Jetzt steht es fest: Die Wilhelmsburgkaserne wird Sitz des neuen Nato-Kommandos, das schnelle Truppen- und Materialtransporte innerhalb Europas organisieren und schützen soll. Darauf haben sich die Bundesregierung und die Nato-Bündnispartner geeinigt, wurde aus Militärkreisen bestätigt. Offiziell soll die Entscheidung beim Treffen der Verteidigungsminister der Nato-Staaten am Donnerstag und Freitag bekannt gegeben werden. An diesem Treffen wird auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) teilnehmen.

In der Kaserne hat auch das Multinationale Kommando Operative Führung der Bundeswehr seinen Sitz. Dieses mobile Hauptquartier soll Auslandseinsätze für die Nato, für die EU oder die Vereinten Nationen führen. Im Mai wurde es im Nato-Trainingscenter im norwegischen Stavanger für solche Einsätze des Bündnisses geprüft, bereits von 1. Juli an wird es ein Jahr lang für die Nato in Bereitschaft stehen (wir berichteten). Dieses Hauptquartier und das neue Transportkommando (Joint Support and Enabling Command JSEC) sollen sich ergänzen, heißt es aus dem Verteidigungsministerium.

Das neue Kommando soll, wie auch das bereits bestehende Hauptquartier, nicht direkt der Nato unterstellt werden, sehen die bisherigen Pläne vor. Es bleibt innerhalb der Bundeswehrstruktur, soll aber eng mit dem Bündnis verzahnt werden. Generalleutnant Jürgen Knappe, der Befehlshaber des Einsatz-Hauptquartiers, geht davon aus, dass beide Kommandos unter seinem Befehl stehen werden. In der Streitkräftebasis der Bundeswehr wurden mehrere alternative Pläne ausgearbeitet, wie die Struktur von JSEC aussehen könnte. Als wahrscheinlich gilt, dass es mit bis zu 160 Dienstposten ausgestattet werden wird. Unklar ist auch, ob es in der Wilhelmsburgkaserne noch ausreichend Flächen gibt, um das Kommando dort unterzubringen. Es wird nicht ausgeschlossen, dass andere Einrichtungen umgesiedelt werden müssen.

Wenn das Ulmer Hauptquartier in Nato-Bereitschaft geht, soll bereits mit dem Aufbau des neuen Logistik- und Nachschubkommandos begonnen werden. Die Bundeswehr geht davon aus, dass es im Oktober 2019 seine Arbeit aufnehmen kann und 2021 voll einsatzbereit ist.

Neben diesem neuen Kommando, das von Ulm aus europaweit tätig sein soll, wird eine zweite Einheit im amerikanischen Norfolk (Virginia) aufgebaut. Es soll unter anderem den besseren Schutz der Transportwege zwischen Nordamerika und Europa und über den Atlantik sicherstellen, unter anderem für sensible Infrastruktur wie zum Beispiel Datenkabel, über die Internet- und Kommunikationsverbindungen laufen. Die Nato reagiert mit diesen neuen Zentren auf Spannungen mit Russland wie die Ukraine-Krise samt Krim-Annektion. Militärs hatten in einem Nato-Bericht Zweifel geäußert, ob das Bündnis noch angemessen und schnell genug auf einen russischen Überraschungsangriff etwa auf die baltischen Staaten oder Polen reagieren könnte. Dabei geht es sowohl um Straßen-, Schienen-  und Brückenverbindungen, die für einen schnellen Schwertransport gen Osten genutzt werden könnten, als auch um bürokratische Hindernisse.

Synergie-Effekte erhofft

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums verwies gestern darauf, dass die endgültige Entscheidung für die JSEC-Ansiedlung in Ulm erst auf der Tagung der Verteidigungsminister fallen werde. Aber er hob auch die Bedeutung des Ulmer Bundeswehrstandortes hervor. „Von der Aufstellung des Kommandos erwarten wir Synergie-Effekte aus den bereits existierenden Aufgaben für die Nato- und die EU-Operationen.“

„Das wäre eine gute Nachricht für Ulm“ – so reagierte Ulms OB Gunter Czisch. Was ein solches Kommando für die Stadt im Hinblick etwa auf Wohnraum bedeutet, darüber lasse sich gegenwärtig nur spekulieren, weil noch keine Zahlen und Fakten vorliegen. „Sicher ist aber, dass unsere gegenwärtige Wohnbauoffensive dann noch wichtiger wird, um der wachsenden Stadt gerecht zu werden.“

Die Pläne für Ulm haben bereits am vergangenen Wochenende beim Nato-Parlamentariertreffen in Warschau großen Zuspruch erfahren, berichtete der Neu-Ulmer Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Brunner (SPD), der auch Mitglied des Verteidigungsausschusses ist. „Ulm hat sich als Sitz des Multinationalen Kommandos einen Namen gemacht und ist für das Hauptquartier Logistik bestens geeignet.“ Hocherfreut reagierte auch der Vorsitzende der Ulmer CDU-Fraktion, Thomas Kienle. Dies sei eine Aufwertung des Truppenstandorts in Ulm und eine Sicherung des Sitzes des Hauptquartiers in der Wilhelmsburgkaserne. Die Entscheidung, so die SPD-Fraktionsvorsitzende Dorothee Kühne, werfe allerdings hinsichtlich Sicherheit und Logistik auch noch weitere Fragen auf.