Kunst im öffentlichen Raum Neu-Ulm lädt zu „Streifzügen“

Neu-UIm / lgh 17.08.2018

Das Laufen scheint ein Auslaufmodell zu sein, glaubt man Helga Gutbrod. Früher seien die Menschen 45 Prozent ihrer Wege zu Fuß gegangen, heute sei das Pensum auf 25 Prozent geschrumpft, sagt die Chefin des Edwin-Scharff-Museums. Schade, denn wer das Laufen als Tätigkeit ernst nimmt – als Flanieren, Streunen, Promenieren –, der wird die Welt bewusster wahrnehmen, der hat „die Chance des zweiten Blicks“, wie es der Neu-Ulmer Kulturfachbereichsleiter Ralph Seiffert ausdrückt.

Diese Chance will das Edwin-Scharff-Museum mit den „Streifzügen durch Neu-Ulm“ eröffnen. Die Idee: Ortsfremde Künstler „führen“ Einheimische durch die Stadt und entdecken den öffentlichen Raum gemeinsam mit ihnen neu. Erster Termin ist am Donnerstag, 18 Uhr, mit der Künstlerin Dagmar Schmidt aus Langenhagen. „Sie ist prädestiniert dafür, denn sie geht mit ihrer Kunst selbst gerne in den öffentlichen Raum“, sagt der Kölner Kunsthistoriker Johannes Stahl, der die Streifzüge konzipiert hat; Stahl hat über Graffiti promoviert und sich viel mit Kunst am Bau befasst. Geplant sind fünf Termine, auch der Künstler für den zweiten Spaziergang am 13. September steht fest. Er nennt sich Gigo Propaganda, kommt aus der Streetart und liest mit seinen Mit-Gängern gerne Fassaden. Buchstäblich.

„Optische Knutschflecke“

Den experimentellen Ansatz habe man gewählt, um das Thema „Kunst im öffentlichen Raum“ greifbarer zu machen, sagt Ralph Seiffert. Bei den Spaziergängen können die Besucher sowohl neue Ecken finden als auch (allzu) gut bekannte neu entdecken. Der frische Blick der externen Künstler kann nur helfen. Denn, sagt Stahl: Ein Mensch aus Nordrhein-Westfalen würde Neu-Ulm trotz seiner Brüche und „optischen Knutschflecke“ wohl als gewachsenen Stadtraum wahrnehmen. Alles eine Frage der Perspektive, und eins ist eh klar: „Es geht nicht darum, wie ein Prüfer durchzulaufen und Noten zu verteilen.“

Stahl sieht in Neu-Ulm einen Reichtum, den es zu entdecken gelte. Oft seien es gut sichtbare Dinge oder Kunstwerke, die niemand mehr sieht. Was aus diesen Entdeckungen wird, interessiert wiederum Helga Gutbrod: „Das führt hin zu der Frage: Wie nehmen wir die Stadt als Ganzes wahr, wie wollen wir hier leben?“ Die Streifzüge, hofft die Museumsleiterin, könnten also noch ganz andere Prozesse in der Stadt in Gang bringen: „Ich bin gespannt, was das anstößt.“

Info Der erste Streifzug startet am Donnerstag, 18 Uhr, im Innenhof des Edwin-Scharff-Museums. Die Teilnahme ist kostenlos.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel