Festival Neue Musik: Raumfahrten im Klangschiff

Zwei Trompeter des Ensemble Consord vor Martin Parrs Bilderwand beim Festival Neue Musik im Stadthaus.
Zwei Trompeter des Ensemble Consord vor Martin Parrs Bilderwand beim Festival Neue Musik im Stadthaus. © Foto: Udo Eberl
Ulm / Von Udo Eberl 16.04.2018

Martin Parrs gebündelte Bilderwelt im Stadthaus als Spielraum für die Herren des Ensemble Consord aus Münster, die das szenische Musikstück „Brass – The Metal Space“ des Ungarn Peter Eötvös bewegend umsetzten. Sieben Blechbläser und zwei Schlagwerker in Rotation und Interaktion, nahezu sichtbare Klangspuren und -wirbel. Ein starkes Stück Blasmusik im Kunstraum potenziert.

Im Saal ging es nicht weniger intensiv weiter. Der Pianist Antonis Anissegos ist seit jeher wichtiger Baustein in Jürgen Grözingers Festival-Kosmos. Mit der Klavierkomposition „Traced Overhead“ von Thomas Adès sorgte er für einen der großen Momente der diesjährigen Ausgabe: Hochkomplex, zart, fordernd, eruptiv und vor allem berührend. Kein Gegensatz: Die „Trois poèmes de Stéphane Mallarmé“ von Maurice Ravel vom European Music Project hingezaubert. Mit der Sopranistin Esther Kretzinger und ihrer wohldosierten und -temperierten Strahlkraft im Zentrum war das ein musikalisches Gedicht.

Brigitta Muntendorfs „Shivers on Speed“ funktionierte nach sehr klaren Vorgaben der Komponistin. „Assoziationen an zitternde Hände oder eine zittrige Stimme sollen musikalisch umgesetzt werden“ und die Bassflöte „klingt wie das Bellen eines Hundes“. Doch gab es da Freiheiten im dynamischen Prozess, kollektives und sensitives Wirken war gefragt in diesem Splitterfeld der Töne, das von den Bläsern und Streichern auch perkussiv alles abforderte.

Paraskevi Kontogianni, Dirigentin des Abends, führte mit Verve und feiner Hand auch durch die deutsche Erstaufführung von „INTO – Second Self“ aus der Feder der Isländerin Anna Thorvaldsdottir. Mit dem Groß­ensemble, Consord-Bläser auf Galerie und Balkon sowie Perkussionisten im Saal verteilt, erlebten die Zuhörer eine Raum-Flutung der Extraklasse mit austarierten Harmonie-Schichtungen und perkussiven Wellen.

An mit „Stimmung“ überschriebenen Samstag bot zudem die Musikschule der Stadt Ulm exzellente Nachwuchskräfte auf, um ein Solo-Flötenstück und mit „Ankara“, ein Werk für Cello und Klavier, darzubieten. Großer Beifall. Und es ging ulmisch weiter. Das Vokalensemble Ulmer Münster begeisterte im vollen Stadthaussaal mit Chormusik unterschiedlichster Färbung von Bryars bis Pärt. Das klang wie aus einem Guss. Die fünf Kompositionen wurden durch „Bruchstücke“ verknüpft. Während die nahe am Freejazz angesiedelten Dialoge von Grözinger und Anissegos zum spannenden Wechselbad wurden, klang die Uraufführung von Laurie Schwartzs „Knee-Plays of Penikese, 1 & 2“ für Violine, Elektronik und Field Recordings eher lapidar.

Dann führte die „Stimmung“ weiter, ins benachbarte Ulmer Münster: zu Karl-Heinz Stockhausens Komposition aus dem Jahr 1968 in einer kompakten einstündigen Version. Vielleicht gerade wegen der Kälte im Kirchenschiff agierten die sechs Sänger des Ensembles Voxnova Italia unter der Leitung des legendären Stockhausen-Begleiters Nicholas Isherwood extrem konzentriert. Die Grundlage das tiefe B, darüber meditative Stimm-Schichtungen, Synchronitäten und Schwingungen, die Bündelung von Oberton-Gesang. All das gefüllt mit Gedichten, erotischen Metaphern und Spuren von Selbstironie. Ein mehrstimmig-meditatives Erlebnis mit fließenden Solo-Übergaben im Singkreis, der immer weiter auszustrahlen schien. Und das Münster als Klangschiff beim Festival, das über acht Tage hinweg zur Hochform aufgelaufen war.

Nahe an der Idealvorstellung

Das Festival für Neue Musik im Stadthaus funktioniert im normalen Konzertformat gut in Ulm. Das Stadthaus war ausverkauft oder sehr gut besucht. Allein fürs großartige „The Mark on the Wall“-Erlebnis hätte sich Projektleiter Jürgen Grözinger mehr Besucher gewünscht, war aber nach einem Festival nahe an der Idealvorstellung sehr zufrieden: „Ich mache mir im Vorfeld so viele Gedanken, zweifle, hinterfrage, überdenke. Wenn die Konzerte dann so großartig sind und die Konzeption so gut aufgeht, darf man zufrieden sein.“ udo

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