"Wie sagt man auf Deutsch: Schuber?" Ja, und richtig prächtig stehen die drei dicken Bände im grauleinenen Schutzkarton auf dem Tisch, gleich neben einem herrlichen Strauß weißer Rosen, den Artur Walther am Samstagmorgen auf dem Ulmer Wochenmarkt gekauft hat.

Der 64-Jährige ist gerade aus New York angereist, um in seinem Museum in Burlafingen die dritte Ausstellung mit afrikanischer Fotografie der Walther Collection vorzubereiten: "Distanz und Begehren: Begegnungen mit dem afrikanischen Archiv".

Die Publikation dazu, herausgegeben von Kuratorin Tamar Garb, Professorin für Kunstgeschichte am University College London, ist bereits gedruckt und füllt schmuck den besagten Schuber. Ein Standardwerk, bestückt mit Essays namhafter Wissenschaftler.

Das also wäre schon mal geschafft: "Ich bin ganz ruhig", sagt der anspruchsvolle Sammler Artur Walther in der lichtdurchfluteten Wohnküche seines "Schwarzen Hauses", lächelt zufrieden und trinkt grünen Tee. Die meiste Arbeit ist getan.

Gegenüber, im "Weißen Kubus", dem Hauptgebäude seines Areals, sind die Wände frisch gestrichen. Noch lagern die aus New York eingeflogenen Exponate in München, aber diese Schau ist klar konzipiert, sie ist der Schlusspunkt einer Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe, die 2012 im "Walther Collection Project Space" begonnen hat - so heißt die Dependance des Sammlers im New Yorker Galerienviertel Chelsea. In Burlafingen wird diese Schau über die frühe Geschichte der Fotografie in Afrika noch umfangreicher präsentiert. "Interplay" nennt Walther das.

Seit seinem Studium an der Harvard Business School lebt er in New York, er war Investmentbanker, verdiente offenbar viel Geld, aber seit Mitte der 1990er Jahre sammelt er internationale Foto- und Videokunst - und bekam heimatliche Gefühle. Vor drei Jahren eröffnete er in einer Wohnsiedlung in Burlafingen, dort, wo er aufgewachsen war, ein weithin beachtetes Museum.

Der Ortsteil von Neu-Ulm ist mittlerweile auch der "New York Times" ein Begriff, seit sie Artur Walther rühmend porträtierte. Der 1948 in Ulm geborene Walther ist auch Mitglied im Design Committee des Museum of Modern Art (MoMA) und überhaupt bestens vernetzt und besucht Old Germany gerne mit internationalen Museumsmachern im Schlepptau. An diesem Mittwoch aber präsentiert Walther zwischendurch in Venedig noch eine von ihm mitverlegte Publikation zum Schaffen des von ihm schon in Burlafingen ausgestellten Biennale-Künstlers Santu Mofokeng. So viel Welt ist selten in Ulm und um Ulm herum - aber manchmal wissen die Ulmer auch gar nicht, wie weltläufig ihre eigenen Kunstschätze sind.

"Ich muss Ihnen da eine ganz tolle Geschichte erzählen", sagt Walther und berichtet von einem Telefonanruf des Ulmer Museums: "Ob ich nicht Interesse hätte, eine Dame aus North Carolina zu treffen, eine Professorin, die gerade zwei afrikanische Gewänder untersucht." Walther hatte - und war begeistert von den weltweit ältesten vollständig erhaltenen Baumwollroben aus Westafrika, die im 17. Jahrhundert in die Sammlung des Ulmer Patriziers Weickmann gelangt waren. Textile Kunst - das ist ein großes Thema auch in der zeitgenössischen afrikanischen Fotografie, Walther zeigte in seiner ersten Burlafinger Ausstellung in der Reichenauer Straße 21 etwa die mit Kleidung, Stoffen, Mustern spielenden Bilder des malischen Fotografen Seydou Keita.

Zurück in New York jedenfalls schwärmte Walther von seiner Ulmer Entdeckung - und blickte in gefasste Gesichter. Alisa LaGamma, Kuratorin für die Kunst Afrikas im Metropolitan Museum of Art, kannte die Gewänder natürlich. Die Pointe der Geschichte: Das Ulmer Museum zeigt sie von 7. Juni an im Kontext von Fotografien der kooperierenden Walther Collection. "Man muss diese einzigartigen Tuniken wie Skulpturen herausheben!", sagt Walther mit dem internationalen Kunstkennerblick. "Gewebte Identitäten" heißt die Kabinettausstellung - und Alisa LaGamma schrieb einen prominenten Beitrag für den Katalog.

Artur Walther verbrachte den Januar und den Februar in Göttingen, wohnte in einem Appartement des Steidl Verlags und arbeitete auch an dieser Publikation. Nichts überlässt er dem Zufall, alles hat Stil, Größe. Und dann erzählt der so neugierige Sammler noch lange von neuen Funden und Projekten. . . Noch über manchen Schuber für Ausstellungsbücher wird er sich freuen.

Zwei Ausstellungen