Geschichte Neues Buch über die HfG Ulm: „Vom Bauhaus beflügelt“

Die Autorin Christiane Wachsmann.
Die Autorin Christiane Wachsmann. © Foto: Ulrike Sommer
Ulm / Lena Grundhuber 23.10.2018

Es gibt Stellen in diesem Buch, da wird man sentimentaler, als es der Gegenstand erlaubt. Ganz am Ende zum Beispiel, als Christiane Wachsmann den Anblick der HfG-Gebäude hoch über der Stadt beschreibt. Noch immer, findet sie, strahlten sie etwas Besonderes aus: „Unwillkürlich fragt man sich, wie sie hierher gelangt sein mögen, an das Ende der Straße, die von der Stadt Ulm aus hinauf auf den Kuhberg führt, in den Morgennebel, der von der Donau aufsteigt und sich hier oben plötzlich lichtet.“

Eine Liebeserklärung, die zugleich klar macht, wieso die Autorin sich mit einer Institution befasst, die seit 50 Jahren nicht mehr existiert. Und wieso sie dieses Buch („in Zusammenarbeit mit dem HfG-Archiv“) geschrieben hat: „Vom Bauhaus beflügelt“ heißt der Band, den Wachsmann morgen vorstellt. Die 58-Jährige schildert die Schule darin aus der Innensicht der Beteiligten, kennt sie die Geschichte der Hochschule für Gestaltung (1953-1968) doch wie kaum jemand sonst. Sie hat das HfG-Archiv aufgebaut und geleitet, heute ist sie als Kuratorin dort tätig. Ihre eigene Mutter, so erfährt man, war eine Verfechterin der Idee der „guten Form“. Wachsmann kann sich gut einfühlen in die „skeptische Generation“, die nach dem Krieg vor einem moralischen Trümmerhaufen stand: „Nach den Erfahrungen des Faschismus schien es sicherer, sich auf die Dinge zu berufen als auf die Menschen“.

Wer die HfG erklären will, muss von den Leitfiguren erzählen, die über allem schwebten: Das erste Kapitel ist Hans und Sophie Scholl gewidmet. Die Geschwister aus Ulm starben für den Widerstand, in ihrem Geiste trieb ihre Schwester Inge die Gründung der Schule voran, an der eine neue, demokratische Jugend ausgebildet werden sollte.

Die Autorin schildert detailliert, wie sich die Idee durch den Einfluss Max Bills hin zur Gestalterschule entwickelte, vergisst aber auch nicht, den Bogen zum Vorbild Bauhaus bis zurück zur englischen Arts-and-Crafts-Bewegung zu schlagen und die kurze Geschichte der HfG mit Hilfe vieler Zeitzeugen in den zeitgenössischen Kontext einzuordnen.

Die unablässigen Streitereien um die Ausrichtung, die persönlichen Differenzen in der HfG nehmen sehr viel Raum ein – was allerdings den realen Verhältnissen entsprechen dürfte.

Christiane Wachsmann stellt nüchtern dar, welchen Anteil die internen Verwerfungen am Aus für die Hochschule im revolutionären Jahr 1968 hatten: „Es ist ein Paradox, dass die HfG, die doch zuallererst gegründet wurde, um eine Elite für die demokratische Führung der jungen deutschen Republik zu erziehen, nicht in der Lage war, selbst zu einer überzeugenden ,Regierungsform’ zu finden.“

Die Faszination für die „pausenlose intelligenz an der kaffeebar“, für das idealistische Anliegen dieses Projekts – sie scheint bei aller wissenschaftlichen Neutralität doch immer wieder durch. „Ist die HfG denn überhaupt ,gescheitert?’“ Die Antwort des Buches ist klar.

Buchvorstellung und Diskussion

Buchvorstellung „Vom Bauhaus beflügelt. Menschen und Ideen an der Hochschule für Gestaltung Ulm“ ist im Verlag avedition erschienen (296 S., 29 Euro). Christiane Wachsmann stellt ihr Buch morgen, Mittwoch, 20 Uhr im Club Orange der vh vor.

Podiumsgespräch „HfG Ulm – 50 Jahre danach“ heißt ein Podiumsgespräch am Sonntag, 11 Uhr, in der Mensa der HfG mit Ralf Dringenberg, Rektor der HfG Schwäbisch Gmünd, Christiane Riedel vom ZKM Karlsruhe und dem Designhistoriker René Spitz.

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