„Ich fühle mich wie auf Wolke sieben“, sagt Brigitte Berger. Das ist in ihrem Fall nicht selbstverständlich. Wegen einer Krebserkrankung muss sie sich seit Juli 2012 regelmäßig einer Chemotherapie unterziehen, mit für sie zunächst schlimmen Nebenwirkungen. Brigitte Berger gehört zur Gruppe jener je nach Diagnose und Medikation 5 bis 35 Prozent Chemo-Patienten, die unter Polyneuropathie leiden. Es ist eine tückische Krankheit, die bis zur Bewegungsunfähigkeit geht. Taube Hände und Füße, Schmerzen sowie Koordinationsstörungen führen dazu, dass man etwa nur noch mit Mühe seine Hemdknöpfe schließen kann, Treppensteigen wird zum Ding der Unmöglichkeit.

Medikamentös kann man das Leiden bisher kaum lindern, geschweige denn heilen, sagt Prof. Hartmut Döhner. Dass es Pflegekräfte des Uni-Klinikums waren, die einen „extrem erfolgreichen“ Ansatz zur Therapie der Polyneuropathie entwickelt haben, bezeichnet der Ärztliche Direktor der Klinik für Innere Medizin III denn auch als „großartige Pionierleistung“. Ins Leben gerufen wurde das Trainingskonzept eben nicht von Forschern oder Ärzten, sondern von der Krankenschwester Heidi Bauder-Mißbach. Die Krankenschwester Elisabeth Kirchner und die ehemalige Pflegedirektorin Anna Eisenschink führten das Training dann in den klinischen Alltag ein.

Das Behandlungskonzept besteht zum einen aus Gelenkmassagen und manueller Therapie, zum anderen aus muskelstimulierenden Trainingseinheiten auf einer so genannten Vibrationsplattform, wie man sie auch in modernen Fitness-Studios findet. 15 Sitzungen a 90 Minuten sind pro Patient vorgesehen, bei dauerhafter Chemotherapie verlängert sich die Behandlung. Rund 300 Patienten haben fünf speziell geschulte Pflegekräfte der Uni-Klinik bisher in einem eigens dafür ausgestatteten Raum in der Medizinischen Klinik auf dem Oberen Eselsberg behandelt, Zeit für eine Bilanz: Die Erfolgsquote liegt nach den Worten Döhners bei fast 100 Prozent. „Das ist in der Medizin schon einzigartig.“ Die körperliche Leistungsfähigkeit der Patienten nehme signifikant zu, der Medikamentenbedarf deutlich ab.

Am besten verdeutliche das der so genannte „Chair Rising Test“, bei dem Patienten in zehn Sekunden fünfmal von einem Stuhl aufstehen und sich wieder setzen müssen – mit verschränkten Armen. Vor den Trainingseinheiten gelang das kaum einem, danach jedem, auch Brigitte Berger, die mittlerweile wieder Treppen laufen kann und kein Taubheitsgefühl mehr in ihren Gliedmaßen verspürt. „Ohne das Training würde ich jetzt wahrscheinlich im Rollstuhl sitzen.“