Militär Nato-Ernstfall im norwegischen Bunker

Ulm/Stavanger / Willi Böhmer 14.05.2018
Das Kommando aus Ulm lässt sich in Stavanger für Kriseneinsätze ausbilden. Dafür laufen auch Neubauten in der Wilhelmsburg an.

Aus dem kühlen norwegischen Stavanger kommen heute 500 Soldaten des in der Ulmer Wilhelmsburgkaserne stationierten Bundeswehrkommandos zurück. Sie hatten dort den Nato-Ernstfall geprobt. Zeitgleich laufen in der Kaserne in Ulm die umfangreichen Bauarbeiten  weiter. Beides hat ein Ziel: Die Einheit mit dem schwierigen Titel „Multinationales Kommando Operative Führung“ soll künftig auch Einsätze von Nato-Truppen führen.

Schon vom 1. Juli an befindet sich das Kommando ein Jahr lang in Rufbereitschaft für solche Einsätze. Die Testphase in Stavanger war dafür die letzte Prüfung. „Es läuft gut“, sagte der Befehlshaber des Kommandos, Generalleutnant Jürgen Knappe. Das endgültige Ergebnis dieses „Nato-TÜV“ erfahre man erst in einigen Tagen, aber es ist schon heute klar, dass die Zertifizierung als Führungskommando für Nato-Einsätze erteilt werde. Das signalisierte auch der deutsche Brigadegeneral Franz Pfrengle. Er sitzt für die Bundeswehr im europäischen Nato-Hauptquartier in Mons (Belgien) und ist verantwortlich für das Team, das die Aktionen der Ulmer bewertet.

70 Meter tief im Berg

In zwei Gruppen wurden die Ulmer Soldaten Ende April und Anfang Mai vom Stuttgarter Flughafen aus ins Nato Warfare Center nach Stavanger verlegt. Es ist häufig feuchtkalt in Norwegens viertgrößter Stadt, mit 7 bis 8 Grad Celsius, berichteten die Soldaten. Stavanger zählt knapp 135 000 Einwohner, ist also ähnlich groß wie Ulm, und liegt im südwestlichen Teil des Landes.  Etwa ein Sechstel seiner Fläche ist auf 16­ Inseln verteilt. Die Stadt war bis Ende der 80er Jahre der Sitz des Oberkommandos der norwegischen Streitkräfte, das sich in Bunkern innerhalb des Berges Jattanuten niedergelassen hatte. Mit dem Bunkerbau hatte noch die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs begonnen. Dann zogen die Norweger Ende der 80er Jahre aus und übergaben den riesigen Bunker, der über drei unterirdische Stockwerke 70 Meter tief in den Felsen reicht, der Nato. Das Joint Warfare Center der Nato, ein Trainings- und Übungszentrum des Verteidigungsbündnisses, zog ein.

Zu den mehr als 300 Soldaten aus verschiedenen Nato-Staaten, die dort fest stationiert sind, gehören 40 der Bundeswehr. Diese international zusammengesetzte Truppe betreibt das Zentrum und organisiert die Übungen.

Die meisten Soldaten des Ulmer Kommandos, die die Übung „Trident Jaguar 2018“ absolvierten und damit auf ihre Nato-Tauglichkeit getestet wurden, waren in einer norwegischen Kaserne unweit des Zentrums untergebracht. Tagsüber arbeiteten sie intensiv in den großen Gebäuden, die auf dem Bunker stehen. Denn im Bunker selbst ist die multinationale Nato-Truppe dabei, ihnen immer wieder neue schwierige Aufgaben zu stellen. Ein Krieg, der im Computernetz stattfindet.

18 Monate dauerte die Vorbereitung des Szenarios, das den Ulmern in ihrem fiktiven Kriseneinsatz in dem ebenso fiktiven Staat Arnland Steine in den Weg legte. Das Drehbuch liest sich, kurz zusammengefasst, so: Der Gouverneur einer abtrünnigen Provinz namens Kalmar erklärt seine Region als unabhängig und attackiert die gewählte Regierung.

