Ulm Namen für die Opfer

"Wir gedenken der Opfer. Wir werden sie nicht vergessen." Zwei der Sätze, die auf der Stele am Eingang zum Logistikzentrum von Ratiopharm im Donautal stehen. Das ist dem Ulmer Initiativkreis zu wenig. Denn: Vergessen ist erst, wessen Name vergessen ist.
"Wir gedenken der Opfer. Wir werden sie nicht vergessen." Zwei der Sätze, die auf der Stele am Eingang zum Logistikzentrum von Ratiopharm im Donautal stehen. Das ist dem Ulmer Initiativkreis zu wenig. Denn: Vergessen ist erst, wessen Name vergessen ist. © Foto: Oliver Schulz
Ulm / RUDI KÜBLER 30.12.2015
Die Stele steht für 58 behinderte Menschen, die im Oberen Riedhof lebten und in Grafeneck ermordet wurden. Würdige Erinnerung aber sieht anders aus, sagt ein Kreis Ulmer Bürger. Sie fordern ein Denkmal.

Vor etwas mehr als elf Jahren, genau am 23. September 2004, war die Stele auf dem Gelände des Ratiopharm-Logistikzentrums im Donautal enthüllt worden - zwischen B 311, Graf-Arco- und Nicolaus-Otto-Straße. Dort, wo einst der Obere Riedhof stand, 1893 gegründet als "Armenbeschäftigungs- und Bewahranstalt". Die Stele erinnert an 58 behinderte Menschen, die in dem Heim gelebt haben und, weil sie unter den Nationalsozialisten als "unwertes Leben" galten, 1940 vergast wurden - in Grafeneck auf der Münsinger Alb.

"Wer die Stele sucht, findet sie mit Sicherheit nicht", sagt Dr. Mark Tritsch, einer der Mitgründer der Stolperstein-Initiative. Zum einen gibt es keinen Hinweis auf die Tafel, die links neben der Einfahrt zum Logistikzentrum steht. Zum anderen überwucherte die Natur die Stele; ein Gespräch mit Markus Leyck Dieken, Chef von Teva Deutschland, und Büsche sowie Unkraut waren entfernt. "Er hat das versprochen und auch gehalten", sagt Tritsch.

Was ihn und seine Mitstreiter - Karin Hanekamp und Franz Schweitzer von der Behindertenstiftung Tannenhof, Lothar Heusohn von der Ulmer vh, Martin König von der Stolperstein-Initiative, sowie die beiden Pfarrer Dr. Andreas Hoffmann-Richter und Friedemann Bauschert, Dr. Michael Koch, Dr. Silvester Lechner und Dr. Walter Wuttke - vielmehr stört, ist die Lage. "Wünschenswert wäre ein Denkmal an einer hochfrequentierten Stelle", fordern sie in einem Brief. Damit könnten zwei Ziele erreicht werden: Einerseits wäre auf einer Tafel namentlich aller 58 Opfer zu gedenken. Andererseits wäre dies heute eine Gelegenhei,t das Recht behinderter Menschen zur gleichberechtigten Teilhabe in der Gesellschaft nochmals einzufordern.

"Wir möchten anregen, dass in einer breiten öffentlichen Diskussion die Frage eines adäquaten Denkmals thematisiert wird. Sowohl die geeignete Form als auch der Ort des Denkmals könnte sich in einer allerseits akzeptierten Lösung herauskristallisieren. Es ist an der Zeit, behinderte Menschen nicht länger an den Rand der Erinnerung, der Gesellschaft und der Stadt abdrängen zu wollen."

Plus stand für Tod, Minus für Leben

Gedenken Mehr als 100 Personen hatten Ende November dieses Jahres an der Gedenkveranstaltung "Wo bringt ihr uns hin?" in Wiblingen für die in der NS-Zeit ermordeten 58 Bewohner des Oberen Riedhofs teilgenommen. Aus diesem Personenkreis heraus entstand der Wunsch und die Forderung nach einem angemessenen Denkmal für die Menschen, die vor 75 Jahren der Aktion T 4 in Grafeneck zum Opfer gefallen sind.

Aktion T 4 Die Ermordung behinderter Menschen lief als "Geheime Reichssache" unter der Chiffre "Aktion T 4". Von der Tiergartenstraße 4 in Berlin wurden die Meldebögen an die Anstalten geschickt, ausgefüllt zurückgeschickt, von Ärzten geprüft und mit einem Plus oder Minus versehen. Plus stand für Tod, Minus für Leben. Die Heilanstalt Grafeneck wurde zur Tötungsanstalt: 10.000 Menschen starben allein dort, 70.000 reichsweit.

Stele Die Stadt Ulm hatte das ehemalige Riedhof-Areal an den Pharmahersteller Merckle verkauft, auf dem sich ein Pflege- und Altersheim befand, das 1974 in das Behindertenheim Tannenhof überführt wurde. Bis zum Abriss des Gebäudes hausten dort Wohnsitzlose unter erbärmlichen Umständen. Merckle hat im Gedenken an die Opfer der T 4-Aktion eine Gedenkplatte an der Ostseite des Logistikzentrums anbringen lassen.

 

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