Mobilitätsdrehscheibe – dieses Schlagwort fällt oft, wenn Ober- und sonstige Bürgermeister, Stadträte und Wirtschaftsvertreter über den Ulmer Hauptbahnhof reden. An dieser Stelle kommt vieles zusammen: Züge und Busse, Straßenbahnen und Autos, Taxis und Fußgänger, Anliefer- und Radverkehr. Mit der Neubaustrecke der Deutschen Bahn, der zweiten Straßenbahnlinie, dem neuen Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB), der Tiefgarage in der Friedrich-Ebert-Straße und dem Parkhaus der Bahn in der Schillerstraße wird sich diese Mobilitätsdrehscheibe in den nächsten Jahren deutlich verändern. Und das ist noch längst nicht alles.

Denn auch sonst bleibt am Bahnhof kaum ein Stein auf dem anderen. Die Sedelhöfe sollen spätestens 2020 öffnen, an der Olgastraße entsteht der Neubau der städtischen Bürgerdienste, der Bahnhofplatz wird neu gestaltet. Jenseits der Bahngleise wird das Dichterviertel aufgewertet. Und es gibt noch ein Gebiet, das für Baubürgermeister Tim von Winning „eines der spannendsten Potenziale“ in der Stadt hat: das Theaterviertel.

Vieles von dem, was sich rund um den Bahnhof entwickelt, greift ineinander. Ein Beispiel: Die Attraktivität von Dichter- und Theaterviertel hängt nicht nur mit ihrer Innenstadtlage zusammen, sondern auch mit der Nähe zur Verkehrsdrehscheibe Bahnhof. Die schnelle Zugverbindung von und nach Stuttgart wird Auswirkungen haben auf Pendlerströme, die wiederum auf den Nah- und den Autoverkehr. „In zehn Jahren wird es nur noch wenig von dem geben, was man um den Bahnhof herum kannte“, sagt von Winning. Ein Überblick über das, was entsteht und was geplant ist:

Sedelhöfe Der Hamburger Investor DC Developments baut ein Quartier mit 18.000 Quadratmetern Handelsflächen, 6000 Quadratmetern Büroräume, 112 Mietwohnungen und Gastronomie. Dazu kommen in einer dreigeschossigen Tiefgarage 700 Stellplätze, eine Ebene davon auf Kosten der Stadt Ulm. Im Sommer 2017 gelang es dem Investor, auch das Gebäude Bahnhofplatz 7 zu kaufen. DC-Geschäftsführer Lothar Schubert möchte dieses Haus abreißen und den Neubau mit den Sedelhöfen verbinden.

Ursprünglich sollten die Sedelhöfe Ende 2019 eröffnen, der Bau hinkt dem Zeitplan aber hinterher. Schubert ging zuletzt von einem Eröffnungstermin im Frühjahr 2020 aus. Das gesamte Investitionsvolumen beziffert er auf fast 250 Millionen Euro.

Tiefgarage Die Stadt baut am Bahnhof ein vier Geschosse tiefes Parkhaus mit 540 Stellplätzen. Kosten: 35 Millionen Euro. 15 weitere Millionen werden für eine unterirdische Passage fällig, die Bahnhof und Tiefgarage mit der Fußgängerzone verbindet. Die Fertigstellung der Tiefgarage ist für Herbst 2020 geplant. Allerdings wackelt derzeit auch dieser Zeitplan.

Friedrich-Ebert-Straße Nach langer und heftiger Debatte hat der Gemeinderat im Oktober 2016 mehrheitlich beschlossen: Die Straße wird vor dem Bahnhof von vier auf drei Fahrspuren zurückgebaut. Auf der Innenstadtseite, also Richtung Olgastraße, wird es nur noch eine Spur geben, auf der Bahnhofseite zwei Spuren.

Reichen sie aus, wenn Sedelhöfe und Bahnhofs-Tiefgarage deutlich mehr Verkehr anziehen? Auf keinen Fall, fürchten IHK und CDU. Der Baubürgermeister – und mit ihm die Mehrheit des Rats – ist aber davon überzeugt. „Beide Tiefgaragen sind von beiden Seiten her gut angebunden“, sagt von Winning. Im Weihnachtsgeschäft werde es dennoch zu Engpässen kommen.

Bahnhofplatz Über die Gestaltung des Bahnhofplatzes wird heftig gerungen. Nach Kritik aus allen Fraktionen lässt die Stadt die Pläne derzeit überarbeiten. Am Bahnhof sind zudem weitere Fahrradstellplätze geplant.

Zentraler Omnibusbahnhof Die Größe des künftigen ZOB ist ebenfalls umstritten. Die Stadt hätte ihn gern kleiner, damit auf dem südlichen Bahnhofplatz ein neues Gebäude entstehen kann. Es soll dem Platz eine Begrenzung geben und eine höhere Aufenthaltsqualität schaffen. Die IHK hält einen kleineren ZOB weder für funktional noch für leistungsfähig. Die CDU-Fraktion hat eine Überbauung des ZOB angeregt. Beschlossen ist noch nichts.

Neubaustrecke Auch wenn aus S 21 eher S 24 wird: Die schnelle Zugverbindung nach Stuttgart und zum Flughafen wird auf längere Sicht große Auswirkungen auf Ulm haben: auf Arbeitsplätze, Pendlerströme, Wohnungsmarkt. Für die Verkehrsdrehscheibe Bahnhof heißt das: Ihre Bedeutung wird weiter zunehmen. Derzeit kommen am Bahnhof jeden Tag 40.000 Menschen an oder fahren ab. Die Stadt rechnet damit, dass es durch die Neubaustrecke an die 4000 Menschen mehr sein werden. Der Baubürgermeister hat keine Bedenken, dass es zu einem Engpass am Bahnhof kommt. „Unsere Infrastruktur ist dafür ausgelegt. Aber zu Spitzenzeiten wird es enger.“ Dann könne es vorkommen, dass sich Menschen drängen.

