Bauen Nachverdichtung in der Stadt: Wo geht noch was in Ulm?

Volker Jescheck: Wo ist im Innenbereich noch Wohnungsbau  möglich?
Volker Jescheck: Wo ist im Innenbereich noch Wohnungsbau  möglich? © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / HANS-ULI THIERER 17.08.2016
Mit Finanzhilfe des Landes hat die Stadt Ulm eine neue Stelle geschaffen. Ein Flächenmanager soll aufzeigen, wo noch Wohnungen entstehen können. <i>Mit einem Kommentar von Hans-Uli Thierer: Vermintes Gelände.</i>

Neue Stelle bei der Stadt Ulm:  Der Stadtplaner Christian Sydow, bis dato tätig in Cottbus, kümmert sich künftig ums innerstädtische Flächenmanagement. Er hat, verkürzt gesagt, die Aufgabe, jene Grundstücke und Areale im Innenbereich abzuklopfen, die für Wohnungsbau in Frage kommen, erläutert Chefstadtplaner Volker Jescheck. „Es geht um die Machbarkeit, eine klassische Management-Aufgabe “, sagt Jescheck.

Er ist sich darüber im Klaren, dass der neue Mann ein heikles Feld beackern wird. In der Regel handelt es sich um Nachverdichtungen,  die in den betroffenen Nachbarschaften meist auf wenig Gegenliebe stoßen. Wo also geht noch was mit Wohnungen in bestehenden Siedlungsgebieten? Grundlage für Beantwortung dieser Frage ist nach den Worten Jeschecks eine im vergangenen Frühjahr dem Gemeinderat im Zuge der Wohnungsbaudebatte vorgelegte Liste. Auf ihr stehen 47 potenziell für den Wohnungsbau im Innenbereich in Frage kommenden Flächen. Nicht zuletzt handelt es sich um Grundstücke entlang der neuen Straßenbahnlinie 2, in der die Stadtplanung eine Entwicklungsachse auch für Wohnungsbau, gemäßigte Nachverdichtungen und die Ansiedlung von kleinem, nicht störendem Gewerbe und von Dienstleistern sieht. 

Der neue Mann wird sich außerdem kümmern um die Frage, wo in Ulm weitere Kleingärten ausgewiesen werden können. Für Jescheck und seine Stadtplaner, die mit den organisierten Kleingärtnern darüber im Gespräch sind,  spielt die Linie 2 auch dabei eine Rolle; insbesondere  am Eselsberg sehen sie Möglichkeiten für weitere Kleingärten.

Das Land Baden-Württemberg unterstützt die Stadt im Bestreben, die Innenentwicklung voranzutreiben.   Das  Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau fördert die Stelle im kommunalen Flächenmanagement durch einen einmaligen Zuschuss in Höhe von 52 600 Euro, verteilt auf zwei Jahre. 

In einer Mitteilung der Wohnungsbauministerin Nicole Hoffmeister-Kraut heißt es: Qualitätsvolle Stadtentwicklung solle allen Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit auf bezahlbaren Wohnraum eröffnen. „Mit Engagement und Geduld lassen sich die Entwicklungspotenziale im Innenbereich der Städte und Gemeinden aufspüren und wieder nutzbar machen.“

Eine Stadt wie Ulm, die auch über zahlreiche Konversionsflächen verfüge, stehe vor besonderen Herausforderungen, denen sich nun ein kommunaler Flächenmanager annehmen könne, sagt die Ministerin. Es gehe nicht nur um möglichst verdichtetes Bauen, sondern auch um qualitätsvolle Stadtentwicklungen. Das Aufgabengebiet des Flächenmanagers umfasse Untersuchungen zu Aufstockungs- und Sanierungsmöglichkeiten. Der  Flächenmanager sei zuständig für Ersatzbebauungen. Er soll von Bürgerbeteiligungen organisieren und eben Realisierungskonzepte in der Innenentwicklung erstellen. Das Ministerium betrachtet den Flächenmanager  als „Bindeglied zwischen Verwaltung, Grundstückseigentümern, Investoren und allen an Prozessen der Innenentwicklung Beteiligten“.
 

Vermintes Gelände

Ulm wächst auch in Zeiten des demografischen Wandels und der alternden Gesellschaft noch. Das hat viele Gründe. Die wichtigsten: attraktive Arbeitsplätze und im Vergleich zu den  Metropolregionen trotz Preissteigerungen immer noch leidlich erschwingliches Wohnen.

Ulm wird noch weiter wachsen, wenn erst die ICE-Neubaustrecke fertig und die Strecken nach München und noch viel mehr nach Stuttgart  quasi in Nahverkehrszeit zurückzulegen sind. Eine solche Stadt hat gar keine andere Möglichkeit, als die Nachfrage nach Wohnraum auf Flächen zu stillen, die  für ein städtisches, urbanes Verständnis noch nicht optimal ausgenutzt sind. Es ist also nur konsequent, wenn sich das Land – mit reichlich Getöse für die alles in allem bescheidenen, auf zwei Jahre verteilten 52 600 Euro – an der Aufgabe eines gezielten Flächenmanagements beteiligt.

Der dafür eingestellte neue Stadtplaner ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden. Denn ein Flächenmanager wandelt ständig auf vermintem Gelände. Überall in Siedlungsgebieten sind Nachverdichtungen – und um die geht es in aller Regel – ungeliebte Kinder. Ist ja irgendwie auch verständlich: Wer lässt sich schon gerne den Blick aus dem Fenster durch ein neues Haus verstellen? 

So verständlich Abwehrhaltungen sind: Es gibt keine Alternative zur dichteren Stadt. Heutzutage aber bessere städtebauliche Konzepte als die groben Wohnsilos der 1960er und 1970er Jahren wie am Tannenplatz.

Innen vor außen

Förderprogramm „Flächen gewinnen durch Innenentwicklung“ wurde als Programm durch das Land mit den kommunalen Landesverbänden entwickelt. Seit Bestehen 2010 wurden nach Angaben des  Stuttgarter Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau 200 Projekte zur Innenentwicklung mit einem Fördervolumen von rund fünf Millionen Euro unterstützt. Das Programm bietet Städten, Gemeinden, Landkreisen und Nachbarschaftsverbänden finanzielle Unterstützung bei nicht-investiven Vorhaben an, „um die innerörtlichen Entwicklungspotenziale im Hinblick auf den effizienten Umgang mit Fläche zu mobilisieren“, wie es in einer Mitteilung heißt. Gefördert werden Ideen, Konzepte und Planungen, die das Ziel einer kompakten Siedlungsstruktur sowie lebendiger Ortskerne mit guter Nahversorgung und kurzen Wegen verfolgen. Ein Förderschwerpunkt ist vor dem Hintergrund der landesweiten Wohnungsengpässe die zeitnahe Mobilisierung innerörtlicher Flächen für den Wohnungsbau.

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