Feier Neue Tora-Rolle für Ulmer Synagoge

Fröhlich auf dem Weg durch Ulm: Rabbiner Shneur Trebnik mit der neuen Tora-Rolle.
Fröhlich auf dem Weg durch Ulm: Rabbiner Shneur Trebnik mit der neuen Tora-Rolle. © Foto: Oliver Schulz
Ulm / Christine Liebhardt 04.12.2017
Fünf Jahre nach der Eröffnung der Neuen Synagoge bekommt sie eine neue Tora-Rolle. Finanziert haben das vor allem die Gemeindemitglieder selbst.

„Die letzte Zeile einer Tora-Rolle wackelt immer“. Sagt Netanel Wurmser, der Landesrabbiner für Württemberg, und lacht. Denn es ist Tradition, dass die Rolle an ihrem künftigen Einsatzort voll­endet wird. Fast 305.000 Buchstaben hat der Rabbiner Dov Ginzburg in der Nähe von Nazareth in Israel mit dem Federkiel von Hand geschrieben. Am Sonntag hat er die neue Tora-Rolle nach Ulm gebracht – pünktlich zum fünften Jahrestag der Eröffnung der neuen Synagoge.

Der Bau am Weinhof in unmittelbarer Nähe zur alten, von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge wurde von vielen lange für unrealistisch gehalten. Doch: „Aus der Fantasie ist Realität und Alltag geworden“, stellte der Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik im Rathaus fest. Die Idee, eine weitere, dritte Tora-Rolle in Auftrag zu geben, entstand vor zwei Jahren, als die Gemeinde am Sabbat in der Synagoge zusammensaß und ein Mitglied mehr wissen wollte über das Gebot, eine Tora-Rolle zu schreiben. Trebnik erklärte, dass es auch möglich sei, damit einen Schreiber zu beauftragen. Was die Gemeinde für eine gute Idee hielt, denn an Feiertagen wird oft aus drei verschiedenen Stellen gelesen.

Die jüdische Gemeinde war es denn auch, die mit ihren Spenden einen Großteil der Tora-Rolle finanzierte. „Als Zuwanderer sind sie sozioökonomisch nicht immer auf Rosen gebettet“, ordnete Susanne Jakubowski vom Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg die Spendenbereitschaft ein. „Viele haben sich das Geld vom Mund abgespart.“ Die aus der ehemaligen Sowjetunion emigrierten Menschen seien aufgewachsen in einem Regime, das Religion zu unterbinden trachtete. „Doch hier entfalten sie sich.“

Weil es im Judentum üblich ist, sich bei freudigen Anlässen auch trauriger Ereignisse zu erinnern, sprach Abraham Lehrer vom Zentralrat der Juden die jüngsten Beschädigungen an der Synagoge an, die er als „Anschlagsserie“ bezeichnete. „Ob das Vandalismus war oder Antisemitismus, ist gleichgültig.“ Tatsache sei allerdings, dass Menschen nicht davor zurückschrecken würden, Hand an eine Synagoge zu legen.

„Antisemitismus ist in allen Gesellschaftsschichten zu finden“, mahnte Lehrer. „Es sind nicht nur die glatzköpfigen Männer in Springerstiefeln, das wäre zu einfach.“ Der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien wie der AfD speise sich gerade aus der Mitte der Gesellschaft, entlang derer man sich orientiere, die aber nicht unverrückbar sei. In Ulm solle nun die Tora als Licht für den richtigen Weg dienen.

Auch Staatssekretär Martin Jäger erinnerte an die „antisemitischen Vorfälle“ an der Synagoge. Er lobte Polizei und Stadt, die schnell reagiert hätten, und forderte: „Wir sind alle in der Pflicht, die jüdische Gemeinde nie wieder alleine zu lassen.“ Oberbürgermeister Gunter Czisch mahnte, Haltung zu zeigen: ob gegenüber „Dumpfbacken“ wie jenen, die die Synagoge beschädigt hatten, oder verräterischer Sprache gegenüber. Ulm solle Heimat für alle sein. Die jüdische Gemeinde belebe die Stadt und habe sich zum Motor entwickelt. „Wenn wir diesen Weg gemeinsam beschreiten, ist jüdisches Leben wieder Normalität in unserer Stadt.“

Vom Rathaus zur Synagoge

In einem feierlichen Umzug mit Tanz und Gesang brachten die jüdische Gemeinde Ulms und viele Rabbiner aus ganz Deutschland die neue Tora-Rolle am Sonntagnachmittag in das Gemeindezentrum am Weinhof. Natürlich nicht, bevor sie im Rathaus vollendet wurde. Während Jakubowski, Jäger, Czisch und Lehrer dabei jeweils neben Rabbiner Ginzburg saßen, schrieb Rabbi Shneur Trebnik selbst den letzten Buchstaben des letzten Wortes der Tora: „Israel.“

304.846 Buchstaben

Tradition Jeder der 304.846 Buchstaben einer neuen Tora-Rolle wird mit Bedacht gesetzt, die Zeile immer bis zum Ende beschrieben, heißt es in einer Mitteilung der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. So ist es Tradition. Die Fünf Bücher Mose dürfen nicht verändert werden: Sie stehen als Wort Gottes im Zentrum des jüdischen Glaubens.

Schreiber Der Toraschreiber wird Sofer genannt. Rabbiner Dov Ginzburg hat die neue Rolle aus Israel zunächst in den Stuttgarter Landtag und dann nach Ulm gebracht.

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