Museum Ulm Neuer Fall von NS-Raubkunst im Museum Ulm

Der „rote Fall“: Das Bild, wohl von Georg Friedrich Pfandzelt aus dem Jahr 1747.
Der „rote Fall“: Das Bild, wohl von Georg Friedrich Pfandzelt aus dem Jahr 1747. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Von Lena Grundhuber 05.01.2019

Eine Kaiserin ist sie wohl nicht, auch wenn es sich laut der Bildrückseite um das Porträt einer „Maria Theresia“ handeln soll. „Ich würde sie im Bereich des gehobenen Bürgertums verorten“, sagt Alexandra Chava Seymann über die Frau auf dem Bild. Immerhin, die Dame trägt Perlen, Spitze und kostbaren Stoff. Ansonsten wirkt sie etwas mitgenommen. Irgendwer hat die Leinwand vor vielen Jahrzehnten nicht sonderlich sachgemäß auf Karton geklebt, und mit der Restaurierung hat man dem Bild, das dem Ulmer Maler Georg Friedrich Pfandzelt zugeschrieben wird, auch keinen Gefallen getan.

Bislang überwinterte das Gemälde aus der Mitte des 18. Jahrhunderts im Depot, seit neuestem bekommt es Aufmerksamkeit: „Seine Geschichte macht es interessant“, sagt Seymann. Es ist der erste „rote Fall“, den die Provenienzforscherin nach zwei Jahren am Museum Ulm ausgemacht hat. In der Sprache ihrer Zunft bedeutet das: Das Kunstwerk wurde „NS-verfolgungsbedingt entzogen“ und ist zu restituieren. Es kam also während der Nazizeit unrechtmäßig in den Besitz der Stadt und müsste an die Erben des früheren Eigentümers zurückgegeben oder ordentlich gekauft werden.

Wenn man nur wüsste, ob es Erben gibt.

Alexandra Chava Seymann hat alles Mögliche versucht, um das herauszubekommen, doch die Bild­rückseite verrät nichts über Vorbesitzer. Rechnungen oder Korrespondenz dazu existieren nicht (mehr). Die entscheidende Information lieferte der Wissenschaftlerin der Eintrag im Inventarbuch vom 11. Januar 1944: „vom Finanzamt Konstanz (aus jüdischem Besitz) um RM 150,- angekauft“, steht da. Und wer auch immer es war, hat später dazugeschrieben: „Juden“.

Seymann sieht keinen Grund, an der Herkunft des Bildes aus jüdischem Besitz zu zweifeln. Denn im Finanzamt Konstanz bestand eine Verwaltungsstelle für jüdisches und „reichsfeindliches“ Eigentum. Seymann vermutet, dass man dort die Ulmer Zuschreibung bemerkte und das Bild der Stadt Ulm zum Kauf anbot.

Zu diesem Zeitpunkt, ein Jahr vor Kriegsende, seien die wertvollen Kunstsammlungen längst geplündert gewesen, sagt die Forscherin. „Jetzt reden wir über Bereiche, in denen es um das letzte Hemd ging.“ Man fledderte Wohnungseinrichtungen, Umzugsgut, Kleidung der Verfolgten und Deportierten. Seymann hat Korrespondenz gefunden, die zeigt, dass der damalige Direktor des Museums, Carl Kraus, sich auch selbst bedienen wollte: Er sei auf der Suche nach Münzen, schrieb er. Für das Museum kaufte Kraus nebst des Porträts nachweislich drei weitere Objekte aus dem Konstanzer Bestand. Ein Hinterglasbild – laut Inventarbuch gedacht „als Beispiel kunstgewerblicher Entartung“ – und eine Bildnisstudie von Marie Ellenrieder. Beide Werke sind heute verschollen. Das Gemälde „Kanal in Venedig / Canal Grande“ von Max Arthur Stremel dagegen wurde 1954 an den jüdischen Besitzer zurückgegeben. Der Ulmer Lederfabrikant Wilhelm Lebrecht hatte sich nach Brasilien retten können und forderte sein Eigentum nach dem Krieg wieder. „Das Damen-Porträt aber steht nicht auf der Liste seines enteigneten Besitzes“, sagt Seymann.

Nach Lage der Dinge bleibt ihr nur die Veröffentlichung in der Lostart-Datenbank, die Werke mit einem möglichen NS-Raubkunst-Hintergrund listet. Vielleicht erkennt jemand das Werk und kann einen Hinweis auf den einstigen Eigentümer geben.

Insgesamt wurden seit Kriegsende vier Kunstwerke aus dem Museum Ulm restituiert, alle erst auf Aufforderung, wie die Provenienzforscherin betont. 60 Jahre, nachdem das erste Gemälde an die Familie Lebrecht zurückerstattet wurde, wandten sich 2014 die Erben der Sammlung Budge an das Museum Ulm, woraufhin die Stadt die Goldschmiedeobjekte Hahn und Henne zurückgab und das „Trinkschiff“ kaufte.

„In den Jahrzehnten dazwischen gab es keine Provenienzforschung“, sagt Alexandra Chava Seymann. Oberbürgermeister Robert Scholl, Vater von Hans und Sophie Scholl, etwa antwortete auf eine wiederholte Anfrage nach geraubten Objekten von seiten des Badischen Landesamts für kontrollierte Vermögen im Jahr 1946, er habe Nachforschungen anstellen lassen, „die jedoch kein positives Ergebnis gezeitigt haben“, weil bedeutender Besitz und Akten des Museums verbrannt seien.

Seymann sagt: „Man hätte nur die Inventarbücher aufschlagen müssen.“ Die Bücher aus den Jahren 1933 bis 1945 stehen heil und vollständig in ihrem Arbeitszimmer. Noch ist viel zu tun, doch die Förderung für die Provenienzforschungsstelle durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste läuft im Februar aus. „Wir hoffen inständig auf ein Jahr Verlängerung“, sagt Seymann, denn sie will ihre Ergebnisse in einer Ausstellung und einer Publikation vorstellen – damit das Thema nicht wieder vergessen wird.

Ulmer Objekte auf www.lostart.de

Die Provenienzforschung bedient sich eines Ampel-Systems, um ihre Fälle zu klassifizieren. „Rot“ steht für Objekte, die als NS-Raubkunst einzustufen sind, „grün“ für unproblematische Provenienz und „gelb“ für Stücke, bei denen NS-verfolgungsbedingter Entzug nicht ausgeschlossen werden kann, weil zum Beispiel Personen oder Institutionen involviert sind, die einen Provenienzforscher hellhörig machen.

Alexandra Chava Seymann hat mehrere solcher „gelber“ Fälle im Museum Ulm identifiziert und in der Internet-Datenbank www.los­tart.de veröffentlicht, so dass potenzielle Erben und Hinweisgeber sie dort entdecken können. Die Objekte sind leicht zu finden, indem man „Museum Ulm“ in die Suchmaske eingibt. Darunter ist zum Beispiel eine silberne Verlobungsschale, die der damalige, 1957 aufgelöste Verein der Museumsfreunde Ulm im Jahr 1935 beim Antiquariat von Adolf Heppner erworben hatte. Zwar ließ Heppner sich im Preis nicht drücken, verkaufte also wohl nicht unter Zwang, doch ist denkbar, dass der Voreigentümer aus Not verkaufte. „In diesem Fall tun sich gigantische Lücken auf“, sagt Alexandra Chava Seymann. Adolf Heppner, der selbst Jude war, nahm sich am 6. März 1943 das Leben.

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