Ulm Neue Musik im Stadthaus

Ulm / JÜRGEN KANOLD 30.04.2012
John Cage war einer der großen Komponisten des 20. Jahrhunderts - und er sorgt noch immer für Hör-Erlebnisse. Jedenfalls dann, wenn ein Festival so sinnlich, so spielerisch ausfällt wie jenes im Stadthaus.

Alles ist Klang. Alles ist Musik: von der Stille bis zum Verkehrslärm, und selbst knarzendes Stühlerücken im Konzertsaal gehört dazu. "Das Hören hat die Eigenschaft, dass man etwas hört und dann feststellt, dass man es nicht mehr hört, sondern etwas ganz anderes." Was? Zum Beispiel die innere Stimme.

John Cage, der vor 100 Jahren geborene Philosoph der Neuen Musik, der natürlich auch ein Komponist war, ein ganz radikaler, hat das gesagt. Im Stadthaus nahm das zahlreiche Publikum drei Tage lang auch an einem geräuschvollen Selbsterfahrungstrip teil - ja, man darf das so sagen, denn der Amerikaner Cage (1912-1992) sah den Sinn der Musik darin, "den Geist zu ernüchtern und zu beruhigen, um ihn so für göttliche Einflüsse empfänglich zu machen". So weit musste man allerdings nicht gehen wollen, und eine ganz andere Frage dieser Cage-Hommage Jürgen Grözingers lautete: "Wirkt" Cage noch? Er war ja ein großer Erfinder des 20. Jahrhunderts, der den Zufall als ästhetische Kategorie in die Musik einführte, der den Werkbegriff und überhaupt die Grundfesten abendländischen Komponierens aushebelte - aber ist Cages Musik auch heute noch ganz unmittelbar, sinnlich erfahrbar?

Was bleibt von einem Komponisten, der mit Happenings jede Klassik-Konvention sprengte? Klar, diese oft garagenhaft selbstgebastelte Musik hat in einer Zeit, die längst die totale Freiheit proklamiert, etwas rührig Historisches. Etwa wenn in "Credo in US" (1942) das Perkussionquartett die aus dem Schallplattenspieler tönende Dvorak-Sinfonie "Aus der neuen Welt" zertrümmert - früheste DJ-Musik! Aber wenn ein Veranstalter wie die "Neue Musik im Stadthaus Ulm" sein Festival "John Cage 100" selbst zum Happening macht, die Konventionen des Konzertbetriebs auflöst, nicht nur Werke aneinanderreiht, und wenn das Spielerische, wenn der ernsthafte Unernst zur Unterhaltungsmethode wird - dann ist Cage up to date.

"What about the noise of . . ." war der erste Abend überschrieben, der noch einen traditionellen Cage vorstellte. Der Hörer lebte nicht nur in einer geräuschvollen "Demokratie der Klänge". Man staunte vielmehr über ein Märchenreich des Klangs: Antonis Anissegos musizierte vollendet Cages "Sonatas and Interludes" für präpariertes Klavier (1946-48), eine rhythmisch verblüffende Meditation der Moderne am Flügel, der tönt wie eine leise agierende Percussion-Gruppe.

Konsequent, dass Grözinger die Spuren des Meisters auch in der Gegenwart suchte, ein Kompositionsauftrag war an Ali N. Askin gegangen. Der "verräumlichte" in "What Can We Say But Yes" für präpariertes Klavier, 17 Streicher und drei Schlagzeuger die "Sonatas and Interludes". Dem European Music Project und der Deutschen Kammerakademie Neuss gelang unter Chatschatur Kanajan eine raue, intensive Uraufführung. Askins Werk überzeugt dann, wenn es sich das Chaos ergroovt, wenn sich die Streicher mit dem Klavier duellieren, die Klangspur wie geschnitten, wie gehackt vorwärtsläuft, um flächig auszuufern. Aber oft ist das 35-Minuten-Werk übersatt klanggefüllt, seriös und minimalistisch bekannt.

Dass John Cage allemal ein Theatraliker war, zeigte Grözingers Samstag: "Inszenierung des Zufalls". Faszinierend die Simultanaufführung von drei "Timelength-Pieces" aus den 50er Jahren: 45 Minuten redete Jan Uplegger furios einen schlauen wie dadaistischen Cage-Vortrag, Antonis Anissegos überspülte am präparierten Klavier die Worte, und Adam Weisman arbeitete sich an einem Schlagzeuger-Paradies ab: Was für eine Geräuschwelt! "Etwas geschieht immer", drang ans Ohr. Stimmt. Man konnte so manche Lebensweisheit Cages mit nach Hause nehmen.

Das Theater Ulm wiederum gastierte mit der Voraufführung von "Europera 4". Dekonstruktion kann Spaß machen, Cage hatte ihn im Alter, als er die europäische Oper verspottete. Da singen eine Frau (Edith Lorans) und ein Mann (Tomasz Kaluzny) willkürlich Arien-Hits. Ein Korrepetitor (Igor Beketov) spielt am Klavier berührungslos über den Tasten, so dass nur selten ein verstümmelter Akkord ertönt, bis er die Habanera aus "Carmen" laut anstimmt, während die Sänger mit völlig anderem beschäftigt sind. Ein weiterer Akteur (Matthias Kaiser, der Regisseur) erkurbelt am Grammophon Gekrächze aus dem Schallarchiv. Wer wie wann was macht, das würfelt ein DOS-Computerprogramm vor jeder Aufführung aus.

Nicht genug der Anarchie. Ein vierstündiges Konzert-Happening bot gestern Abend noch bis nach zehn Uhr jede Menge vermixte Cage-Experimente: von den "Six Melodies" für Cello (Mathis Mayr) und Akkordeon (Franka Herwig) über "The Wonderful Widow of 18 Springs" für Stimme (Maria Rosendorfsky) und geschlossenes Klavier bis zu den "verstärkten Pflanzenklängen" von "Branches". Dazu als integriert clownesker Störfaktor, als optischer Reiz im Hörspektakel: die Tänzerin Yuko Kaseki und Elektroverstärker Ryutaro Mimura (miu) mit einer Dauerperformance.

Und ganz am Ende noch eine halbe Stunde "Four6" für beliebige Klangerzeuger: Gegurgeltes, Gerascheltes, Gegeigtes. Der Epilog eines zeitmaßlosen Festivals. Das Publikum hat nicht nur viel gehört, es hört jetzt mehr. Auch in der Stille.

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