Ulm Neustart: Maria Begass verlässt Ulm

Direkter Blick auf den Kirchturm von St. Georg - ihre Wohnung hatte für Maria Begass durchaus tiefere Bedeutung. Jetzt endet diese Verbindung.
Direkter Blick auf den Kirchturm von St. Georg - ihre Wohnung hatte für Maria Begass durchaus tiefere Bedeutung. Jetzt endet diese Verbindung. © Foto: Matthias Kessler
CHIRIN KOLB 20.04.2016
Mit 70 fängt Maria Begass noch einmal neu an. Sie gibt fast alles auf, was bisher ihr Leben bedeutet hat. Ihre ehrenamtlichen Aktivitäten, ihre Kirchengemeinde St. Georg, ihre Maisonette-Wohnung in der Ulmer Oststadt, von deren Balkon im dritten Stock sie nicht nur einen weiten Blick über die Dächer der umliegenden Häuser hat, sondern auch den Turm von St. Georg vor sich.

Maria Begass zieht um. Weg von Ulm, nach Lindau. Der Abschied fällt ihr schwer, sehr schwer. Es war eine Vernunft-Entscheidung, keine, die im Herzen geboren wurde. Es sind die Knie, die ihr Beschwerden machen, die das Treppensteigen qualvoll werden lassen. Maria Begass und ihre Freundin, mit der sie sich die Wohnung teilt, schauten sich nach einem neuen Zuhause um, einem behindertengerechten mit Lift in zentraler Lage. Aber sie fanden in Ulm keine Wohnung, die ihnen zusagte. Schließlich entschieden sie sich für einen Neuanfang, eine andere Stadt: Lindau. Ein Kompromiss, sagt Maria Begass. "Wir sind gern in den Bergen und am See."

Jetzt stapeln sich in ihrer Wohnung die Umzugskisten. Ende April zieht sie aus. "Ein absoluter Schnitt, wahnsinnig schmerzhaft", sagt sie. "Die Zukunft wird zeigen, ob es mir damit gut geht."

Besonders die Trennung von ihrer Kirchengemeinde St. Georg liegt ihr schwer auf der Seele. Seit Jahrzehnten fühlt sich die Katholikin mit St. Georg eng verbunden. Sie ist in vielfältiger Weise ehrenamtlich aktiv, gehört dem Kirchengemeinderat und dem Vorstand der Begegnungsstätte Eichberg an, leitet Ausschüsse in St. Georg, ist Vorsitzende des Fördervereins St. Anna-Stift, gründete dort im Altenheim einen Singkreis - um nur ein paar ihrer Aktivitäten zu nennen. Die Kirchengemeinde ist für sie Herz und Seele, "da ist so viel gewachsen in all den Jahren".

Jetzt gibt sie ihre Ämter ab oder hat schon Nachfolger gefunden. Den Vorsitz des Fördervereins St. Anna-Stift beispielsweise hat Susanne Schwarzkopf-Gönner übernommen. Und Maria Begass muss lernen loszulassen. Von Ämtern und von Menschen.

Die sind ihr in St. Georg ans Herz gewachsen. "Eine so lebendige Gemeinde, in der jeder willkommen ist und sich einbringen kann", schwärmt sie. Eine Gemeinde auch, die großes Glück hatte mit ihren Pfarrern. Zuerst Alfred Vögele, dann Thomas Keller. Beides offene Geistliche mit gutem Zugang zu den Menschen, die eine lebendige Gemeinde beförderten, meint Maria Begass. Sie schätzt gerade Pfarrer Keller, der 2015 in den Ruhestand ging, sehr. "Er ist gütig, menschenfreundlich und voller Ausdruckskraft." Ihm sei es gelungen, das Evangelium den Menschen auch im Alltag nahe zu bringen.

Ihr ehrenamtliches Engagement hat allerdings zuerst Pfarrer Vögele befördert. Ende der 70er Jahre, sie war gerade nach Ulm gekommen, bildeten sich in St. Georg Gesprächskreise, die sich mit der Fernsehserie "Warum Christen glauben" auseinandersetzten. "Das hat die Gemeinde zusammengeschweißt", sagt Maria Begass. Sie fing an, sich neben ihrem Beruf als Leiterin der Kinderkrankenpflegeschule am Uniklinikum ehrenamtlich zu engagieren. Zunächst in der Leitung von Firmgruppen. "Das war das erste Mal, dass mir etwas zugetraut wurde, für das ich eigentlich gar nicht autorisiert war." Aber Pfarrer Vögele machte ihr Mut und vertraute ihr, genau wie sein Nachfolger Thomas Keller.

Ein Engagement kam zum nächsten, ein Amt zum anderen - vor allem, nachdem Maria Begass 2006 in Ruhestand gegangen war. Ehrenamt ist für sie selbstverständlich, "ich wollte mich nie nur über die Freizeitgestaltung definieren". Wenn zum Beispiel im Singkreis des Anna-Stifts demente Menschen aufmerken, mitsingen oder auch nur die Lippen bewegen, "dann ist das wunderbar. Das gibt einem das Gefühl: Es ist gut, dass du hier bist."

Ohne dieses Gefühl mag Maria Begass nicht sein. Sich einbringen mit seinen Fähigkeiten zum Wohl anderer, etwas zu tun zu haben, eine Aufgabe, die einen fordert - "das ist so wichtig." Für sie steht fest, dass sie sich auch an ihrem neuen Wohnort engagieren wird. Jetzt hofft sie inständig darauf, eine Kirchengemeinde zu finden, die sie mit offenen Armen aufnimmt, die ihr ein Stück Heimat wird.

Eine wie St. Georg eben.