Linie 2 Um die höhere Zahl von Pendlern zu bewältigen, setzt die Stadt auch auf die neue Straßenbahnlinie. Gerade die Wissenschaftsstadt werde durch die schnelle ICE-Strecke für Arbeitskräfte aus dem Raum Stuttgart noch attraktiver, und die Straßenbahn wird zu Stoßzeiten im Fünf-Minuten-Takt dafür sorgen, dass Menschen schnell vom Bahnhof auf den oberen Eselsberg kommen.

Parkhaus Die Deutsche Bahn weiß natürlich um das Potenzial der Neubaustrecke und will für Pendler ein Parkhaus bauen und betreiben: in der Schillerstraße neben dem Fußgängersteg, der über Treppen und Aufzüge direkt mit den Bahnsteigen verbunden sein wird. Wer auf den Zug will und in der Schillerstraße parkt, wird also keinen Umweg mehr über Bahnhofplatz und -gebäude gehen müssen. „Der Steg bekommt eine viel stärkere Bedeutung. Er wird der zweite Bahnhofseingang.“

Perspektivisch könne das Parkhaus in drei Jahren stehen, „wir sind da sehr hinterher“. Das Parkhaus mit rund 400 Stellplätzen soll die Friedrich-Ebert-Straße entlasten. OB Gunter Czisch und Baubürgermeister von Winning stellen es sich so vor: Wer zum Bahnhof will oder sein Auto den ganzen Tag abstellen möchte, soll im Parkhaus in der Schillerstraße parken. Die nah an der Fußgängerzone gelegenen Tiefgaragen und Parkhäuser sollen vor allem Kunden des Innenstadthandels vorbehalten sein.

Diese Parkhäuser „sind für das Pendlerparken zu teuer“, sagt von Winning. Im Deutschhaus und in der Tiefgarage am Bahnhof soll jeder Stellplatz idealerweise drei bis fünfmal pro Tag umgeschlagen werden, Dauerparker werden dann dort nicht mehr so gern gesehen. Das zu regeln, „ist eine Frage der Preisgestaltung“.

Das Pendler-Parkhaus in der Schillerstraße bringe dem Handel einen weiteren Vorteil: Es werde an Samstagen weniger genutzt und biete dann Platz für die Autos von Kunden. Zudem sollen dort Radparkplätze entstehen.

Schillerstraße Die Stadt möchte den Verkehr um den Bahnhof herum anders lenken. Wer von Norden, Süden, Westen zum Zug will, soll über die B 10 oder die Blaubeurer Straße in die Schillerstraße fahren, also am besten gar nicht mehr über die Friedrich-Ebert-Straße.

Der Verkehr in der Schillerstraße wird also zunehmen, auch durch das Parkhaus. Am Ehinger Tor wird das wohl Auswirkungen auf die Ampelschaltung haben. Wenn zur Stoßzeit am Abend viele Autofahrer das Parkhaus verlassen, muss die Kreuzung so leistungsfähig sein, dass der Verkehr abfließen kann. Von Winning ist aber überzeugt: „Man kann das Parkhaus auch in der jetzigen Verkehrssituation betreiben.“

Der größere Eingriff ist ohnehin am nördlichen Ende der Schillerstraße geplant. Die Stadt- und Verkehrsplaner machen sich derzeit Gedanken, ob die Ein- und Ausfahrt in den Blaubeurer Ring umgebaut werden muss.

Darüber hinaus soll die Schillerstraße im Norden verlängert werden. Sie soll hinter Ikea eine zusätzliche Erschließung des ehemaligen Moco-Areals bieten, auf dem sich ab 2021 Betriebe ansiedeln sollen. Die neue Verbindung soll somit auch die Blaubeurer Straße entlasten.

Dichterviertel Das Areal westlich der Bahngleise ist Sanierungsgebiet und im Umbruch. So baut beispielsweise der Ulmer Investor Rainer Staiger mit seiner Firma Pro Invest nahe des Blaubeurer Rings ein Hotel mit 148 Zimmern und insgesamt 74 Wohnungen. Das Hotel soll Ende März bezugsfertig sein. Direkt daneben plant Staiger 112 Mikro-Apartments und knapp 60 Wohnungen für betreutes Wohnen.

Am Bahnhof ist die Schillerstraße bisher nur auf der einen Seite bebaut. Auch das wird sich ändern. Die Bahn wird die drei westlichen Gleise bald nicht mehr benötigen, es wird ein etwa 18 Meter breiter Streifen frei, den die Stadt Ulm kaufen möchte. „Die Schillerstraße wird dann beidseitig bebaubar“, sagt von Winning. „Der Eindruck wird ein ganz anderer sein.“

Theaterviertel Enormes Entwicklungspotenzial sieht die Stadtspitze in dem Quartier, das von den Bahngleisen, der Ludwig-Erhard-Brücke, Neutorstraße und Olgastraße begrenzt wird und nach dem prägnantesten Bau, dem Theater, benannt ist. Es befindet sich städtebaulich im Dornröschenschlaf. Kein Geheimnis ist, dass die Stadt mit dem Viertel Pläne hat, Grundstücke aufkauft und versucht, einige dort ansässige Betriebe umzusiedeln. Dort könnte ein Gebiet entstehen mit einem Mix aus Wohnen und Arbeiten.