittels oder zwischen echter Vanille aus der Schote und Vanillinzucker aus dem Papiertütchen erkennen. „Wobei Vanille gerade eine gefragte Duftrichtung ist“, sagt Maucher. Vielleicht, weil Muttermilch auch nach Vanille duftet? Wer weiß das schon. Düfte unterliegen schließlich auch dem Zeitgeist und verfliegen, wenn sie nicht gerade zum Klassiker werden. Immer wieder geht Maucher zwischendurch aus dem Zimmer und kommt mit einem weiteren Flakon zurück. Die Zeit verfliegt, die Duftwolken bleiben. Sogar der Notizblock zeugt noch tagelang von diesem intensiven Ausflug ins Reich des Parfüms.

Pudrig bis krautig


Die Rohstoffe zur Parfümherstellung werden in einen „Duftkreis“ eingeordnet. Er reicht von grün bis floral, von animalisch bis pudrig, von moosig bis krautig oder würzig. Aufgebaut ist ein Parfüm wie eine Pyramide: mit einer Basisnote (etwa Vanille), einer Herznote (etwa florale Rohstoffe) und einer Kopfnote (zum Beispiel Citrus). Jeder Rohstoff hat sein eigenes Molekulargewicht, das die Verflüchtigkeitszeit bestimmt. Die Kopfnote verfliegt dabei am schnellsten. Ein Parfüm enthält bis zu 40 Prozent Duftstoffe, ein Eau de Parfum  bis 20, ein Eau de Toilette bis 10 und ein Eau de Cologne bis 8 Prozent Duftstoffe. Je nach Ingredienzien, Herstellung und Flakon kann ein Parfüm einige hundert Euro kosten. ih