Er hat das Militär der Provinz auf seiner Seite. Milizen gehen gegen Arnland vor, Terroristen verüben Anschläge. Das Land gerät in Schwierigkeiten und ruft die Nato zu Hilfe. 40 000 Nato-Soldaten aus mehreren Nato-Ländern rücken unter dem Oberbefehl des in Ulm stationierten Befehlshaber Generalleutnant Jürgen Knappe in Arnland ein, um die Attacken zu unterbinden, die Zivilbevölkerung zu schützen und den abtrünnigen Gouverneur zu Verhandlungen mit dem Stammland zu zwingen. Vier solcher Szenarien liegen in den Schubladen des Warfare Centers, berichtete Oberstleutnant Michael Derksen, der mit einer kleinen Gruppe im Auftrag der Nato solche Krisensituationen detailliert ausarbeitet. Drei Jahre lang sind er und seine 40 Kollegen von der Bundeswehr ans Warfare Center in Stavanger abkommandiert.

Laufend neue „Lagen“

Eineinhalb Jahre dauerte auch das Training, das die Ulmer Truppe absolvieren musste, bevor sie zur Ernstfallübung nach Stavanger zog. Dort wurden, wie während eines kritischen Auslandseinsatzes im Gefechtsstand des Hauptquartiers, laufend neue „Lagen“ eingespielt, die Entscheidungen verlangen: Flugzeugabstürze, Bombenanschläge, falsche Anschuldigungen in den Kalmar-Medien, um die Nato bei der Bevölkerung in Misskredit zu bringen und vieles mehr. „Es war anstrengend“, sagte Oberstleutnant Karsten Dyba vom Ulmer Kommando.

Aber nicht nur die Soldaten müssen fit sein für den Nato-Auftrag. Ohne umfangreiche Neubauten in der Wilhelmsburgkaserne wäre das Kommando nicht dauer­haft einsatztauglich. Das Herz der Neubauten steht im Rohbau und darf nicht detailliert in seiner Umgebung gezeigt werden, weil es als geheim eingestuft ist. Es ist eine Operationszentrale mit dem Gefechtsstand. Sie soll im August 2019 fertiggestellt sein und etwa 16 Millionen Euro kosten. Bis zu 135 Menschen arbeiten darin.

Weit vorangekommen ist die Halle, in der vom Juni 2019 an Teile des verlegbaren Gefechtsstandes gewartet, nach dem Einsatz gereinigt und aufbewahrt werden sollen, erzählt Stabsfeldwebel Markus Baumeister Etwa 18 Millionen Euro wurden dafür bewilligt. Am weitesten fortgeschritten ist der Neubau für die Informations- und Kommunikationssysteme, „die modernsten, die es derzeit auf dem Markt gibt“, sagt ein Soldat. Der Bau soll auch ein Ausbildungszentrum sein. 8,5 Millionen Euro stehen im Etat, im Januar sollen die Soldaten einziehen.

An den Standorten des neuen Konferenz- und Tagungszentrums (16,2 Millionen, bis Juni 2020) sowie des Sanitätsversorgungszentrums (4,8 Millionen, bis Dezember 2019) sind nur Baugruben ausgehoben. Bei den Sportanlagen wird das Heeresmusikkorps eine neue Bleibe erhalten. Das Staatliche Hochbauamt Ulm soll dafür sorgen, dass der Standard der Unterkünfte in der Kaserne deutlich gehoben wird, auf Einzelzimmer mit Duschbad.

Entscheidung Anfang Juni

All das soll auch vorbereiten auf die Ansiedlung des neuen Kommandos, das nach Plänen der Bundesregierung in der Wilhelmsburgkaserne untergebracht werden soll: vorausgesetzt, die Verteidigungsminister der Nato-Staaten stimmen diesen Plänen in ihrer Konferenz am 7. und 8. Juni zu und die Regierungschefs folgen dem im Juli.

Dieses neue  Kommando soll, wie schon berichtet, im Fall eines Einsatzes für den Truppen- und Materialtransport der Nato in Europa zuständig sein und auch ihren Schutz koordinieren. Knappe zeigt sich zuversichtlich, dass beide Kommandos in Ulm ihren Sitz haben und unter seinem Befehl stehen. „Das ist auch ein Stück Zukunftssicherung für den Bundeswehrstandort Ulm.“ Und es zeige, dass Deutschland seiner Bündnisverpflichtung in der Nato gerecht werde.