Langeweile und Einsamkeit bestimmen das Leben vieler älterer Menschen, auch der in Pflegeheimen. Das zu ändern, ist erklärtes Ziel des Neu-Ulmer Seniorenstifts St. Michael. „Die Menschen sollen wieder wach werden, sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen, sich wieder was trauen und ein schönes Leben haben“, sagt Karmen Batistic Nardin, die Leiterin des Hauses. Den Wegweiser zu diesem Ziel  hat sie gefunden: das Konzept der Eden-Alternative.

Entwickelt wurde es 1991 von dem New Yorker Arzt William Thomas. Mittlerweile arbeiten weltweit rund 500 Altenheime mit dieser Philosophie. In Deutschland sind es inzwischen zehn, darunter das Maria-Martha-Stift in Lindau, das im Jahr 2014 den deutschen Altenpflegepreis bekommen hat.

Von dem Lindauer Stift  hat Batistic Nardin im Laufe ihres Studiums erfahren: „Das hat mich sehr beeindruckt.“ Ihr Vorsatz war immer: „Wenn ich selbst ein Heim leite, möchte ich den Bewohnern das Leben so schön wie möglich machen, damit sich die Seele wohlfühlt.“ Seit zwei Jahren ist sie in der Neu-Ulmer Einrichtung mit 42 Betten. „Die Bewohner sollen wenigstens stundenweise vergessen, dass sie in einem Pflegeheim sind.“

Dazu gehört, dass der Alltag nicht von medizinisch-pflegerischer Versorgung bestimmt ist  – bei allen gesetzlichen verpflichtenden Standards –, sondern dass Raum ist für Selbstbestimmung. Und dafür, individuelle Wünsche zu erfüllen. Bastistic Nardin erzählt von einem Bewohner, der weit in den 80ern war und dessen sehnlichster Wunsch es war, noch einmal in den Wald zu gehen. Eines Tages hatte Batistic Nardin etwas Luft, es war schönes Wetter und sie hat spontan ein Taxi gerufen, um mit dem Herrn einen Spaziergang im Wald zu machen. „Es war, als hätte man den Hebel umgelegt: Der Mann hat vor Glück gestrahlt, gesungen, mir jede Pflanze erklärt und seine Lebensgeschichte erzählt“, erinnert sie sich an diese intensiven Momente. Wenige Monate später ist er friedlich gestorben.

„Wir agieren auf Augenhöhe mit den Bewohnern“, beschreibt Jan Neersö, kaufmännischer Geschäftsführer des Heims, die Grundhaltung der Mitarbeiter. „Wir bevormunden die Menschen nicht, sondern machen etwas mit ihnen zusammen und schauen, wo sie selbst etwas tun können.“ So sind der Singkreis entstanden und die Mittwochs-Kochgruppe, die erst gemeinsam den Markt besucht und überlegt, was und für wie viele Leute sie kochen will. Karmen Batistic Nardin: „Unsere Erfahrung ist, dass es meist um Kleinigkeiten im Alltag geht, die die Bewohner wollen.“

„Die Menschen sollen wieder wach werden und sich als Teil einer Gemeinschaft sehen, in der sie auch Verantwortung übernehmen.“ Das sagt Silke Nachtwey, die Deutschland-Koordinatorin der Eden-Alternative. Sie war drei Tage in Neu-Ulm, um sämtliche Mitarbeiter des Hauses zu schulen. Sie selbst ist Pflegedienstleiterin eines Heims in Krefeld, das seit 20 Jahren nach den Eden-Prinzipien arbeitet.

Risikovermeidung steht nicht an erster Stelle, sondern die Bedüfnisse der Bewohner. Laut Nachtwey wird zum Beispiel niemand gezwungen, eine Sturzhose mit unförmigen Protektoren anzuziehen. „Besonders Frauen, die immer auf ihre Figur geachtet haben, fühlen sich darin nicht wohl. Also reden wir mit ihnen, klären über die Risiken auf und überlegen, ob Kraft- und Balancetraining eine Alternative sein kann, um wieder sicherer auf den Beinen zu werden.“

„Natürlich müssen wir wirtschaftlich arbeiten“, betont Jan Neersö. Das Heim hat einen privaten Träger. Zusätzliches Personal gibt es nicht. Es liegt daher an der Flexibilität der Mitarbeiter selbst, beispielsweise jemanden freizuschaufeln, damit er eine oder zwei Stunden nur einem Bewohner widmen kann. Dass das möglich ist, berichtet Silke Nachtwey aus Krefeld: „Wir haben bei den Mitarbeitern einen Krankenstand, der unter drei Prozent liegt.“ Was im Pflegebereich ungewöhnlich niedrig ist. „Von der neuen Kultur des Miteinanders profitieren auch unsere Mitarbeiter.“ Auch sie fühlten sich nicht mehr hilflos oder eingeengt durch die gesetzlichen Vorgaben.

Karmen Batistic Nardin sieht in den Ideen des Eden-Konzepts einen Entwicklungsprozess, „den wir tagtäglich mit Leben füllen“. Ziel sei es, „wieder mehr Leben zu wagen“.