Vom Trachtenhaus zum Gotteshaus: alles neu in der Kramgasse 3. Wo bei „Angermaier“ bis vor kurzem noch Lederhosen und Dirndl über die Ladentheke gingen, geht es jetzt um Gott und Glauben. Die „Citychurch Ulm“ eröffnet dort am Samstag eine Pop-up-Kirche. „Die kommenden neun Wochen werden spannend“, verspricht Daniel Rentschler (39), der das Projekt gemeinsam mit seiner Frau Rabea (40) betreut.

Für das Pastorenehepaar ist die „Kirche auf Zeit“ neues Terrain, die Verbreitung des christlichen Glaubens an ungewöhnlichen Orten hingegen Alltag. Dafür steht die „Citychurch Ulm“ – eine Einrichtung im Bund Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland – nämlich unter anderem. So feierten die rund 100 Mitglieder im Sommer beispielsweise einen Gottesdienst im Biergarten. Dabei lernten die Rentschlers den Eigentümer des besagten Ladengeschäfts kennen, der ihnen die Räumlichkeiten zur Zwischennutzung anbot. „Die Idee, mitten in der Fußgängerzone etwas Gutes zu tun, reizte uns auf Anhieb“, berichtet Rabea Rentschler.

Aktion Osterei: Pinseln für den guten Zweck

Passend zur Vorosterzeit spielen bemalte Eier die Hauptrolle in der Pop-up-Kirche. Allerdings sind es keine hartgekochten Hühnereier. Sondern Eier aus Holz. Die Idee: Passanten sollen spontan eintreten und die ovalen Rohlinge nach Lust und Laune an den aufgestellten Basteltischen bepinseln. Wer die Eier anschließend als Ostergeschenk für die Familie mitnehmen möchte, kann dies tun.

Es gibt jedoch auch die Möglichkeit, sie im Schaufenster auszustellen. An Ostern werden die bunten Exemplare dann von Mitgliedern der „Citychurch Ulm“ mit Kinogutscheinen und anderen Überraschungen befüllt und an Kinder der Jugendhilfe­-Einrichtungen in Ulm sowie Neu-Ulm verteilt. Wer ein Ei bemalen möchte, gibt im Vorfeld zwei Euro, die ebenfalls an die Institutionen gespendet werden. Die Aktion läuft unter dem Motto: „Freude verschenken“. Gelebte Nächstenliebe im Schatten des höchsten Kirchturms der Welt.

Citychurch Ulm: Kirche für die jüngere Generation

Münsterdekan Ernst-Wilhelm Gohl freut sich auf die Zeit mit den neuen Nachbarn. „Auch ich werde vorbeikommen und ein Ei bemalen“, sagt Gohl, der mit der „Citychurch Ulm“ immer wieder im Austausch steht. Theologisch liege man „nah beieinander“, mit radikalen christlichen Fundamentalisten hätten die Ulmer „rein gar nichts“ zu tun. „Ich finde es toll, dass ihre Philosophie Menschen anspricht, die nicht in die traditionellen Gottesdienste kommen. Vor allem die jüngere Generation“, so Gohl.

Passanten können in die Pop-up-Kirche kommen und Ostereier für den guten Zweck bemalen.
© Foto: privat

Pop-Konzerte in der Pop-up-Kirche

Für Gottesdienste ist die Pop-up-Kirche allerdings nicht vorgesehen. Der Raum ist zu klein. Die Gemeinde trifft sich dafür auch in den kommenden Wochen im „Haus der Begegnung“. „Wir nutzen das Ladengeschäft als reine Spielfläche“, betont Daniel Rentschler. Neben der Osterei-Aktion sollen dort an ausgewählten Abenden „Konzerte in Wohnzimmer-Atmosphäre“ über die Bühne gehen.  Christliche Texte sind kein Muss, auch Pop-Songs werden gespielt. Darüber hinaus planen die Organisatoren verschiedene Workshops. Dabei stehen Persönlichkeitsentwicklung und Erziehung im Vordergrund. Mein Kind zahnt – was nun? Fragen wie diese werden beantwortet. Die Veranstaltungen sind kostenlos.

Ladengeschäft in der Kramgasse: Trachten Angermaier zieht Mitte April wieder ein

Mit diesem Konzept möchten die Rentschlers den Ulmern bis zum Ostersamstag, 11. April, „einen Ort zum Auftanken“ bieten. Wenige Tage später wird aus dem Gotteshaus wieder ein Trachtenhaus.  „Angermaier“ kehrt  dann zurück. Kurz vor den Frühlingsfesten in der Region werden wieder Kunden erwartet.