Theater Ulm Nachts im Museum: „Motezuma“

Verzweifeltes Herrscherpaar: Motezuma (Martin Gäbler) und I Chiao Shih (Mitrena).
Verzweifeltes Herrscherpaar: Motezuma (Martin Gäbler) und I Chiao Shih (Mitrena). © Foto: Jean-Marc Turmes
Ulm / Jürgen Kanold 31.03.2018
Am Theater Ulm zeigt die Regisseurin Antje Schupp eine Barockoper von Antonio Vivaldi mit politischen Kommentaren. Viel Applaus für Antonio Vivaldis „Motezuma“.

Ein Glas Sekt, schnell noch ein Schnittchen. Und dann die Volkskunst der Azteken und ein Kapitel der spanischen Kolonialgeschichte aus dem frühen 16. Jahrhundert bestaunen. Es ist Vernissage im Museo Nacional del Prado:  „Motezuma  – Untergang eines Reiches“ heißt die groß plakatierte Ausstellung. Aber die Exponate beginnen ein Eigenleben und steigen vom Sockel. Man kennt das aus Hollywood-Filmen: Nachts im Museum, nur dass keine Saurierskelette durchs Haus klappern, sondern Häuptling Motezuma samt Gattin Mitrena und Tochter, die federngeschmückten Mexikaner, sich gegen die Spanier um General Fernando (Cortéz) verteidigen müssen.

Es ist nicht einfach eine kostümbunt mit historischer Folklore dekorierte Barockoper um Liebe und Macht, die Antje Schupp am Theater Ulm inszeniert. Die Regisseurin hat Antonio Vivaldis „Motezuma“ mit politischem Bewusstsein auf die Bühne gebracht. Und zwar ziemlich konsequent, nachvollziehbar, überzeugend. Das 1733 uraufgeführte Werk hält diesen Transfer ins Heute gut aus.

Antje Schupp hat nicht nur die Partitur, sondern auch die UN-Resolution 61/295 gelesen: „Indigene Völker haben das Recht, ihre spirituellen und religiösen Traditionen, Bräuche und Riten zu bekunden, zu pflegen, weiterzuentwickeln und zu lehren . . .“  Es steht in diesem 2007 verabschiedeten Text aber auch, dass die Staaten Wiedergutmachung zu leisten haben für das kulturelle und geistige Eigentum, das diesen Völkern entzogen worden ist. Die Libretti barocker Opern sind ja oft krude und dienen dazu, dass Sänger in prachtvollen Koloratur-Arien diverse Seelen-Affekte zum Ausdruck bringen können. Antje Schupp aber gelingt es, mit dem Figuren-Personal tatsächlich eine Geschichte zu erzählen.

Es ist ein Albtraum, unterhaltend ausgespielt, und der geht so: Auch im Museum (starke Bühne und Kostüme: Mona Hapke) gewinnen die Spanier schnell ihren Feldzug und nehmen den Mexikanern ihre Identität, plündern die Exponate und stellen ein Kreuz auf. Der zweite Akt spielt im Plenum einer Menschenrechtskonferenz der UN: Duelle am Rednerpult. Der dritte Akt führt zurück ins zerstörte, brennende Museum. Gedemütigte Azteken, gewaltbereite Spanier. Ein Happy End, die Hochzeit von Motezumas Tochter Teutile mit Ramiro, dem Bruder Fernandos? Blühende Landschaften? Nein, was jetzt auf die Sockel der Ausstellung gehoben wird, sind die quasireligiösen Bilder der neuen Staatsreligion Kapitalismus: die Logos von McDonald’s, Apple, Allianz, Monsanto oder Shell.

Wie funktioniert das mit der Musik, die aufwändig auch mit Blechbläsern und Pauken aufwartet für Haupt- und Staatsaktionen? Eigentlich ganz gut. Was die Philharmoniker unter der Leitung von Michael Weiger darboten, war auch kein historisch informiert gezündetes Feuerwerk der Barock-Oper, das unter dem Nebel einer szenischen Überbilderung litt. Andererseits war es in der Premiere vortrefflich, wie Weiger die Aufführung organisierte. Schließlich konnte Martin Gäbler den Motezuma nur szenisch spielen, der kurzfristig vom Staatstheater Darmstadt verpflichtete Bariton Davis Pichlmaier rettete die Vorstellung, indem er von der Seite aus vom Blatt sang  – und es ausgezeichnet tat.

Ansonsten ist diese Oper eine weibliche Angelegenheit (zu Vivaldis Zeiten waren noch Kastraten im Einsatz gewesen). Frauenstimmen also, ein überzeugendes Ensemble: I Chiao Shih als mit ganzem Herzen kämpfende Mitrena, Helen Willis als deren Tochter Teutile und Maria Rosendorfsy als Asprano, General der Mexikaner. Julia Sitkovetsky singt den weinerlichen wie zynischen Fernando, Christianne Bélanger dessen aufbrausenden, selbstverliebten Bruder Ramiro.

Barock-Oper: nicht museal, sondern im Museum. Gemischte Reaktionen beim Premienpublikum: vom Abgang in der Pause bis zu einzelnen Standing Ovations am Ende.

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungen Das Theater Ulm spielt Antonio Vivaldis Oper „Motezuma“ in italienischer Sprache mit deutschen Untertiteln, und zwar in der Fassung von Alan Curtis. Die Oper auf ein Libretto von Girolamo Alvise Giusti wurde 1733 in Venedig uraufgeführt und erst 2002 im Archiv der Berliner Sing-Akademie wiederentdeckt. Die weiteren Vorstellungen im Großen Haus: heute, Karsamstag, 19 Uhr, sowie 6., 13., 15., 20. und 24. April; am 2., 5. und 24. Mai; am 3. und 20. Juni sowie am 7. Juli. Die Aufführung dauert knapp drei Stunden inklusive einer Pause. Karten: Telefon  0731/161-4444.

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